Recruiting | | von Annette Mattgey

Worauf es bei zeitversetzten Video-Interviews ankommt

Vielleicht hat der Personaler gerade Migräne und der Fachbereichsleiter Stress in der Familie - warum ein Bewerbungsgespräch nicht so klappt wie gewünscht, hat viele Gründe. Eine Methode, um die Bewertung zu objektivieren und auch mehr Kandidaten eine Chance zu geben, sind zeitversetzte Video-Interviews, wie sie etwa Viasto anbietet. Erste Erfahrungen in der Praxis sind positiv. Das hat auch der Medien-Berater Nico Rose schon erlebt. Für LEAD digital stellt er das Tool vor und gibt Tipps für Bewerber.

Wenn Sie sich demnächst bei einem zukunftsgerichteten Unternehmen bewerben, kann Ihnen folgendes passieren: Sie erhalten eine Mail mit der Bitte, einem Link zu folgen. Dieser leitet Sie auf eine Plattform, wo Sie schließlich aufgefordert werden, innerhalb einer Woche einige Fragen zu beantworten – und zwar sprechend, in die Kamera Ihres Laptops oder Smartphones. Und all dies, ohne dass am anderen Ende der Leitung jemand lauscht (z.B. via Skype). Stattdessen haben Sie einen vorgegebenen Zeitrahmen, um unterbrechungsfrei Ihre Antwort zu formulieren. Nach 15 – 20 Minuten ist der Spaß schon wieder vorbei.

Wenn dies passiert ist, wurden Sie zu einem asynchronen, webbasierten Video-Interview aufgefordert – so wie sie in Deutschland u.a. von der Firma Viasto angeboten werden. Ihre Antworten werden gespeichert und dem einstellenden Unternehmen zur Verfügung gestellt. Das Unternehmen hat im Vorfeld pro Frage Kriterien definiert, auf Basis derer Ihre Angaben evaluiert werden. Vielleicht werden Ihre Antworten chronologisch gesichtet. Vielleicht werden aber auch mehrere Bewerber nebeneinander in Bezug auf die gleiche Frage geprüft, dann auf die nächste usw.

Für Personalabteilungen bietet ein solches Werkzeug im Recruitingprozess einige interessante Vorteile, u.a.:

  • Flexibilität: Die Kandidaten können zeit- und ortsunabhängig begutachtet werden, feste Termine entfallen.
  • Vergleichbarkeit: Weil alle Bewerber die gleichen Fragen beantworten und keine Interaktionseffekte mit dem Interviewer entstehen, entfallen Variablen, die die Objektivität von klassischen Interviews negativ beeinflussen.
  • Crowd-Recruiting: Es können beliebig viele Menschen – theoretisch die ganze Firma – in die (Vor-)Auswahl von Mitarbeitern einbezogen werden. Dies eröffnet ganz neue Möglichkeiten, z.B. zur Klärung der Frage, ob ein potenzieller Mitarbeiter zur Unternehmenskultur passt.

Auf der anderen Seite mag das (noch ungewohnte) Verfahren einige Menschen von einer Bewerbung abhalten. Ich vermute allerdings, dass ein asynchrones Video-Interview letztlich nicht mehr Stress verursacht als ein herkömmliches Vorstellungsgespräch.

Aus der Sicht des Bewerbers stellt sich nun die Frage: Wie hinterlasse ich den bestmöglichen Eindruck im Rahmen eines solchen Interviews? Hier einige Hinweise:

  • Basics: Zunächst sind fast alle Aspekte relevant, die auch dem Erfolg in einem herkömmlichen Jobinterview zuträglich sind: Recherchieren Sie gründlich zum Wunschunternehmen. Kennen Sie Ihren Lebenslauf in- und auswendig. Legen Sie sich knackige Antworten auf häufig gestellte Fragen zurecht: Was genau interessiert Sie an der Stelle? Was sind Ihre Stärken? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Etc.
  • Technik: Checken Sie vorab Ihr Equipment. Und dann checken Sie es noch einmal. Und dann nochmal. Nichts ist ungünstiger, als wenn mitten im Interview Ton und/oder Bild ausfallen.
  • Kleidung: Auch ein asynchrones Video-Interview ist ein Vorstellungsgespräch. Kleiden Sie sich deshalb der gewünschten Stelle entsprechend, selbst wenn Sie alleine im Raum sind.
  • Bildausschnitt: Prüfen Sie, was im gewählten Bildausschnitt noch zu sehen ist. Ein Stapel dreckiger Teller im Hintergrund setzt Sie nicht wirklich ins rechte Licht.
  • Blickwinkel: Positionieren Sie die Kamera so, dass Sie auf Augenhöhe sind. Erfahrungsgemäß stellen viele Menschen die Kamera zu tief. Das zwingt Sie, nach unten zu schauen, was Sie tendenziell unsicher erscheinen lässt.
  • Gewöhnung: Machen Sie vorher Trockenübungen. Wenn Sie nicht gerade TV-Moderator sind, ist es ein ungewohntes Gefühl, mehrere Minuten am Stück zu sprechen, ohne Zuhörsignale (Nicken, ein interessiertes „Hmm“ etc.) zu ernten. Manchmal verzichten Menschen bewusst darauf (Pokerface), um ihr Gegenüber zu verunsichern. Üben Sie, auch in Abwesenheit von (positivem) Feedback selbstbewusst zu sprechen.  
  • Expressivität: Üben Sie besonders, auch in Abwesenheit eines Gegenüber expressiv und emotional zu sprechen. Ein Gespräch lebt auch von der gegenseitigen Beeinflussung durch Gestik, Mimik und Modulation der Stimme. Üben Sie, diese Instrumente einzusetzen, auch wenn Sie der einzige Mensch im Raum sind. Obwohl Sie Ihre späteren Beobachter nicht sehen können, wird man Sie sehr wohl sehen können – und ein entsprechend lockerer Umgang mit der Situation kann Ihnen trotz der Zeitversetztheit einen gehörigen Sympathiebonus einbringen.

Bevor Sie nun auf falsche Gedanken kommen: Sie werden auch in Zukunft keinen Job bekommen, ohne ein paar echten Menschen begegnet zu sein. Kein vernünftiges Unternehmen würde in einer späteren Phase des Bewerbungsprozesses auf den Austausch von Mensch zu Mensch verzichten. Doch richten Sie sich darauf ein, im ersten Schritt bisweilen nur noch Ihrer Webcam Rede und Antwort zu stehen. Zu verlockend sind aus Sicht der Personalabteilungen die oben genannten Vorteile dieses neuen Werkzeugs.

Nico Rose verantwortet als Senior Director Corporate Management Development das konzernübergreifende Employer Branding in einem großen deutschen Medienhaus. Auch dort wurden schon zeitversetzte Video-Interviews eingesetzt. Seit 2008 coacht er außerdem nebenberuflich Unternehmer und Führungskräfte. Im Frühjahr ist sein Buch Lizenz zur Zufriedenheit. Positive Psychologie in der Praxis bei Junfermann erschienen.

Worauf es bei zeitversetzten Video-Interviews ankommt

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