Entlohnungssysteme | | von Annette Mattgey

Warum Prämien als Anreiz für Mitarbeiter Unfug sind

Sind Köpfe käuflich? Diese provokante Frage stellt der Coach Stephan Stockhausen heute in seinem Gastbeitrag für LEAD digital. Wie Mitarbeiter in Kreativagenturen motiviert werden können, sorgt generell für Diskussionsstoff, etwa das Gewinnbeteiligungsmodell der Reutlinger Agentur 21Torr. Stockhausen plädiert dagegen für Wertschätzung, Teamgefühl und Caféteria-Modelle mit individuellen Goodies.

Das wichtigste Gut aller Kreativschaffenden sind die Köpfe der Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten. Wer sie mit Druck, Angst und Narzissmus führt, wird dauerhaft ebenso wenig Kreativität, Engagement und Identifikation erhalten wie derjenige, der sie
sich mit Geld erkaufen will. Denn nur etwa ein Viertel der Beschäftigten sagt, eine Gehaltserhöhung sporne sie auf jeden Fall an. Geld funktioniert zwar als Lockmittel, aber nur selten als Motivator. Vielmehr gibt es zugleich Risiken und Nebenwirkungen bei einer materiellen Motivation von außen.

Mehr Geld, mehr Ratten 

Unter der französischen Kolonialherrschaft gab es beispielsweise im rattengeplagten Hanoi eine Regelung, die jeden finanziell belohnte, der eine Ratte tötete. In der Folge begannen Einheimische, Ratten zu züchten…

Als in schwedischen Blutspendediensten eine Prämie eingeführt wurde, nahm die Blutspendebereitschaft ebenso ab wie in israelischen Kindergärten die Pünktlichkeit der Eltern als eine finanzielle Strafe für verspätetes Abholen der Kinder eingeführt wurde. Vorherige Bereitschaft zu sozialer Verantwortung wurde damit in ein rein wirtschaftliches Tauschverhältnis umgewandelt...

Von diesen Beispielen gibt es viele. In den meisten Unternehmen mit Anreizsystemen zeigen sie ihre Tücke, die im harmlosesten Fall bedeutet, dass ständig darüber diskutiert wird. Bei allen Beobachtungen und Versuchsanordnungen rund um materielle Belohnung
wird deutlich, dass ein finanzielles Anreizsystem kreatives und soziales Handeln einschränkt und im schlimmsten Fall motivationstötend wirkt, wenn es an die Stelle eines eigentlichen Sinnes von Arbeit tritt.

Mehr Autonomie, mehr Motivation

Menschen sind nicht von außen zu motivieren und Dressur ist Schnee von gestern. Echte Kollaboration und Motivation entstehen und erhalten sich durch die oftmals als „weiche Faktoren“ belächelten Errungenschaften wie

• ein gutes Organisationsklima

• eine erfüllende und sinnstiftende Tätigkeit

• kompetente und wertschätzende Vorgesetzte

Mit gängigen Prämiensystemen, die auf äußeren Motivationsanreizen basieren, lassen sich zwar kurzfristig Leistungszuwächse erreichen. Nachhaltig sei das jedoch nicht, da diese Methode nicht die innere Haltung berühre. Vielmehr wirken derartige Motivationsversuche eben leider schädlich.

Die Erkenntnisse der Hirnforschung machen dies heute zu einer „harten Erkenntnis“. Wer die Motivation seiner Mitarbeiter erhalten will, tut gut daran, z. B. ihren Wunsch nach Verbundenheit und nach Wachstum, also neue Aufgaben und Herausforderungen anzunehmen, zu bedienen.

Beide sind ein Turbo für die Entwicklung komplex vernetzter Gehirnstrukturen, die zusammen mit einem großen Erfahrungsschatz Garant für Gelingen und Erfolg sind. Führungspersönlichkeiten, die sich als unterstützende Architekten eines sozialen Raumes verstehen, schaffen Motivation auf der Gefühlsebene und Begeisterung für eine Aufgabe oder ein Projekt.

Diese Vorgesetzten laden ein, ermutigen, inspirieren. Sie verdeutlichen ihrem Umfeld, was ihnen am Herzen liegt, welche Ziele sie verfolgen, was der Sinn hinter definierten Aufgaben ist. Sie übersetzen Ziele des Unternehmens und entwickeln mit ihrem Team gemeinsame Ziele. Und sie unterscheiden zwischen Ziel und Ergebnis. Und für den Unternehmer bedeutet dies, es sich zur ständigen Aufgabe zu machen, an
emotionaler Strategie zu arbeiten und sie im Unternehmen lebendig zu halten.

Stolperfallen: Unfairness und mangelndes Teamgefühl

Ferner zerstören Bedingungen die Motivation in der Belegschaft, die weitere elementare Bedürfnisse des menschlichen Gehirns missachten:

• Autonomie; mit Mikromanagement und eingeschränkten Entscheidungsspielräumen fördert man bestenfalls den Peter-Lustig-Effekt im Kopf der Beschäftigten: „Abschalten“

• Fairness; alle Menschen führen unbewusst Bilanz über ihre Beziehungen und so wie unser Gehirn altruistisches Handeln belohnt, verführt es bei erlebter Unfairness zu negativem Altruismus - „Die Rache ist mein.“

• Zugehörigkeit; soziale Schmerzen verarbeitet das Gehirn an den gleichen Stellen, an denen körperliche Schmerzen verarbeitet werden. Störungen des Zugehörigkeitsgefühls sind in Unternehmen daher ebenso kostenträchtig wie Konflikte zwischen Abteilungen, denn hier verbindet nichts stärker als der gemeinsame Feind. Für kreative Kollaboration ist dies verbrannte Erde.

Und wie ist es nun mit dem Geld?

Geld ist eine Universalie, mit der Menschen sich andere Emotionen einkaufen können. Es ist nicht unbedeutend. Kreative Arbeitgeber sollten sich kreative Lösungen einfallen lassen, um monetäre Anreize so einzusetzen, wie sie auch geplant waren. Dies hieße ein Cafeteria-Angebot aus möglichst persönlichen Anreizen aufzubauen:

Welcher Anreiz passt zu dir?

Das können dann z. B. Telearbeit, bestimmte freie Zeiten, ein Kitaplatz, die eigene Auswahl des Firmenwagens usw. sein.

Überraschende Aufmerksamkeiten wie das persönliche Geburtstagsgeschenk, eine hochwertige Frühstücksrunde, an Sommertagen die Runde Eiscreme usw. sind ferner ein Erlebnis, über das gesprochen wird.

Und wer unbedingt einen Bonus zahlen will, gehe doch mal neue Wege: Gehen Sie statt im Nachgang zum Jahresende im Vorgriff auf erwartet gute Leistungen in Vorkasse und zahlen den Bonus bereits zu Jahresbeginn.

 

Mensch und Wirtschaft natürlich zu verbinden - das ist Aufgabe und zugleich Ziel der Manufaktur für Wachstum und ihres Geschäftsführers Stephan Stockhausen. Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften rund um Motivation und Kommunikation finden Berücksichtigung bei der Gestaltung systemischer Hybridlösungen rund um Führungs-, Team- und Unternehmenskultur.

Warum Prämien als Anreiz für Mitarbeiter Unfug sind

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

(7) Leserkommentare

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht