Microsoft will die Teams zusammenbringen.
Microsoft will die Teams zusammenbringen. © Foto:Microsoft

Kollaboration | | von Anja Janotta

Wie Microsoft die Arbeitskultur neu erfindet

An diesem Dienstag eröffnet Microsoft das neue Domizil in München Nord. Mit neuen Raumkonzepten soll die Zentrale mehr sein als nur ein Dach für viele Büros. Sie ist ein Bollwerk im Krieg um die besten Talente. Seit Jahren schon macht der Software-Riese mit neuen Arbeitsmodellen von sich reden - nun soll das Büro dem neuen Arbeiten besonders Rechnung tragen. "Arbeit ist keine lästige Pflicht mehr, sondern eine Selbstentfaltung", hat der Konzern deswegen auch verlauten lassen. Die neue Deutschland-Zentrale stehe für die Verschmelzung von Arbeit und Leben, sagt Microsoft-Deutschland-Chefin Sabine Bendiek. Sie habe längst begonnen.

Flexible Arbeitszeitmodelle

Taktgeber für  ist die Industrie 4.0. Zu meistern sind deren Herausforderungen nur mit hoch qualifizierten Wissensarbeitern, sagte Bendiek der dpa. "Um ihrer Kreativität Raum zu geben, muss man ihnen gewisse Freiheiten einräumen." Deshalb setzt die Managerin auf viel Kommunikation und Eigenverantwortung statt auf starre Regeln und strenge Hierarchien. Warum, fragt sie, sollte eine Mutter sich nicht nachmittags zu Hause für einige Stunden um die Kinder kümmern können - und ihre Arbeit am Abend fortsetzen, wenn der Nachwuchs im Bett ist?

Die Presse und einige Instagramer durften schon eine Woche vor der offiziellen Eröffnung durch die Räume streifen und sich ein Bild von den verschiedenen Work-Zonen und dem Arbeitsleben innerhalb der neuen Zentrale machen. Damit zum Beispiel der Austausch mit den Kollegen vor Ort klappt, räumt die Microsoft-Zentrale viele Plätze zur Kollaboration zwischen den Kollegen und den Chefs frei. Neben einer Konzentrationszone namens "Think Workspace" gibt es zahlreiche Sitzecken mit Lounge-Möbeln oder eine schicke Kaffeebar im großen Atrium.

Wo ist mein Arbeitsplatz heute?

Feste Arbeitsplätze sind für niemanden eingerichtet - auch Bendiek selbst findet sich morgens über eine App mit ihrer Assistentin zusammen und wählt sich einen Platz, der für sie gerade am besten passt. Microsofts "Clean-Desk-Policy" sorgt dafür, dass sie an jedem Schreibtisch sofort loslegen kann. Jeder Microsoft-Mitarbeiter soll seinen Platz so verlassen, wie er ihn vorgefunden hat: leer, sauber und ohne persönliche Gegenstände.  Dafür hat er Schließfächer, Schränke und Regalfächer. Weil es immer mehr ins Home-Office zieht und die Büros durch das flexible Arbeiten beser ausgelastet sind, hat Microsoft auch weitaus weniger Arbeitsplätze eingeplant. Statt der 1900 wie vorher gibt es nur noch 1100. Seit 1998 hat der Konzern schon flexible Arbeitszeiten und eine Vertrauensarbeitszeit eingeführt. 90 Prozent der Mitarbeiter würden diese Regelungen nutzen, heißt es aus München.

Warum es ohne Disziplin nicht funktioniert

Trotz aller Lockerheit: Die Mitarbeiter sollen erfolgsorientiert arbeiten. Werden Ziele nicht erreicht, wird nachjustiert. Als Leistungsdruck will Bendiek das aber nicht verstanden wissen. "Das Schöne ist ja, dass der Mensch per se durch Erfolg sehr motiviert wird", sagt Bendiek, die sich von den Kollegen duzen lässt. Das flexible Arbeiten ohne feste Zeiten, Orte und Überstundenerfassung verlange allerdings auch viel Disziplin, räumt sie ein. So müssen die Mitarbeiter nach arbeitsintensiven Phasen selbst für ihren Freizeitausgleich sorgen. Und wenn Bendiek etwa am Wochenende Mails verschickt, die nicht brandeilig sind, schreibt sie möglichst gleich in den Betreff, dass sie erst am Montag dazu eine Rückmeldung braucht.

Ein Video zeigt das neue Gebäude unter dem volltönenden Hastag #worklifeflow:

Was Gewerkschaften an der neuen Arbeitswelt kritisieren

Gewerkschaften sehen diese neuen flexiblen Arbeitsweisen kritisch. Sie haben ihre Tücken dann, sagen diese, wenn zugleich die Zielvorgaben die Beschäftigten unter permanenten Druck setzen. Den Führungskräften komme dabei eine hohe Verantwortung zu - der sie allerdings längst nicht immer gerecht würden, sagt Hilde Wagner, Ressortleiterin Tarifpolitik beim IG-Metall-Vorstand. "Allzu oft sind sie mehr an der Einhaltung ehrgeiziger Projektziele und Kostenvorgaben interessiert als an der Gesundheit ihrer Mitarbeiter", so die Gewerkschafterin.

Die Beschäftigten stünden unter dem Druck ständiger Bewährung, ohne dass sie einen Einfluss auf die Rahmenbedingungen der Arbeit wie etwa personelle Kapazitäten hätten. "Mehr Druck durch mehr Freiheit" beschreibe diese paradoxe Situation am treffendsten, meint Wagner. Entscheidend sei, dass Arbeitszeiten erfasst und dokumentiert würden. "Und zwar unabhängig davon, wo sie stattfinden."

Aufhalten lassen wird sich der Trend zu flexiblen Arbeitsmodellen, Projektarbeit und mehr selbstständigem Arbeiten derweil nicht, glaubt Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit. Mit betrieblichen Vereinbarungen könne es aber gelingen, die Interessen der Unternehmen und Beschäftigten auszutarieren, sagt der Experte. "Die Freiheit darf nicht nur in eine Erhöhung der Arbeitsintensität münden. Denn wenn man nur die Anforderungen erhöht, kann das auch zu gesundheitlichen Problemen bei den Beschäftigten führen."(dpa/aj)

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