Nico Rose | | von Nico Rose

Wie wir lernen können, mehr Glück zu haben

Das englische Wort "Fortune"  für Glück lässt sich vom Namen Fortuna ableiten. Fortuna war die Göttin des Glücks bzw. Schicksals in der römischen Mythologie. In vielen Abbildungen wird sie mit einer Augenbinde porträtiert. Die Bedeutung: das Glück ist nicht parteiisch. Fortuna ist blind, sie schenkt dem einen Glück und Wohlstand, dem anderen das Verderben. Es ist ihr prinzipiell egal, sie ist ein Agent des Zufalls, ein Symbol für die Unberechenbarkeit des Lebens.

Dies ist zumindest, was die alten Römer glaubten: das Leben ist unabänderlich, etwas, was uns passiert, gar zustößt. Einige Menschen sind unter einem glücklichen Stern geboren, andere eben nicht. Wir können (und sollten!) nicht versuchen, den Lauf der Dinge zu beeinflussen.

Diese Sichtweise über die Welt ist mit sehr großer Wahrscheinlichkeit falsch – und ganz gewiss nicht hilfreich.

Mein Ziel ist es, Sie davon zu überzeugen, dass wir alle – zumindest bis zu einem gewissen Grad –  unseres eigenen Glückes Schmied sind. Wir können unsere Sterne neu ordnen, um ein Zitat aus dem Film "Ritter aus Leidenschaft" mit Heath Ledger zu bemühen. Wir können lernen, mehr Glück im Leben zu haben. Zu diesem Zweck werde ich auf die Forschung mehrerer Wissenschaftler zurückgreifen, und ebenfalls auf die Weisheit einiger zeitgenössischer "Philosophen". Außerdem werde ich auch auf meine persönliche Geschichte zurückgreifen, um einige Prinzipien zu veranschaulichen.

 

Prepare, be there, express, and say yes!

Die Wahrheit ist: ich bin ein Glückspilz. Ich durfte Ende 2014 auf einer TEDx-Konferenz in Bergen/Norwegen (Bild) sprechen. Und: ich war damit bereits zum zweiten Mal auf einer TEDx-Bühne. 2013 sprach ich bei TEDxCologne darüber, wie man einen längeren Autostau übersteht, ohne komplett die Nerven zu verlieren. Damals war ich allerdings gar nicht als Speaker eingeladen, sondern nur ein regulärer Gast. Einer der eingeladenen Redner hatte kurzfristig abgesagt, doch anstatt einfach eine längere Pause zu machen, wandten sich die Organisatoren an das Publikum:  "Okay,  wir teilen die 18 Minuten durch drei und wer gerne einen improvisierten fünfminütigen TEDx-Talk halten möchte, schreibe bitte seinen Namen auf ein Stück Papier und lege es in der nächsten Pause auf das Rednerpult." Also habe ich meinen Hut in den Ring geworfen, wurde aus dem Stapel gezogen und gab meinen ersten, wenn auch inoffiziellen, TEDx-Talk.

Sicherlich war hier auch der Zufall am Werk. Auf dem Rednerpult lagen um die zehn bis zwölf Zettel. Meine Chancen lagen also ungefähr bei eins zu drei. Aber: um ad hoc einen TEDx-Talk halten zu können, brauchte es ein wenig mehr als Glück. Zunächst einmal, auch wenn es zu selbstverständlich klingt, um es extra zu erwähnen: Anwesenheit. Ich  hatte irgendwann, wie üblich auf den letzten Drücker, noch ein Ticket ergattert und mich auf den Weg gemacht. Im nächsten Schritt brauchte es Optimismus. Ich musste meinen Namen auf den Tisch legen und daran glauben, dass ich der Welt etwas zu sagen habe. Schließlich erforderte es Mut: als mein Name tatsächlich gezogen wurde, habe ich "Ja!" gesagt, obwohl ich ordentlich weiche Knie hatte.

Doch das ist noch nicht alles. Um einen improvisierten TEDx-Talk halten zu können, muss man vorbereitet  sein. Man muss Wissen und Geschichten im Hinterkopf haben. All die Bücher, die ich gelesen habe, und die Seminare, die ich besucht habe, die vielen TED-Talks, die ich mir selbst angeschaut habe: All das hat mir geholfen, vorbereitet zu sein, als sich die Gelegenheit auftat.

Für mich sind dies vier wesentliche Elemente, um unseres eigenen Glückes Schmied zu werden. Vorbereiten, dabei sein, sich ausdrücken, und "Ja!" sagen (Prepare, be there, express, and say yes).

Vorbereiten

Der Wissenschaftler Louis Pasteur sagte einst: "Der Zufall begünstigt den vorbereiteten Geist." Pasteur bezog sich seinerseits auf die Natur wissenschaftlicher Entdeckungen – aber ist das nicht nur eine Spezialform von Glück? Was er sagen wollte: Wir müssen verstehen, was wir sehen, wenn wir etwas sehen. Wir müssen in der Lage sein, verschiedene Punkte miteinander zu verbinden, Muster zu entdecken, und den Sinn des Ganzen zu erkennen. Diese Fähigkeit wiederum beruht auf Vorerfahrung und Expertise. Aus diesem Grund haben wir umso mehr Glück, je mehr wir lernen und wachsen.

Dabei sein

Im nächsten Schritt gilt mein Augenmerk einem modernen Philosophen: Mr. Woody Allen; er sagte einmal: "Dabeisein ist 80 Prozent des Erfolgs im Leben." Ich denke, er hat absolut Recht. Wir müssen raus gehen, Leute treffen, neugierig sein. Wir müssen achtsam, offen und aufmerksam  sein. Das Glück findet es uns selten, wenn wir alleine zuhause hocken. Eher findet es uns in Form von anderen Menschen. Das Glück begünstigt diejenigen, die rausgehen und sich austauschen. Wenn man kein Ticket für ein TEDx-Event kauft, gibt es auch keine Möglichkeit, einzuspringen, wenn einer der Redner ausfällt. Wer sich nicht für seinen Traumjob bewirbt, wird ihn auch keinen Fall bekommen. Wer sich nicht traut, den/die hübsche/n Fremde/n anzusprechen, bleibt allein. Wir haben umso mehr Glück, je neugieriger und offener wir sind.

Sich ausdrücken

Wenden wir uns nun der Wissenschaft zu. Richard Wiseman ist ein britischer Psychologie-Professor, der durch seine unkonventionellen Forschungsideen große Bekanntheit erlangte. Vor etwa zehn Jahren veröffentlichte er ein Buch namens The Luck Factor. Es ist insgesamt sehr lesenswert, aber ich möchte hier nur ein Zitat hervorheben:

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"Glück […] ist keine magische Kraft und kein Geschenk der Götter. Es ist ein Geisteszustand, eine bestimmte Art des Denkens und Verhaltens."

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Was Wiseman unter anderem experimentell herausfand: Glückliche Menschen haben in der Regel nicht objektiv mehr Glück – sie arbeiten einfach härter und geben weniger schnell auf. Sie demonstrieren mehr "Grit", wie die Professorin Angela Duckworth von der University of Pennsylvania es nennen würde (hier ihr TED Talk zu diesem Thema), sie sind eher bereit, die sprichwörtliche Extrameile zu gehen.

Ein weiteres wichtiges Merkmal von glücklichen Menschen: sie können gut zuhören, helfen anderen Menschen dabei, sich selbst auszudrücken. Wir müssen der Welt zeigen, was wir zu geben haben. Und wir müssen andere Menschen dabei unterstützen zu zeigen, was sie zu geben haben. Wir haben umso mehr Glück, je mehr wir von uns zeigen und hergeben.

Ja sagen

Schließlich, wenn das Glück an die Tür klopft, gilt es "Herein und Ja!" zu sagen.  Sir Richard Branson ist der Urheber des folgenden Zitats: "Wenn dir jemand ein fantastisches Angebot macht und du nicht weißt, ob du es annehmen kannst: sag erstmal ja und finde später heraus, wie du es möglich machen kannst." Dieses Prinzip hat wiederum eine Menge mit meinem TEDx-Talk in Norwegen zu tun. Tatsächlich erhielt ich die Einladung dazu erst fünf Tage vor dem Event, normalerweise hat man einige Monate Vorlauf.

Ich traf einige Wochen früher zufällig jemanden aus dem Organisationsteam in Berlin, einen jungen deutschen Austauschstudenten. Zwei Monate später begegneten wir uns erneut auf einer Veranstaltung in London. Dort erzählte er mir, dass er gerade dabei sei, die Planungen für ein TEDx-Event an der Handelshochschule in Bergen abzuschließen. Im Spaß sagte ich damals: "Das ist ja großartig! Wenn ihr das im nächsten Jahr nochmal macht, könnt ihr mich ja als Redner einladen."

Fünf Tage vor der Veranstaltung, an einem Montag, schickte er mir eine Facebook-Nachricht. Einer der Redner hatte abgesagt und er fragte mich, ob ich Zeit und Lust hätte, am Samstag nach Norwegen zu kommen.  Als guter und damit latent risikoaverser Deutscher hätte ich natürlich sagen müssen: "Oh, Norwegen? Diesen Samstag? Das geht nicht. Weißt du, am Samstag muss ich ja den Wocheneinkauf machen…und dann kommt ja auch Fußball im Fernsehen...und es ist ja auch eine wirklich lange Reise…und…"

Aber: ich habe "Ja!" gesagt. Ich bin ein Glückspilz. Um der Wahrheit zur Ehre zu gereichen: ich habe erst meine Frau um Erlaubnis gefragt und dann "Ja!" gesagt. Wir haben umso mehr Glück, je häufiger wir "Ja!" anstatt "Nein!" sagen.

Das Glück ist naheliegend

Zum Schluss kehren wir noch einmal zur Wissenschaft zurück. Vor einigen Jahren las ich das Buch Wo gute Ideen herkommen des amerikanischen Journalisten Steven Johnson. Es ist ein Buch über Innovation, genauer gesagt geht es um die Frage, warum bahnbrechende Erfindungen typischerweise nicht einfach irgendwo gemacht werden, sondern unter ganz bestimmten Bedingungen an besonderen Orten. Ein wichtiges Konzept für Johnsons Argumentation ist das "benachbarte Mögliche" (im Original: Adjacent Possible), welches er von dem Evolutionsbiologen Stuart Kauffman übernommen hat. Im Kern geht es um folgende Idee:

Das "angrenzende Mögliche" ist ein noch nicht realisierter Zustand eines Systems –  oder vielmehr eine Vielzahl von noch nicht realisierten Zuständen. Es ist ein Möglichkeitsraum, eine Reihe von wahrscheinlichen Zuständen, die eintreten könnten, oder auch nicht. Faktisch gibt es allerdings immer Beschränkungen hinsichtlich dessen, was tatsächlich möglich ist. Ein Beispiel aus der Biologie: in einer Welt, in der es nur Einzeller gibt, gehören voll funktionstüchtige Dinosaurier nicht zum "angrenzenden Möglichen". Das Leben kann nicht einfach vom Einzeller zu einer komplexen Lebensform springen. Aber zwei Zellen, das ist möglich, und dann vier, und dann ein Zellhaufen, schließlich komplexe Strukturen – und viel, viel später haben wir dann vielleicht doch den Tyrannosaurus Rex.

Johnson übertrug dieses Prinzip auf die Welt der Ideen und Innovationen. Er zeigt auf, dass auch Innovation sich notwendigerweise entlang eines Pfades des "benachbarten Möglichen" bewegt. So konnte beispielsweise das Automobil selbstverständlich nur deshalb gebaut werden, weil zuvor bereits das Rad, die Ölraffinerie und der Verbrennungsmotor (und viele andere Komponenten) erfunden wurde. Außerdem ist es zwingend notwendig, alle diese Komponenten zu kennen – und dann die "Punkte zu verbinden".

Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses "naheliegende Mögliche" auch der Grund ist, warum einige Menschen mehr Glück haben als andere. Weil sie sich vorbereiten und dabei sind, weil sie sich ausdrücken und anderen helfen, sich auszudrücken. Und schließlich, weil sie oft und gerne "Ja!" sagen. Durch diese Verhaltensweisen vergrößern sie ihren unmittelbaren Möglichkeitsraum und ermöglichen, was anderen unmöglich erscheint. Wir können unseres eigenen Glückes Schmied sein.

Prepare, be there, express, and say yes!

Dieser Artikel ist eine gekürzte Form dieses TEDx-Talks:

 

Wie wir lernen können, mehr Glück zu haben

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