Was wir von Star Wars und der Odyssee lernen können
© Foto:Presse

Nico Rose | | von Nico Rose

Was wir von Star Wars und der Odyssee lernen können

Nach dem Ende des Krieges um Troja wusste Odysseus mal kurz nicht, wo's lang geht. Aber dann fiel ein magischer Kompass vom Himmel, der ihn sicher und ohne Mühen nach Hause brachte.

Ende der Geschichte.

So oder ähnlich würde die Odyssee heute vermutlich geschrieben werden (müssen), wollte man Homers Epos in die Gegenwart übertragen. Schade um eines der bekanntesten Stücke der Weltliteratur.

Die Heldenreise als Kurztrip?

Die Odyssee ist der Prototyp der Heldenreise, einer charakteristischen Erzählstruktur, in der sich ein Held, zunächst widerwillig, auf eine lange und gefahrvolle Reise begibt, unterwegs vielen Prüfungen ausgesetzt ist, um am Ende, häufig nach einer schweren Verwundung, mithilfe von übernatürlichen Mentoren und einem magischen Elixier, doch sein Ziel zu erreichen. Es gibt solche Erzählungen in allen Kulturkreisen, als weiteres Beispiel sei hier das indische Nationalepos Ramayana genannt. Auch heute noch folgen viele erfolgreiche Bücher und Kinofilme dieser Erzählstruktur. Der Herr der Ringe oder die ursprüngliche Star Wars-Trilogie sind z.B. klassische Heldenreisen.

Wichtig bei all diesen Geschichten: Sie erzählen eigentlich von einer inneren Reise, es geht für den Protagonisten um den Weg zu sich selbst. Ziel ist die Vervollkommnung des eigenen Charakters, das Reifen zu einer wahren Führungspersönlichkeit. Zwecks Anschaulichkeit werden in Literatur und Film Reiseroute und Handlung allerdings in die externe Welt verlegt. Doch geht es nur vordergründig um das Besiegen äußerer Gegner. Die eigentliche Aufgabe ist das Erwachsenwerden, das Annehmen jener Aufgaben, für die man bestimmt ist.

Dieser Weg der Reifung erfolgt über allerlei Prüfungen: Der antike Odysseus muss sich im Laufe seiner Irrfahrt so prototypischen menschlichen Schwächen wie der Verführbarkeit stellen. Frodo Beutlins Aufgabe ist es, sich der Habgier zu entledigen und gleichermaßen seine eigene Größe und Selbstwirksamkeit zu erkennen. Luke Skywalker wiederum muss lernen, die ihm innewohnenden, unerwünschten Persönlichkeitskeitsanteile seines dunklen Vaters (Darth Vader = Dark Father) zu transformieren (Hochmut, Zorn, Gewalttätigkeit etc.). Immer geht es um die Integration unseres Schattens, wie es der Begründer der Analytischen Psychologie, C. G. Jung, genannt hat.   

Wir haben doch keine Zeit

Der Punkt ist nun: All diese Geschichten teilen neben der klassischen Erzählstruktur den folgenden Aspekt: Die Reisen dauern lange Monate, meistens Jahre. Odysseus z.B. war laut der Erzählung nach 10 Jahren im Krieg noch weitere 10 Jahre auf seiner Irrfahrt unterwegs. Und auch Frodo und Luke sind (vermutlich) Monate und Jahre unterwegs, bevor sie Mordor und Endor erreichen. Denn Reifung, Erwachsenwerden (auch über das Körperliche Hinaus), zu sich selbst finden: Dies alles braucht sehr viel Zeit.

Vor diesem Hintergrund stehe ich vielen modernen Entwicklungen im Bereich der "Persönlichkeitsentwicklung" (i.w.S.) kritisch gegenüber. Alles muss heute schnell, schneller, am schnellsten gehen – und am besten ohne jeglichen Aufwand:

  • Ein Mann hat zu wenig Selbstbewusstsein? Ein paar positive Affirmationen ("Tschakka, du schaffst es!") werden's schon richten.
  • Eine Frau möchte ein gesichertes Einkommen durch Selbstständigkeit? Die dazu notwendigen Kunden kann man sich ja einfach vom Universum wünschen.
  • Ein Kind kann sich nicht recht konzentrieren? Mit ein paar Ritalin wird das schon wieder.

Schöne, neue Welt.

Kehren wir nochmal zu meiner Version der Odyssee zurück:

Nach dem Ende des Krieges um Troja wusste Odysseus mal kurz nicht, wo's lang geht. Aber dann fiel ein magischer Kompass vom Himmel, der ihn sicher nach Hause brachte.

Niemand würde ernsthaft ein Buch lesen oder einen Film anschauen wollen, dessen Geschichte auf diesem Plot beruhte. Wir würden die Storyline für fad, weil unglaubwürdig, befinden; und die Charaktere als flach und konturlos abstempeln.

Nur im echten Leben soll es genau so funktionieren?

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet.Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Was wir von Star Wars und der Odyssee lernen können

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

Leserkommentar

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht