Nico Rose | | von Nico Rose

Vom Winkel der Macht

In einem früheren Beitrag auf LEAD digital hatte ich über die Face-ism-Ratio berichtet. Verschiedene Forscher hatten zeigen können, dass wir a) Menschen umso kompetenter einschätzen, je mehr Raum ihr Gesicht in einem Foto einnimmt; und dass b) Medien bewusst oder unbewusst dazu tendieren, Männer eher mit Großaufnahmen des Gesichtes abzubilden, während bei Frauen häufiger der Oberkörper oder auch die gesamte Statur gezeigt wird – was mit einiger Wahrscheinlichkeit unterschwellig gängige Geschlechterstereotypen zementiert.

Ein Forscherteam um Steffen Giessner von der Rotterdam School of Management hat diesem Sujet nun einen – im wahrsten Sinne des Wortes – neuen Blickwinkel hinzugefügt. Für mehrere Studien wurde eine große Anzahl von Pressefotos ausgewertet, einerseits die jährlichen Top-100-Liste der einflussreichsten Menschen des "Time Magazines", andererseits Fotos von Normalos auf der ganzen Welt, z.B. solche aus dem World Press Photo Award.

Die Forscher kommen zu einem eindeutigen Schluss: Mächtige Personen werden überzufällig häufig von unten fotografiert, also mittels einer aufsteigenden Perspektive, während mehr oder weniger machtlose Menschen mit großer Wahrscheinlichkeit von oben herab abgelichtet werden.

Doch nicht nur Pressefotografen hegen einen entsprechenden Bias. Auch Menschen wie Sie und ich sind offenbar vorbewusst darauf geeicht, von unten fotografierten Personen größere Macht zuzuschreiben. Die Forscher baten ergänzend zu den Archivstudien Probanden in ihr Labor und gaben ihnen die Aufgabe, Fotos für eine Broschüre von Repräsentanten einer fiktiven Organisation auszuwählen: In einer Versuchsreihe sollte ein Foto für den künftigen CEO gefunden werden, in einer anderen das Bild für eine Hilfskraft. Die Teilnehmer erhielten jeweils verschiedene Fotos der gleichen Person, welche aus unterschiedlichen Winkeln fotografiert worden waren. Für das CEO-Foto wurde überdurchschnittlich oft ein niedriger Betrachtungspunkt gewählt, für die Hilfskraft wiederum der Blick von oben.

Die Forscher glauben, dass diese Wahrnehmungstendenz einerseits evolutionär bedingt ist (große Tiere sind in der Regel stärker als kleinere; im Übrigen spricht der Volksmund ja sogar von "hohen Tieren", wenn über Top-Manager gesprochen geredet wird) und andererseits durch frühere Lernerfahrung gefestigt wird. Als Kinder müssen wird notgedrungen lange Zeit zu scheinbar übermächtigen Erwachsenen aufblicken. Zusätzlich bewirken kulturelle Gegebenheiten sicherlich eine Verfestigung: Berühmte und mächtige Menschen begegnen uns zumeist auf einer Bühne stehend oder auch überlebensgroß auf Werbeflächen.

Im Sinne des absichtsvollen Personal Brandings gilt es zumindest, diesen Bias zu kennen – um im Falle des Falles bewusst gegensteuern zu können. Es wäre doch ein Trauerspiel, würde beispielweise die Bewerbung für den Traumjob an einem ungünstigen Winkel des Porträtfotos scheitern.

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet.Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Vom Winkel der Macht

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