„…sondern fürs Leben lernen wir“: Wie sollte Schule heute aussehen?
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Nico Rose | | von Nico Rose

„…sondern fürs Leben lernen wir“: Wie sollte Schule heute aussehen?

Es kommt ja eher selten vor, dass ein Tweet, der nicht von Justin Bieber stammt, über 16.000 Mal retweetet wird. Geschafft hat dieses Kunststück vor rund zwei Monaten die Schülerin Naina mit ihrer Kritik am Inhalt deutscher Lehrpläne, welchen sie offensichtlich derart einschätzt, dass er zwar einem bürgerlichen Bildungsideal entspräche, aber nicht genug auf das Leben nach der Schule vorbereite.

Die Fülle und Bandbreite der Reaktion auf diesen Tweet waren erstaunlich. Von vielen Menschen erhielt Naina vehementen Zuspruch, andere gaben gute Ratschläge, und wieder andere warfen ihr eine verkürzte Denkweise sowie ein eingeschränktes Weltbild vor (hier ein Pro- und Contra-Stück auf Zeit Online).

Nun habe ich früher selbst gerne Gedichtanalysen geschrieben, deutlich lieber zumindest, als irgendwelche Gleichungen nach x aufzulösen – aber die Frage, die Naina aufwirft halte ich, etwas generalisiert, für sehr valide:

Sollte eine weiterführende Schule "Lebenstüchtigkeit" unterrichten?

Und falls ja: Was gehörte dann konkret ins Curriculum? Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir – so heißt es. Doch was müssen wir wirklich wissen, um heute gut zu leben? Hilft es mir im modernen Leben zu wissen, dass "333 – bei Issos Keilerei war"? Oder reicht es, wenn ich diese Information bei Bedarf auf Wikipedia nachschlagen kann? Vielleicht ist es ja doch hilfreicher, etwas über das korrekte Ausfüllen von Steuererklärungen zu lernen, um nicht – wie so mancher Wirtschaftslenker – ein paar Jahre hinter schwedischen Gardinen verbringen zu müssen.

Obwohl Nainas Tweet wie beschrieben schon ein paar Wochen auf dem Buckel hat, beschäftigt mich dieses Thema ganz aktuell. Am vergangenen Wochenende saß ich mit einigen politisch engagierten Bürgern zusammen und diskutierte darüber, was wir am deutschen Bildungssystem verändern würden, so wir die Macht dazu hätten. Wir waren uns einig, dass wir auf viele Dinge nicht verzichten wollen würden: Deutsch und möglichst lange mindestens zwei Fremdsprachen, grundsätzliche Kenntnisse in Mathematik und den Naturwissenschaften, Geschichte, Politik, und sicher auch Religions- bzw. Ethikunterricht.  

Uns wurde aber ebenfalls klar, dass wir im Grunde einige komplett neue Fachbereiche schaffen wollen würden – was den armen Schülern dann vermutlich 12-Stunden-Tage bescheren würde.

  • Wir würden den Umgang mit der Digitalisierung und deren Konsequenzen auf den Lehrplan setzen, z.B. über den Umgang mit den eigenen Daten aufklären. Außerdem sollte jedermann grundsätzliche Kenntnisse im Programmieren erhalten.
  • Wir würden den Sportunterricht ausbauen, ergänzt durch Aufklärung zum Bereich Gesundheit, insbesondere Ernährung und Prävention von Übergewicht.
  • Ganz sicher würden wir versuchen, die Wirtschaftskompetenz der Schüler zu stärken. Nicht nur grundsätzliches Wissen, z.B. wie man eine Bilanz liest, sondern vor allem auch: Wie gründet man ein Unternehmen? Wie findet man gute Ideen? Und wie kommuniziert man diese so, dass sich andere davon anstecken lassen?

Ich persönlich – ganz Psychologe – schlug noch ein Curriculum für Selbsterkenntnis und Berufsorientierung vor.

Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, war das alles ziemlich dünn: Ich absolvierte in der 8. oder 9. Klasse ein 2-wöchiges Praktikum bei einem Anwalt (kannte Mama aus dem Tennisverein). Außerdem machten wir einen Ausflug ins örtliche Berufsinformationszentrum (BIZ). Dort gab ich dann meine beruflichen Wünsche in einen Computer ein. Mir wurde postwendend eine Karriere als "medizinischer Bademeister" empfohlen. Vermutlich hatte ich so etwas wie "bin gerne an der frischen Luft" und "arbeite gerne mit Menschen" angegeben. Nun lässt sich heute nicht mehr eruieren, ob ich als sonnengebräunter Bademeister nicht ein viel, viel glücklicherer Mensch geworden wäre. Aber rückblickend empfinde ich den Ratschlag durchaus als etwas gewagt.

Müssen wir Schule neu denken?

Nun war unserer Gruppe vollkommen klar: Könnten wir all diese Fächer in den Lehrplan einführen, so würden die ohnehin schon aus allen Nähten platzenden Curricula endgültig nicht mehr beherrschbar sein. Des Weiteren stand die Frage im Raum: Könnten "handelsübliche" Lehrer all diese Fächer unterrichten? Unsere Antwort: vermutlich nicht aus dem Stand – aber mit den entsprechenden Weiterbildungen: ganz sicher. Außerdem waren wir uns einig, dass es leichter werden sollte, z.B. aus der Wirtschaft in eine Lehrtätigkeit zu wechseln – nach einer grundlegenden pädagogischen Weiterbildung.

Aber der Zeitmangel bliebe natürlich das zentrale Problem. Und dann stellte einer plötzlich die "Tabula-Rasa-Frage". Was, wenn es gar keine Lehrpläne gäbe? Was, wenn wir Schule noch einmal komplett neu bauen dürften? Was würden wir dann heute unterrichten (vor dem Hintergrund des zur Verfügung stehenden Zeitkontingents)?

Und genau diese Fragen möchte ich nun an Sie, geneigter Leser, weitergeben: Was sollten wir in unserer heutigen Welt unterrichten? Wie würden Sie "Schule denken", wenn Sie nicht schon aus eigener Erfahrung wüssten, wie eine auszusehen hat? Was würden Sie konkret ins Curriculum setzen, gäbe es noch keines?

Ich freue mich auf Ihre Beiträge!

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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