Hermann Scherer, Redner, Coach und Buchautor.
Hermann Scherer, Redner, Coach und Buchautor. © Foto:Hermann Scherer

Coaching | | von einem W&V Leserautor

Wie man "Ankündigungsaktionismus" in Produktivität umwandelt

Sind Sie schon produktiv? Oder sind Sie nur aktiv? Über den feinen Unterschied hat Redner und Coach Hermann Scherer gerade ein neues Buch geschrieben ("Fokus! Provokative Ideen für Menschen, die was erreichen wollen", Campus Verlag). Bei seinen Kunden hat er einen "Ankündigungsaktionismus" festgestellt, auf den aber in 97 Prozent aller Fälle keine Umsetzung folgt. Woran liegt das? Scherer plädiert für mehr Konzentration und ungewöhnliche Wege, an den eigenen Zielen festzuhalten. Für W&V Online hat er sieben Stolpersteine auf dem Weg zum fokussierten Leben zusammengetragen. 

Man muss nur Wollen

Dieser Satz ist so bekannt wie falsch, denn Erfolge durch Lebensänderungen mit dem Willensmuskel sind überschaubar und relativ. Entweder Sie haben keinen Erfolg, weil Ihr Wille zu schwach ist – als Resultat wird Ihr Wille sich ein wenig schämen und noch ein Stückchen weiter schrumpfen. Oder Sie haben Erfolg, haben sich aber unangenehme Nebenwirkungen eingehandelt. Sie haben es also zum Beispiel geschafft, signifikant abzunehmen, rauchen aber vor lauter Nervosität die dreifache Menge Zigaretten pro Tag und haben ständig Krach mit Ihrem Partner, weil Sie so schlecht gelaunt sind. Oder umgekehrt: Sie haben sich das Rauchen abgewöhnt und wiegen seitdem zwanzig Kilo mehr und haben keinen Spaß mehr im Bett, weil Sie sich selbst nicht mehr mögen. Kurz, der Preis ist zu hoch, den Sie für Änderungen durch Gewalt zahlen müssen. Also muss es mit Schlauheit und Eleganz gehen. Dazu müssen Sie sich erstmal die soliden Hindernisse genauer anschauen, gegen die Sie da eigentlich ankämpfen.

Ich habe Gedanken, also denke ich!

Mentale Tweets sind das erste Hindernis. Das sind die inneren Gespräche, mit denen wir uns von morgens bis abends begleiten. Sie sind meistens leise, bei über 80 Prozent der Menschheit negativ und laufen unterhalb unserer Aufmerksamkeitsschwelle ab. Aber dennoch formen sie uns und unser Leben. Denn hinter den Tweets stecken einprogrammierte Muster. Manche dieser Muster basieren auf unseren eigenen Erfahrungen, manche wurden uns anerzogen, viele haben mit der Kultur zu tun, in der wir leben, wo "man" etwas so oder so macht. Manchmal jedoch sind diese Programme nicht hilfreich. Und die Tweets, die sie aussenden, erzeugen Probleme, anstatt Probleme zu lösen.

Es lebe die Weltmacht mit drei Buchstaben: I.C.H.

Sie und ich, wir alle unterliegen meistens der naiven Vorstellung, dass sich die Welt um uns dreht. Ganz nach dem Motto: Gott kann nicht überall sein, darum hat er mich erschaffen. Das bedeutet: Bis auf wenige lichte, erwachsene Momente fragen wir bei allem, was passiert immer zuerst reflexhaft danach, was das für uns selbst bedeutet: Flüchtlinge strömen zu Tausenden in unser Land! – Nehmen diese Fremden mir jetzt den Job weg oder überfallen sie mich abends im Dunkeln? Mein Partner hat ein tolles Jobangebot bekommen. – Wird das unsere Paarbeziehung verändern? Mein Sohn hat gekifft. – Was werden nun die Nachbarn von mir denken? Ich garantiere Ihnen, all diese schlechten Gefühle und Gedanken haben nichts damit zu tun, was die anderen Menschen oder die böse Welt tut oder lässt, sondern alleine damit, dass wir uns zu Betroffenen machen, obwohl wir nur Beteiligte sind.

Just do it!

Sind wir nicht permanent damit beschäftigt, irgendetwas oder besser gesagt irgendjemanden zu korrigieren? Und so führen wir Mitarbeitergespräche, um unsere Angestellten zu erziehen, zu vermessen, zu steuern und zu kontrollieren. Das Handeln, vor allen Dingen das unternehmerische Handeln wird erstickt. Und privat ist das vergleichbar. Wir treiben die Welt vor uns her in die Richtung, in der wir sie haben wollen und üben damit Druck aus. Statt uns mit einer Extraportion Gelassenheit und Zeit darauf zu konzentrieren, was genau wir haben wollen und warum wir es haben wollen – ohne sofort irgendetwas zu tun. Denn nur so kann sich die Sache stressfrei zu unseren Gunsten entwickeln. Diese Haltung darf man bitte nicht mit Nichtstun verwechselt werden, denn wir bleiben aufmerksam, fokussiert und wach unseren Zielen gegenüber.

Der erste Impuls ist immer der beste

Dieser Irrtum hängt mit dem zuvor beschriebenen Irrweg des hektischen Treibens zusammen und es geht um Sie, Ihre Kreativität und den Umgang mit Ihrem Ideenfilter, der ständig entscheidet und bewertet: Ja, das ist gut. Nein, das ist nicht gut. Ja, diese Idee sprichst du aus. Nein, da hältst du besser den Mund. Laut gut recherchierten Gerüchten soll es bei einem Brainstorming, einem Gedankenwirbelsturm, die 71. Idee sein, die etwas taugt. Also wirklich nicht die erste. Bitte fragen Sie mich nicht, wie man auf so eine Zahl kommt. Das ist mir auch völlig egal. Was mir daran gefällt ist, dass es Zeit braucht, bis man bei der 71. Idee angekommen ist. Dazu brauchen Sie nämlich erstmal 70 andere Ideen und die fallen nicht vom Himmel. Sie können sicher sein: Die Quick Wins haben Sie bei den ersten paar dutzenden Ideen bereits ab gefrühstückt. Und ab dann wird’s spannend!

Think big!

Halten wir doch mal dagegen: Nur wer klein denkt, kann Großes bewirken. Weil er fokussiert ist, viele Chancen, noch mehr Versuchungen und erst recht Ablenkungen beiseitelässt. Man könnte auch sagen: Dieser Mensch lässt den Unrat vorbeischwimmen! Dazu eine Partnerübung: Bitten Sie Ihren Gesprächspartner gelegentlich Negatives, Belangloses, Nicht-Zielführendes ins Gespräch einzustreuen, wohl dosiert und nicht zu platt. Stürzen Sie sich darauf, oder schaffen Sie es, die Gegenargumente einfach sein zu lassen? Den Unrat einfach im Raume stehen zu lassen und wirklich erst zuzuschlagen, wenn etwas für Sie einmalig Schönes vorbeikommt. Das wäre eine gelungene Fokussierung!

Optionen sind das Salz in der Suppe des modernen Lebens

Wenn Ihr Leben einem endlosen Herumirren in einem Wald von Möglichkeiten gleicht, machen Sie es doch wie die Athleten Ihrer Lieblingsmannschaft und richten Sie Ihre Gedanken und Emotionen aus. Und zwar auf positive Aspekte, das, was Ihnen an Ihrem Job tatsächlich gefällt, auf den Erfolg oder Ihren täglichen Sonnenstrahl. Schließlich haben alle Sportler bestimmte Rituale, um sich in einen guten Status zu bringen. Das Warmlaufen vor dem Anpfiff, die Dehnübungen vor dem Start, das gegenseitige Anfeuern. Und wenn der Körper faul ist, dann joggt man dennoch eine Runde und schon kommt man in Schwung. Man tut so als ob – und „als ob“ geschieht. Nur: Im Alltag machen wir das nicht, da bleiben wir lieber schlecht drauf. Dabei wäre es doch schön, in der Zukunft eine bessere Version von sich selbst zu sein. Ja, schon gut, ich hasse Zweckoptimismus auch. Ehrlich wahr. Aber Sie und ich brauchen ihn einfach – zumindest manchmal.

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