Wie mörderisch ist unsere Arbeitswelt?
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Filmtipp | | von Annette Mattgey

Wie mörderisch ist unsere Arbeitswelt?

Selbstmorde bei Apple-Zulieferern - oder jüngst bei Dentsu in Tokio: Solche Nachrichten bringen uns zum Nachdenken und werfen ein Schlaglicht auf unsere verdichtete, globalisierte Arbeitswelt. Genau das ist auch das Anliegen der ARD-Themenwoche, die am Mittwoch den Spielfilm "Dead Man Working" ausstrahlt. Der Titel ist eine Hommage an den US-Klassiker "Dead Man Walking" über den letzten Gang eines Straftäters zu seiner Hinrichtung.

Zu Beginn schwebt die Kamera zwischen den verspiegelten Bürotürmen umher. Wir tauchen ab in die hermetische Welt der Investmentbanker in der Mainmetropole: "Frankfurt war immer schon Krönungsstadt", sagt der junge Banker Tom Slezak (Benjamin Lillie) mit unerschütterlichem Selbstvertrauen und kalter Arroganz. Kein Wunder, er ist der gehätschelte Zögling des Top-Investmentbankers Jochen Walther (Wolfram Koch), der kurz vor dem Abschluss eines großen Deals steht, der ihn vollkommen in Beschlag nimmt.

Aber es läuft nicht wirklich rund für Walther, der Workaholic kapselt sich immer mehr ab, auch von seiner Familie. Als das Geschäft mit den Saudis dann doch klappt, ist der große Zocker Walther am Ende: Er stürzt sich vom Dach der Konzernzentrale. Der spannende, hochkarätig besetzte Wirtschafts-Thriller "Dead Man Working" läuft am Mittwoch (02.11.) im Rahmen der ARD-Themenwoche "Zukunft der Arbeit" um 20.15 Uhr im Ersten.

Wie funktioniert der globale Finanzkapitalimus? In der furiosen ersten halben Stunde seines Films zeigt Regisseur Marc Bauder eine in sich geschlossene Welt der Finanzströme und Börsenkurse, in der die nach außen so mächtig scheinenden Top-Banker wie Marionetten an den Fäden des Systems hängen - menschliche Regungen oder Mitgefühl sind hier nur hinderlich, es zählt allein der maximale Profit. Wer nicht rund um die Uhr funktioniert, wird ausgetauscht. Oder begeht Suizid.

Marc Bauder kennt sich gut aus in dem Metier. Der 1974 geborene, studierte Betriebswirt hat bereits mehrere Dokumentarfilme über die Finanzbranche gedreht, für "Master of the Universe" wurde er 2014 mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet. Mit "Dead Man Working" wirft er ein kritisches Schlaglicht auf die Bankenbranche, die aus der globalen Krise von 2008 nicht viel gelernt zu haben scheint. Der vielbeschworene "Kulturwandel" ist, so legt Bauder nahe, nicht viel mehr als eine Worthülse. Hinter den Kulissen läuft alles weiter wie zuvor, von einer gesellschaftlichen Verantwortung der Kreditinstitute kann nicht die Rede sein.

"Dead Man Working" entwickelt sich auch dank der guten Schauspieler nach dem starken Auftakt zu einem spannenden Kriminalfilm. Wer hat schuld am Suizid von Jochen Walther? Seine Ehefrau Nora (Jördis Triebel) beschuldigt die Vorstandsriege um den intriganten Wilfried von Bensen (routiniert: Manfred Zapatka), ihren Mann in den Tod getrieben zu haben. Auch Walthers junger Kollege Tom will nicht zur Tagesordnung übergehen. Der junge Berliner Theaterschauspieler Benjamin Lillie verkörpert diesen aalglatten Musterschüler eines Finanz-Jongleurs ausgesprochen überzeugend.

Wolfram Koch, der im Frankfurter "Tatort" als Kriminalhauptkommissar Paul Brix unterwegs ist, spielt den großen Investment-Zampano mit sichtlicher Freude und sarkastischer Verve. Genüsslich lässt er Auszubildende auflaufen. Seinen Zögling Tom dagegen knuddelt er wie einen Ersatzsohn, während seine eigene Familie nur per Videoschaltung präsent ist.

So entsteht das faszinierende Psychogramm eines Workaholic, der süchtig wird nach seinen börsengenerierten Adrenalin-Kicks. Ein Arbeitstier im goldenen Käfig. "Wieso springt einer, der es geschafft hat?", fragt einer der Banker. Eine eindeutige Antwort kann Marc Bauders Film nicht geben. Aber er zeigt eindrucksvoll, wie der Turbokapitalismus die Menschen deformiert, die hier nur als "Humankapital" fungieren.

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Johannes von der Gathen, dpa

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