Cannes Lions | | von Frauke Schobelt

Wie böse ist die Werbebranche wirklich?

Der große Cannes-Trend in diesem Jahr: Der Hang zum Weltverbessern. Reihenweise wurden in den ersten Tagen Arbeiten ausgezeichnet, die die Welt schöner, glücklicher, gerechter machen sollen und damit wohl auch dem Ruf der Werbung Gutes tun. Gleichzeitig überschütten die Juroren die Egoisten-Kampagne von Harvey Nichols mit Preisen. Ziemlich widersprüchlich, meinen LEAD digital-Blogger Christoph Roman Schroeder und Laura Brandt von der Bremer Digitalagentur hmmh. Und sie fragen sich: Tut sich die Branche damit einen Gefallen?

Bei den 61sten Lions haben wir viele Arbeiten gesehen, die die Mission von Menschenrechtsorganisationen unterstützen oder auch für kommerzielle Absender wie Coca-Cola einen ehrenwerten Zweck verfolgen.

Die Werber sagen, ihr Tun verändere die Welt zum Besseren. Sie leisten einen wertvollen Beitrag. Schaffen relevante und nachhaltige Inhalte. Ist das wirklich so?

Ja, viele Arbeiten dieser Art wurden in den ersten drei Tagen schon mit Gold ausgezeichnet - so wie die Sweetie-Kampagne gegen Cyber-Sex-Tourismus oder „The Speaking Exchange“, die Sprachschülern und Senioren eine Plattform zum Austausch bietet. Dennoch räumt auch Harvey Nichols mit „Sorry, I spent it on myself“ reihenweisen Awards ab, darunter auch den Grand Prix in der Kategorie Promo, Activation. Adam & Eve DDB entwarf diese Kampagne, damit die Kunden von Harvey Nichols ihr hart verdientes Geld nicht in teure Geschenke für die Verwandtschaft investieren müssen und sich stattdessen selbst etwas leisten können.

Ist das euer Ernst? Werber machen angeblich die Welt besser, bringen aber gleichzeitig Teenager dazu, sich ein neues Spiel für die Xbox zu kaufen statt Oma eine Freude zu machen? Wen wundert es da, dass sie immer noch als skrupellose Abverkaufshallodris wahrgenommen werden? 

Auch die Nachhaltigkeit von Kampagnen bleibt zu bezweifeln. Für Delta Airlines entwarf Wieden + Kennedy letztes Jahr eine „Photon Shower“. Ein begehbares Solarium, das durch Lichtwellen die innere Uhr auf Null stellt und so Jetlag vorbeugen soll. Ein geniales Konzept, bei dem man trotzdem davon ausgehen muss, dass es von anderen Airlines nicht adaptiert wird und auch bei Delta vermutlich nur ein Showcase bleibt.

Genau hier liegt das Problem. Werbemaßnahmen, so intelligent und einfühlsam sie auch sein mögen, sind meist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Solange sich nichts Grundlegendes ändert, solange die Branche Werbung für Werber mit Grand Prix auszeichnet und solange ein Großteil der Werbenden reinen Abverkauf fördert, werden sie auch Abverkaufshallodris bleiben.

Alle Sieger und Informationen rund um das Werbefestival finden Sie in unserem Cannes-Special. Lesen Sie auch in unserem "Gold-Blog", was die W&V-Blogger in Cannes erleben.

Wie böse ist die Werbebranche wirklich?

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

Leserkommentar

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht