Kommentar | | von Annette Mattgey

Tim Cooks Coming-out: Was wir alle daraus lernen können

Muss man als Konzern-Chef ein Statement zu seiner sexuellen Orientierung abgeben, wie es Apple-CEO Tim Cook kürzlich getan hat? Wohl nicht. Aber es ermutigt uns dazu, das Private in unsere Büros zu tragen. Und da gehört es meiner Meinung nach auch hin, wenn Diversity nicht nur eine Floskel bleiben soll. Denn jeder Mitarbeiter kommt als "Gesamtpaket" an seinen Arbeitsplatz, es beeinflusst unser Verhalten als Kollegen, aber auch Kunden gegenüber.

Ich finde es bezeichnend, dass nun kurz hintereinander mehrere Techie-Firmen mit vermeintlich privaten Themen in den Schlagzeilen sind: erst war es das Thema Social Freezing, das insbesondere in Deutschland zu heftigen Kontroversen geführt hat. Jetzt ist es das Coming-out von Tim Cook. Denn gerade die neuen digitalen Unternehmen wie Apple, Google, Facebook, aber auch Microsoft, haben dazu beigetragen, dass Beruf und Privatleben immer mehr verschmelzen. Ruheräume, Kickertische, ein begrünter Campus - wer viel Zeit im Büro verbringt, soll zumindest die Möglichkeit haben, sich zwischendurch abzulenken und Pausen zu machen. Die Kollegen werden dadurch zu einer Art Teilzeit-Familie, eine Trennung zwischen meinem beruflichen Ich und meinem privaten schwer möglich. Dazu trägt natürlich auch die Social Media-Vernetzung bei. Oftmals sind Kollegen auch Facebook-Freunde (schwieriger wird es beim Chef). Berufliche und private Posts mischen sich, so zumindest mein Eindruck aus dem, was Medien-, Werbe- und Digi-Menschen mir so in die Timeline posten und zwitschern.

Andererseits krempeln Firmen wie Microsoft unsere Vorstellungen von Arbeit noch in anderer Hinsicht um: Arbeit findet nicht nur da statt, wo mein Schreibtisch im Büro steht, sondern wo immer ich in meinen Gedanken - und meist auch per Internet - mit meiner Aufgabe verbunden bin. Bei Microsoft gibt es nicht nur eine Vertrauensarbeitszeit, sondern auch einen Vertrauensarbeitsort.

Diese neu gewonnene Flexibilität nützt allen, die weg vom klassischen 9-to-5-Job wollen oder müssen. Und was hat das mit Tim Cook und seinem Coming-out zu tun? Er selbst sagt, dass ihm seine Homosexualität ein tiefes Verständnis dafür gegeben habe, was es heißt, einer Minderheit anzugehören. "Es macht uns mitfühlender, was wiederum zu einem erfüllteren Leben führt", schreibt Cook. Das hat durchaus Auswirkungen darauf, wie er seine Arbeit macht. Milder als sein Vorgänger Steve Jobs ging er etwa mit der Umweltschutz-Organisation Greenpeace um und machte sich in China selbst ein Bild, wie es in den Zuliefer-Betrieben aussieht.

Zu wissen, dass jemand Kämpfe durchlitten hat und nicht alles glatt lief im Leben, führt zu Respekt, nimmt aber auch die Hemmschwelle, die eigenen Lebensumstände zu thematisieren.

Einige davon begleiten uns dauerhaft, manche nur vorübergehend. Herkunft, Muttersprache, in der Regel das Geschlecht sowie chronische Krankheiten oder Behinderungen haben uns - zum Teil von klein auf - geprägt. Unter den variablen Faktoren ist ganz klar die Familie an erster Stelle. Jedem einleuchtend ist die Veränderung, die junge Eltern durchmachen. Sie brauchen und wollen zeitliche Freiräume. Je älter die Kinder, desto mehr Priorität wandert meist wieder in Richtung Beruf. Ein offenes Ohr sollten aber auch Mitarbeiter finden, die sich um ihre hilfsbedürftigen Eltern kümmern - oder die sich für ein ehrenamtliches Engagement entschieden haben.

Wir sind nicht nur in unterschiedlichen Lebensphasen, wir haben auch unterschiedliche Charaktere. Aus allen Begabungen lässt sich etwas machen (wie Hochsensible ticken, lesen Sie hier). Gemischte Teams sind robuster und können dadurch auf Kunden besser eingehen, denn auch dort sitzen unterschiedliche Menschen.

Wieviel Privatleben jeder an den Arbeitsplatz tragen möchte, sollte jeder selbst entscheiden. Aber es sollte für jeden Personalverantwortlichen zur Routine werden, kreative und flexible Lösungen zu finden für Phasen, in denen Mitarbeiter mehr Zeit für sich brauchen, weniger reisen wollen oder andere Wünsche äußern. Das fängt beim Stehpult an und reicht bis zu technischen Hilfsmitteln, die für Körperbehinderte notwendig sind, damit sie mühelos ihre Arbeitskraft entfalten können. 

Veränderungen brechen erst dann auf, wenn es prominente Fürsprecher gibt. Deswegen sollte Tim Cook nicht nur ein Vorbild für andere homosexuelle Wirtschaftslenker sein, sondern für uns alle: Erst wenn das Private - in wohl überlegtem Maß - in die Unternehmen einzieht, können Vorgesetzte und Personalplaner darauf Rücksicht nehmen - und dadurch Stressfaktoren reduzieren. 

tl;dr

Was uns als Persönlichkeit ausmacht und welche Ressourcen wir zur Verfügung haben (oder auch mal nicht), das prägt unser Verhalten als Kollegen, aber auch Kunden gegenüber. Wer klug ist, berücksichtigt das bei seiner Personalstrategie.

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