Von li.:Marco Luschnat, Ministry, Inger Paus, Microsoft, Birte Gall, Berlin School of Digital Business, Max Neufeind, Arbeitsministerium, Markus Köhler, Microsoft Deutschland
Von li.:Marco Luschnat, Ministry, Inger Paus, Microsoft, Birte Gall, Berlin School of Digital Business, Max Neufeind, Arbeitsministerium, Markus Köhler, Microsoft Deutschland © Foto:Sascha Radke, Eventpress/Microsoft Deutschland

Arbeiten 4.0 | | von Annette Mattgey

Transparenz und Freiräume: Von Mitarbeitern gewünscht, von Chefs vernachlässigt

Die Digitalisierung aller Arbeitsprozesse macht Unternehmen agiler und anpassungsfähiger, erfordert jedoch auch eine veränderte Führungskultur. Die wenigsten Chefs können jedoch das leisten, was Mitarbeiter sich wünschen. Dass sich daher etwas ändern muss an der Führungskultur, habe sich in Deutschland noch nicht so herumgesprochen, meint Markus Köhler, Senior Director Human Resources und Mitglied der Geschäftsleitung von Microsoft Deutschland. Die Führungskultur in den Unternehmen passe vielfach weder "zu den Wünschen der Arbeitnehmer, noch zu den Anforderungen der digitalen Wirtschaftswelt", betonte Köhler (im Bild ganz rechts) bei einer Diskussionsrunde des IT-Unternehmens am Dienstag in Berlin. Das hätten die Ergebnisse einer Umfrage bestätigt.

Im Auftrag von Microsoft befragte TNS Infratest über 1000 Beschäftigte. Demnach wünscht sich die Mehrheit der Arbeitnehmer in Deutschland zum Beispiel besseren Zugang zu Informationen (85 Prozent) und regelmäßiges Feedback von ihren Chefs (84 Prozent). Selbstständiger Entscheidungen treffen wollten 85 Prozent, 71 Prozent erhoffen sich mehr Flexibilität bei der Arbeit. Nur 20 Prozent fanden allerdings, dass sie durch den Einsatz moderner IT schneller Feedback bekommen, lediglich 19 Prozent der Befragten hat sie mehr Flexibilität bei Arbeitszeit und -Ort verschafft.

"Der digitale Wandel verändert die Anforderungen an Führung, die erfolgreiche Führungskraft von morgen ist kooperationsfähig, empathisch und versteht es, mit der Vielfalt der Ansprüche der Beschäftigten umzugehen", sagte Max Neufeind, Referent beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Neue Technologien könnten zwar helfen, Wissen transparenter zu machen und flexibler zu arbeiten und zu kommunizieren, sagte Köhler. Aber die Zahlen sprächen dafür, "dass der notwendige Wandel in den Köpfen noch nicht stattgefunden hat".

Coach statt Kontrolleur

"Damit Unternehmen schneller auf Marktveränderungen reagieren können, müssen Führungskräfte mehr Verantwortung in die Teams abgeben, die nahe am Markt und am Kunden agieren und Mitarbeitern mehr Freiraum für eigene Entscheidungen überlassen. Manager sollten in Zukunft mehr coachen und weniger kontrollieren", sagt Köhler. Das wünschen sich auch die Mitarbeiter selbst. Laut TNS-Umfrage wollen 85 Prozent selbständiger arbeiten, gleichzeitig  erwarten 60 Prozent mehr Unterstützung von ihrem Chef. Allerdings ist nicht einmal jeder zweite Mitarbeiter (41 Prozent) mit seinem Vorgesetzten in seiner Rolle als Coach und Mentor sehr oder gar vollkommen zufrieden.

Die Hamburger Kommunikationsagentur Ministry hat im Zuge der Digitalisierung Hierarchien weitgehend abgebaut und die Verantwortungen in die Teams verlagert. "Bedingungslose Transparenz und das Loslassen von Allmachtsphantasien sind der Schlüssel zum Aufbau von nachhaltig funktionierenden Organisationsstrukturen", sagte Marco Luschnat, Geschäftsführer von Ministry.

Selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Arbeiten bringe ein Unternehmen erst voran, sagt Luschnat. 2014 habe die Agentur, damals mit etwas mehr als 40 Mitarbeitern, mit dem Umbau begonnen. Ein erster Versuch sei fehlgeschlagen. "Wir haben dann gelernt, dass es hierarchiefrei nur funktioniert, wenn man einen klaren Rahmen vorgibt." Und der Prozess müsse aktiv angeschoben werden. So könne zum Beispiel jeder Mitarbeiter so viel Urlaub nehmen wie er wolle - vorausgesetzt, es sei im Team abgesprochen. "Jetzt managen wir nicht mehr die Menschen, sondern das System."

Birte Gall, Geschäftsführerin der Berlin School of Digital Business appellierte daran, "Kontrolle abzugeben". Führungskräfte müssten lernen, in die Fähigkeiten und Kompetenzen ihrer Mitarbeiter zu vertrauen, sagte Gall. "Entscheidungen müssen unter zunehmender Komplexität, Unsicherheit und Geschwindigkeit getroffen werden." Es käme darauf an, ein Gespür zu entwickeln, wie Prozesse anders gestaltet werden könnten. Neu hinzukommenden Führungskräften gelinge das oft besser als den etablierten.

Wandel im Kopf fehlt noch

Damit Mitarbeiter selbständiger handeln und Entscheidungen treffen können, müssen Unternehmen allerdings auch die richtigen organisatorischen und technischen Voraussetzungen schaffen, betont Köhler. Dazu gehört, dass das Wissen der gesamten Organisation transparent zur Verfügung steht und optimale Bedingungen für Zusammenarbeit und Vernetzung geschaffen werden. Doch auch da, wo aktuelle Technik zur Verfügung steht, wird sie von Führungskräften nicht unbedingt  sinnvoll eingesetzt. So finden laut TNS-Umfrage nur 20 Prozent, dass der Einsatz moderner IT dazu führt, dass sie schneller Feedback bekommen. Und nur 19 Prozent sagen, dass ihnen ihr Vorgesetzter mehr Flexibilität in Bezug auf Arbeitszeit oder Arbeitsort ermöglicht. Köhler: "Neue Technologien helfen uns, Wissen transparenter zu machen,  flexibler zu arbeiten und besser zu kommunizieren – aber man muss das alles auch wirklich wollen und es täglich leben. Die Zahlen sprechen dafür, dass der notwendige Wandel in den Köpfen noch nicht stattgefunden hat."

Transparenz und Freiräume: Von Mitarbeitern gewünscht, von Chefs vernachlässigt

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