Baby-Pause | | von Markus Weber

Wickel-Vakanz: Wie die Agenturen Elternzeit organisieren

Der Fall des Designers Stefan D., der am Tag seiner Rückkehr aus der Elternzeit vom Agenturchef gekündigt wurde, hat die Gemüter in der Branche erregt. Grund genug für W&V Online, sich bei Agenturen noch einmal genauer umzuhören und danach zu fragen, wie sie mit nachwuchsbedingten Auszeiten und Vakanzen organisatorisch umgehen. Denn: Wenn Mitarbeiter aufgrund von Elternzeit länger ausfallen, stellt das die Agenturen vor planerische Herausforderungen.

Bei Grey zum Beispiel sind aktuell 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Elternzeit, und zwar ganz überwiegend Frauen. Einige von ihnen arbeiten während dieser Phase weiter in Teilzeit für die Agentur. Diese Möglichkeit sieht das Gesetz ausdrücklich vor. Die Anzahl der Männer, welche Elternzeit beantragen, sei in der Agentur aber noch ziemlich gering, räumt Grey-Chef Dickjan Poppema ein: "In den vergangenen zwei Jahren habe ich lediglich vier Fälle in unserer Agentur gezählt; für dieses Jahr haben sich bereits drei Väter angekündigt."

Der Aufwand für die Überbrückung der Ausfallzeiten sei nicht zu unterschätzen, sagt Poppema. "Oftmals müssen die Kollegen den Elternzeitler, wenn er oder sie nur "kurz" weg ist, mit extra Man-Power 'überbrücken'." Kritisch könne es auch in der Zeit danach werden, zum Beispiel dann, wenn eine Abteilung plötzlich fast nur noch aus Teilzeitkräften bestehe. Eine gesetzliche Pflicht, bisherige Vollzeitler nach ihrer Rückkehr aus der Elternzeit in Teilzeit weiter zu beschäftigen, besteht übrigens nicht.

Kleine Agenturen tun sich mit Abwesenheiten aufgrund von Elternzeit meist schwerer als große Networks. "Es geht um das Organisieren einer befristeten Vertretung, das Einarbeiten in laufende Projekte und die Frage, wie der Kunde reagiert", beschreibt Rüdiger Straub, Geschäftsführer von Straub & Linardatos, die wichtigsten Herausforderungen. Für ihn überwiegen am Ende aber ganz klar die Vorteile: "Die Agentur nimmt ihre gesellschaftliche Verantwortung an, sie hat zufriedene Mitarbeiter und im Idealfall durch die Vertretung auch frische Ideen." Gerade in der heutigen Zeit sei die Bindung motivierter Mitarbeiter an die Agentur sehr wichtig. Außerdem, so Straub, gehe es nicht nur um die Elternzeit. "Flexible Regelungen für berufstätige Eltern sind bei uns die Regel." Bei Straub & Linardatos arbeiten viele Führungskräfte halbtags, um sich nachmittags ihren Kindern widmen zu können.

Thomas Seruset, Chef der Ulmer Digitalagentur Zeroseven, sieht die Elternzeit inzwischen längst als Standard an: "Alle meine Mitarbeiter, die Nachwuchs bekommen haben, haben in irgendeiner Form Elternzeit genommen." Das sei alles nur eine Frage der Planung. Wichtig sei, dass rechtzeitig informiert werde: "Wenn ich frühzeitig planen kann, bin ich auch in der Lage, nach einem Ausgleich zu schauen." Eine Auszeit von zwei bis drei Monaten könne man ohne Problem intern auffangen. Doch auch dann müssen Kunden selbstverständlich darüber informiert werden, dass der Mitarbeiter für eine bestimmte Zeit nicht erreichbar ist.

"Doch auch eine längere Ausfallzeit lässt sich überbrücken. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg", ist Seruset fest überzeugt. Bei der Suche nach Ersatz - sei es in Form eines Freelancers oder in Form einer befristeten Anstellung - könne man ja auch den Arbeitnehmer mit in die Verantwortung nehmen. "Als Familienvater schätze ich die Väter, die sich für ihre Kinder die nötige Zeit nehmen", sagt der Agenturchef aus Ulm.

"Kinder krempeln das ganze Leben um", weiß auch Virginie Briand aus eigener Erfahrung. Sie ist Beratungschefin der Münchner Agentur 19:13 und Mutter. "Im Ergebnis führt das dazu, dass ich meinen Arbeitsalltag stärker denn je zeitlich strukturiere, priorisiere und delegiere. Sowohl mein Geschäftspartner, der nun ebenfalls Papa wird, als auch ich arbeiten daran, sämtliche Agenturprozesse und -strukturen zu verändern. Unsere Meetings haben wir dezimiert und komprimiert und spezielle Arbeits-Powerphasen eingeführt. Ungestört von E-Mail, Telefon und internen Anfragen können Mitarbeiter hier in Ruhe an ihrem Projekt arbeiten." Das Arbeiten mit Freelancern und Home-Office sei im Kreativ- und Produktionsbereich wesentlich einfacher zu organisieren als in der Beratung. Die Auftraggeber, so Briand, gingen mit einem Elternzeit-bedingten Wechsel des Agentur-Ansprechpartners relativ entspannt um. Denn die Marketingabteilungen seien beim Thema Elternzeit schon deutlich weiter als die Agenturen. (mw/fs)

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