Interview: Elaine Aron | | von Annette Mattgey

Unterschätzte Ressource: Die Fähigkeiten der Hochsensiblen

Gute Jobs für Hochsensible sind Beratung, Kundenservice, Kreation und Management. Damit sie ihr Talent zu vollen Entfaltung bringen, sind zwei Dinge wichtig: Ermutigung und Sicherheit. Buch-Autorin Elaine Aron ("Sind Sie hochsensibel?") verrät im LEAD digital-Interview, warum Hochsensible so wertvoll für Unternehmen sind. 

 

Wie merke ich an meinem Arbeitsplatz, ob einer meiner Kollegen, mein Chef oder ich selbst hochsensibel sind?

Wenn es um sie selbst geht, können Sie den Test auf meiner Website machen (unten als PDF in Deutsch). Einen anderen alleine durch den direkten Kontakt als hochsensibel einzustufen, gelingt selbst mir nicht immer. Einer meiner Studenten sagte mal: "Wie soll man denn diese feinen Nuancen wahrnehmen, wenn man keine hochsensible Persönlichkeit ist?"

Es gibt vier Anhaltspunkte:

Tiefgründigkeit: Kommt derjenige oft mit ungewöhnlich kreativen Ideen? Ist er sich der Konsequenzen des Scheitern besonders bewusst? Entscheidet er lieber langsam, eins nach dem anderen? Sind seine Entscheidungen oft richtig? Hat er mehr die Langfristziele des Unternehmens im Blick?

Empfindlichkeit: Ist derjenige besonders leicht genervt von Lärm, Chaos, Fristen oder Gruppenarbeit (das betrifft vor allem Introvertierte)? Arbeitet er oder sie gern alleine oder im Home Office?

Intensive Reaktion: Nimmt sich derjenige Feedback sehr zu Herzen? Hat die Person schon einmal geweint in einem Meeting? Empfindet sie mit anderen mit und kennt die privaten Problemer anderer? Macht sich derjenige viele Gedanken, wie andere auf Negatives reagieren?   

Sensibel für feinste Veränderungen: Merkt diese Person Dinge, die anderen nicht auffallen? Richtet sie sich ihren Arbeitsplatz besonders sorgfältig ein und achtet z.B. auf gutes Licht? Kommentiert kleinste Veränderungen an der Kleidung der Kollegen und achtet auf Details.

In welchen Bereichen haben Hochsensible gute Job-Chancen?

Sie können überall arbeiten, aber sie brauchen die richtige Umgebung, das heißt emotionale Sicherheit (ehrliches Feedback, keine ungehobelte Kritik), und nicht zu viel Stress (knappe Abgabefristen, Überstunden, laute Großraumbüros). Sie haben drei besondere Stärken: tiefes Verständnis für Prozesse. Das macht sie kreativ. Sie sind in der Lage, das ganze Bild und die weitreichenden Auswirkungen einer Geschäftsentscheidung zu erkennen. Und sie machen sich auch ihren eigenen Einfluss bewusst. Die zweite Stärke ist ihre ausgeprägte Empathie (mehr aktive Spiegelneuronen). Daher sind sie gut ihm Umgang mit Kunden und Kollegen. Im allgemeinen sind ihre emotionalen Reaktionen stärker ausgeprägt. Deshalb machen sie sich über Erfolg und Misserfolg viele Gedanken und sind sehr loyal, wenn sie gut behandelt werden. Die dritte Stärke ist ihr Gespür für Feinheiten, das kommt ihnen bei der Qualitätskontrolle zugute oder bei der Detailarbeit.

Berufe, in denen es auf Intuition, auf das Ungesagte ankommt, sind für sie gut geeignet. Sie sind die geborenen Lehrer, Krankenpfleger und Ärzte, Berater, Historiker, Wissenschaftler, Künstler, sogar Anwälte und Politiker - solange es nicht zu anstrengend oder unethisch wird. Bedauerlichweise haben in vielen dieser Bereiche Nicht-Hochsensible die Oberhoheit - mit den bekannten Ergebnissen.

Ganz unabhängig davon unterscheiden sich Hochsensible untereinander in ihrem Selbstvertrauen, ihrem Grad an Extraversion und in ihrer Neugier. Das bestimmt natürlich auch, welche Positionen für sie geeignet sind. Wissbegierige machen sich gut als investigative Journalisten. Extrovertierte können sich leicht in den Kundenservice reindenken oder ins Management.

Was ist Hochsensiblen noch wichtig bei der Arbeit?

Sie fühlen sich bei Tageslicht wohler und schätzen die Nähe zu natürlichen Ressourcen - zum Wasser, zum Wald oder einen schönen Ausblick. Sie halten eine Menge aus, aber dann kommen ihre Talente nicht zur vollen Entfaltung. Eine Studie unter indischen IT-Leuten zeigte, dass sie zu den Leistungsträgern gehören und gleichzeitig zu denen, die sich am unwohlsten fühlen. Sie bräuchten mehr Aufmerksamkeit, aber oft sehen die Personaler nicht den Zusammenhang zwischen Sensitivität und ihren Fähigkeiten.

Sehen Sie auch in der Werbung und der Digital-Industrie Positionen für Hochsensible?

Ja, sicher. Überall wo es auf Intuition und die Interpretation von Ergebnissen ankommt.

Wie integriere ich Hochsensible ins Team?

Da sie extrem schwer mit unsachlicher Kritik umgehen können, sollte Feedback ausgewogen und fair sein mit der Betonung auf den Dingen, die sie gut gemacht haben. Dann werden sie sich auch weiter anstrengen. 

Im Team sehen sie manche Dinge ganz anders als andere, erkennen Probleme, die andere nicht sehen oder sich nicht zu sagen trauen. Oder sie haben sehr abgefahrene, kreative Ideen, deren Potenzial andere falsch einschätzen. Könnte sein, dass sie daher lieber den Mund halten in der Gruppe. Wenn sie sich äußern, dann zeigen Sie Ihre Wertschätzung und achten Sie darauf, dass andere den Kollegen nicht ins Wort fallen oder sie zu scharf angehen. Als Abteilungsleiter könnte es sich auszahlen, die Kollegen unter vier Augen zu fragen und sich die Meinung durch den Kopf gehen zu lassen.

Ermutigung und Sicherheit - das sollten die Kernbotschaften sein. Denken Sie daran, dass Hochsensible oft weit unter ihren Möglichkeiten bleiben, wenn sie beobachtet oder öffentlich begutachtet werden. Auch in Gruppendiskussionen schneiden einige vielleicht schlecht ab. Anderen macht das gar nichts aus - oder sie tun zumindest so. Die meisten Hochsensiblen haben sich an die "Lautstärke" der anderen - Frechheit, rüder Ton, Kritik - angepasst. Ihnen gefällt das nicht, aber sie nehmen es hin. Oder sie kündigen - und stoßen damit ihren Arbeitgeber vor den Kopf, der sie zwar sehr schätzt, aber es demjenigen nie mitgeteilt hat.

Machen Sie den Test: Sind Sie hochsensibel? Hier ist der Test zum Download.

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