Sarah Greiner-Miethe arbeitet als Senior HR Manager beim Onlinewerbespezialisten Plista.
Sarah Greiner-Miethe arbeitet als Senior HR Manager beim Onlinewerbespezialisten Plista. © Foto:Plista

Interview | | von Annette Mattgey

Wie das Recruiting internationaler IT-Fachkräfte funktioniert

Sarah Greiner-Miethe hat als Senior HR Manager beim Onlinewerbespezialisten Plista einen schweren Job: die Rekrutierung neuer Fachkräfte aus dem IT-Bereich. Eine Klientel, die stark nachgefragt wird und daher nicht selten aus dem Ausland kommt. "Als international agierendes Unternehmen, haben unsere Teams verschiedenste kulturelle und persönliche Hintergründen. Bei uns arbeiten Kollegen aus rund 30 Ländern und diese Diversität ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Unternehmenskultur, die uns so einzigartig macht. Dennoch gibt es bei aller Vielfalt bestimmte Herausforderungen, die gemeistert werden müssen." Greiner-Miethe über typische Hürden bei der Einstellung neuer Team-Mitglieder und wie man sie bewältigt. 

Halten Sie den Begriff der "Diversity" nicht auch für überbewertet?

"Diversität" wird inzwischen im HR-Bereich nahezu inflationär verwendet. Für uns ist das aber kein nettes "Add On", sondern entscheidend für unseren Unternehmenserfolg. Um es auf den Punkt zu bringen: Berlin oder sogar Deutschland bietet oft nicht die Auswahl an IT-Fachkräften, die wir uns wünschen oder benötigen. Also schauen wir uns auch auf dem globalen Markt um, um die entsprechenden Positionen bestmöglich zu besetzen. Dabei versuchen wir, die "Techies" auf Foren wie Stackoverflow zu erreichen, weil es eben nicht das klassische Jobboard ist (auf dem sich ohnehin wenig Entwickler herumtreiben) und dieses Forum international bekannt ist. Nicht zuletzt verstehen wir uns als globales Unternehmen – dies soll sich nicht nur im Business, sondern auch in der Belegschaft wiederspiegeln.

Wenn Sie online suchen, dann geht es doch sicher auch online weiter: virtuelles Assessment-Center, Skype-Interview usw.?

Vor allem IT-Kräfte lassen sich nicht immer innerhalb der eigenen Landesgrenzen finden. Hohe Reisekosten und ein erhöhter Organisationsaufwand verleiten Unternehmen häufig dazu, den Bewerbungsprozess gänzlich virtuell über Skype & Co. durchzuführen. Das scheint auf den ersten Blick verlockend. Wir haben aber festgestellt, dass ein persönliches Kennenlernen unvermeidlich ist. Bestimmte Dinge, wie kulturelle Unterschiede, ob die Kandidatin / der Kandidat auch menschlich zum Team passt oder ob einfach die bekannte Chemie stimmt oder nicht, können nur im direkten buchstäblichen Augenkontakt evaluiert werden. Entwicklern ist im Recruiting-Prozess oft der fachliche Austausch mit (zukünftigen) Kollegen, eine Code Challenge oder auch der direkte Arbeitsplatz bei der Entscheidungsfindung wichtig. Dabei sind Fragen wie "Wieviel Fachwissen hat mein neues Team? Von wem kann ich lernen? Habe ich Ruhe am Arbeitsplatz, wenn ich gerade 'im Tunnel' bin? Wie ist die technische Ausstattung des Büros?" nicht zu vernachlässigen.

Wie kann der Arbeitgeber im Bürokratie-Dschungel Deutschland für neue Kollegen aus dem Ausland Hilfe leisten?

Ist die Wahl einmal getroffen, müssen Unternehmen vor allem beim Umzug und sämtlichen Behördenangelegenheiten unterstützen. Auch wenn in unserer Branche Englisch nahezu als "Amtssprache" gilt, so trifft dies bei Weitem noch nicht auf die deutschen Behörden zu. Wir haben uns alle schon selbst einmal durch die Flut an Formularen schlagen müssen und wissen, was für eine Herausforderung das sein kann – und wir sind Muttersprachler.

Vor kurzem sagte eine neue Mitarbeiterin, frisch aus dem Ausland angekommen: "It is easier to get into NASA than getting a German tax ID!"

Daher unterstützen wir gerne nicht nur bei klassischen Prozessen wie Steuernummern, Krankenversicherung und Visa-Angelegenheiten, sondern auch (denn das gehört aus unserer Sicht auch dazu) bei Themen wie Unterkunft, Kinderbetreuung und ÖNV. So haben neue Team-Mitglieder einen soften Einstieg und können sich ganz auf ihren On-Boarding-Prozess konzentrieren.

Gerade Mitarbeiter mit Informatik-Studium haben glücklicherweise erleichterte Bedingungen bei der Visa-Vergabe (Stichwort Blue Card), trotzdem ist unsere Hilfe dringend nötig. In vielen Prozessen kommt der neue Mitarbeiter mit der gesamten Familie – auch hier unterstützen wir bestmöglich.

Zum Ankommen in Deutschland gehört auch die Sprache. Wie sehen Sie das?

Ich hatte ja schon oben erwähnt, dass die Firmensprache in der IT zum Großteil Englisch ist. Auch wenn die Verlockung groß ist, in dieser Sprache zu verharren, empfehlen wir unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, unsere Landessprache zu lernen und entsprechende Kurse zu belegen. Hier stehen wir mit Rat und Tat zur Seite und organisieren etwa Deutsch-Intensivkurse mit einer Partner-Sprachschule. Im Laufe der Zeit haben wir festgestellt, dass dies ein entscheidendes Kriterium dafür ist, ob sich jemand bei uns sowie in Berlin, in unserem Land, in unserem Büro, langfristig wirklich angekommen fühlt.

Wo liegen interkulturelle Stolperfallen?

Auch wenn kulturelle Unterschiede auf den ersten Blick kaum erkennbar sind, sollte dieser Faktor nie unterschätzt werden. Bei uns arbeiten Menschen aus über 30 Ländern und deshalb sind wir häufig mit den unterschiedlichsten Herausforderungen konfrontiert. Das fängt teilweise schon bei einfachen Kommunikationsverhalten an und hört bei ganz speziellen Umgangsformen im Berufsalltag auf. Wir bieten deshalb spezielle interkulturelle Trainings an, die allen eine harmonische Zusammenarbeit ermöglichen, wenn einfaches Reden nicht mehr hilft. Generell leben wir aber bei Plista Toleranz und Akzeptanz gegenüber fremder Kulturen denn das ist ein wichtiger Baustein unserer Unternehmenskultur. In der IT hat uns eine Geschichte besonders gerührt: Ein neuer Mitarbeiter, der als Muslim während des Ramadans fastete, wurde von seinen Teammitgliedern unterstützt und integriert, indem diese mit ihm ebenfalls eine Fastenzeit einlegten.

Neben der Kultur spielt doch auch die Familie eine wichtige Rolle beim Einleben, oder?

Nicht selten kommt es vor, dass neue IT-Fachkräfte bei uns nicht nur einen neuen Schritt in ihrer beruflichen Karriere gehen sondern einen ganz neuen Lebensabschnitt beginnen. Sie ziehen - teils mit ihren Familien -  um und lassen ein komplettes soziales und kulturelles Umfeld hinter sich. Als Unternehmen muss man sich dieser großen Verantwortung bewusst sein und eine gewisse Sensibilität während des gesamten Recruiting-Prozesses an den Tag legen. Es macht also durchaus Sinn, Familienmitglieder während dieser Phase direkt oder indirekt einzubeziehen und beispielsweise Umzugsbereitschaft sowie spezielle Wünsche und Ängste abzuklopfen. Wer diese Dinge außer acht lässt, scheitert unserer Erfahrung nach oft an einer erfolgreichen Neueinstellung oder verliert den Mitarbeiter schnell wieder, weil etwa der Ehepartner nicht glücklich mit dem Wechsel ist.

Gibt es noch andere Dinge, mit denen Sie Ihre neuen Mitarbeiter glücklich machen? 

So platt es klingen mag: Softwareentwickler ticken oft anders als andere Mitarbeiter. So sind etwa wesentliche Entscheidungsfaktoren bei der Jobsuche nicht nur die Vertragskonditionen, sondern es sind vor allem die Technologien (die oft wie eine Religion gelebt werden), die Lernpotenziale, die inspirierenden Kollegen und auch die agilen Entwicklungsprozesse – etwa nach Scrum und Kanban, die Entwicklerherzen höherschlagen lässt. Dazu kommen Wünsche nach flexiblen Arbeitszeiten (wer kennt schon Entwickler, die gerne früh aufstehen?!) und Home Office – beides macht Plista möglich. Dass wir – wenn es mal später wird, weil man sich in einem Projekt verbissen hat– auf Firmenkosten Essen liefern lassen kann, ist ein weites Plus für unsere IT. Nicht zuletzt der gut besuchte Sportraum, in dem ein Rückenschulkurs, Pilates, Yoga und CrossFit stattfindet, ist ein beliebtes Goodie unserer Entwickler – wer den ganzen Tag coded, braucht halt einen guten Ausgleich.

Wie das Recruiting internationaler IT-Fachkräfte funktioniert

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

Leserkommentar

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht