Kooperationsforschung | | von Annette Mattgey

Streit ums Home Office: "Keine Heureka-Effekte ohne Ruhepausen"

Yahoo-Chefin Marissa Mayer, die alle ihre Angestellten zurück ins Büro beordert hat, schüttet "das Kind mit dem Bade aus", findet Professor Dr. Hartmut Schulze. Der Psychologe hat zahlreiche Forschungsarbeiten zum Thema Home Office veröffentlicht. Im Interview mit LEAD digital redet er über Vor- und Nachteile, Kreativitätsprozesse und die Voraussetzungen für "Heureka"-Momente.

Wie beurteilen Sie den Schritt von Marissa Mayer?

Ein Verbot von Home Office bedeutet aus meiner Sicht "das Kind mit dem Bad auszuschütten", also auf die Potenziale der Arbeit im Home Office gänzlich zu verzichten und einen wichtigen Autonomiespielraum ohne zwingenden Grund einzuschränken. Zumal der Link zur geringeren Kreativität im Home Office (wie er im Artikel der New York Times gezogen wird) schlicht falsch ist: Kreativitätsprozesse benötigen eine "Aufladung" - und hierfür ist die Kommunikation mit Kollegen und Kolleginnen sehr wichtig. Heureka-Effekte ereignen sich aber häufig in "Ruhephasen" und außerhalb der Arbeit. Das Dokumentieren und Ausarbeiten kreativer Ideen kann dann sehr gut im Home Office bzw. in einer ungestörten Arbeitssituation erfolgen.

Sie haben zu diesem Thema viel geforscht. Was haben Sie herausgefunden?

Aufgrund unserer Arbeiten hat wohldosierte (0,5 bis 2,5 Tage pro Woche) Arbeit im Home Office sowohl einen positiven Einfluss auf die Arbeitsleistung (insbesondere im konzeptuell-kreativen Bereich) wie auch für die Gesundheit (Stresskompensation). Als zentraler Vorteil des Home Office hat sich das konzentrierte, weitgehend störungsfreie Arbeiten herausgestellt. Dieser Vorteil wirkt sich nach Ansicht der Befragten auch positiv auf ihre Produktivität aus: Mehr als zwei Drittel schätzen sich eher beziehungsweise viel produktiver ein, wenn sie zu Hause arbeiten. Das bedeutet, dass die Führungskräfte bisweilen umdenken müssen: Eine Führungsstrategie mittels einer engmaschigen Kontrolle der Abarbeitung von wenig komplexen Arbeitsaufgaben reduziert genau diesen Vorteil der selbständigen Bestimmung von Arbeitszeiten.

Als ein weiterer bedeutsamer Vorteil wird die Einsparung von Reisezeit wahrgenommen sowie die Möglichkeit, eigenständig zu entscheiden, wann man arbeitet. Positiv gesehen wird die leichter mögliche Regulation von Arbeits- und Privatleben, verbunden mit einer größeren Nähe zur Familie. Interessanterweise scheint es sich hier vor allem um eine besser mögliche Koordination zu handeln. Die Mehrheit der Befragten arbeitet im Homeoffice dann, wenn der Rest der Familie nicht auch zuhause ist. So haben circa 50 Prozent keine Kinder im Haushalt – ein erster Hinweis, dass Home Office als Mittel für Kinderbetreuung und Work-Family-Balance in geringerem Ausmass wertgeschätzt wird als gemeinhin erwartet. Nur circa zehn Prozent der Befragten geben an, dass ihre Kinder jünger sind als fünf Jahre, noch nicht in den Kindergarten gehen und einen größeren Primärbetreuungsaufwand benötigen.

Und was vermissen Arbeitnehmer, die zuhause tätig sind?

Zunächst ist festzuhalten, dass nur die Hälfte der Teilnehmenden Schwierigkeiten in Verbindung mit dem Home Office sieht. Als Nachteil wird von den Home-Office Nutzerinnen und Nutzern an erster Stelle die Reduktion der informellen Beziehungen zu den Kollegen und Kolleginnen gesehen. Aus dem Grunde möchten sie im Schnitt nach ca. zwei Tagen Home Office ihre KollegInnen im Main Office treffen. Gleiches gilt nach circa drei bis fünf Tagen für ein Face-to-Face-Treffen mit dem direkten Vorgesetzten. Beides sind wichtige Ressourcen für das soziale Miteinander und die Bildung eines gemeinsamen Verständnisses.

Welche Rolle spielt dann heutzutage das Main Office?

Im Zeitalter der Wissensarbeit kommt auch der Arbeit im Main Office eine - zum Teil neue - Bedeutung zu: hier kommt es auf Identitätsstiftung, auf Sinngebung und auch auf soziale Arbeitsbeziehungen an. Und nicht zu vernachlässigen sind hier auch Rückzugsmöglichkeiten, um auch im Main Office konzentriert und ungestört arbeiten zu können. Für absolut zentral halte ich sozio-kulturelle Regelungen zwischen Home Office-Nutzerinnen und -Nutzern und der Führungsschicht - was aktuell häufig vernachlässigt wird. Dazu zählt einerseits die Abstimmung, wie die Arbeit im Home Office gestaltet werden kann, welche Aufgaben sich für Home Office eignen und ob die gewählte Zeit im Home Office passt oder angepasst werden sollte. Und dazu zählt andererseits aber auch die Regulation von Präsenz im Sinne von Gelegenheiten für informelle Begegnungen z.B. durch "Teamtage" an denen nach Möglichkeit virtuelle Teams im Unternehmen physisch anwesend sind. Oder aber geplant-informelle Treffen, z.B. bei einem gemeinsamen Frühstück.

Kann die Technik helfen, die Kluft zu überwinden?

An sich schon, oft hapert es jedoch an den einfachsten Dingen. So wurden Probleme mit digitalen Ressourcen wie dem Zugang zum Firmenserver (21 Prozent) genannt und knapp 14 Prozent der Befragten bemängelte, dass bei ihnen zuhause keine Tools für Videoconferencing verfügbar sind – gleichzeitig schätzt die überwiegende Mehrheit ihre Kompetenz zur schnellen Einarbeitung und Nutzung von Kommunikationsmedien als sehr gut ein. Die Analyse der eingesetzten Kommunikationsmedien zeigt auf, dass deren Potentiale für die soziale Vernetzung noch nicht ausgeschöpft werden: Am allermeisten wird E-Mail als Kommunikationsmittel genutzt. Interessanterweise wird Instant Messaging (durchschnittlich sechs Mal pro Tag) mittlerweile mit ähnlichem Anteil genutzt wie das Telefon.

Kollaborationstools zum Beispiel für das Dokumentensharing werden im Homeoffice circa fünf Mal pro Woche genutzt und damit etwas weniger als im Main Office (circa sieben Mal pro Woche). Video- und Telefonkonferenz wie auch Social Media (zum Beispiel Facebook und Xing) spielen bei den Befragten mit maximal zweimaliger Nutzung pro Woche eine deutlich untergeordnete Rolle. Gleichzeitig halten die Befragten die Aufrechterhaltung einer sozialen Verbundenheit über Kommunikationstechnik – die sogenannte «Connectedness» – mit Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzten, aber auch mit Kunden und Partnern als förderlich für die Produktivität, für das Zugehörigkeitsgefühl, für die Work-Life-Balance und für die Zufriedenheit mit dem Arbeitgeber.

Der Psychologe Prof. Dr. Hartmut Schulze beschäftigt sich seit 2007 als Professor an der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW in der Schweiz mit den Schwerpunktthemen «globale und virtuelle Zusammenarbeit » und «psychologischen Aspekten der Raumgestaltung». Seit September 2010 hat er zusätzlich die Leitung des Instituts für Kooperationsforschung und -entwicklung (ifk) übernommen.

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