Flexible Arbeitszeitmodelle lassen auch Zeit für Familienfeste.
Flexible Arbeitszeitmodelle lassen auch Zeit für Familienfeste. © Foto:Redaktion

Beispiel Queo | | von Anja Janotta

So geht familienfreundlich in Agenturen

Eine Agentur in Dresden? Da muss man mit kreativen Wegen um Nachwuchs werben. So wie Queo, die ein besonders familienfreundliches Modell fährt - mit viel Teilzeitangeboten, Sabbaticals, einer zivilen Kernarbeitszeit und kreativen Inseln. Zur Not muss ein Kind auch mal in der Agentur spielen. Wie das in der Praxis klappt, erzählt Strategy Director Markus Foos.

 
Wieviel Kinder haben Sie aktuell in der Agentur?

Familie ist bei uns ein großes Thema: Auf 87 Mitarbeiter kommen insgesamt 39 Kinder – die meisten davon unter fünf Jahren. Das Thema ist hier wirklich allgegenwärtig: etwa wenn die Tochter unseres Geschäftsführers André Pinkert malend an seinem Schreibtisch sitzt, weil er sie nachmittags aus der Kita abgeholt hat, aber noch mal kurz ins Meeting muss.

Woher kommt diese ungewöhnlich hohe Zahl? Was tun Sie als Arbeitgeber dazu?

In der Praxis geht es um ein Höchstmaß an Flexibilität bei der Gestaltung des Arbeitsumfeldes. Die Instrumente dafür sind die bekannten: z.B. Teilzeit-Modelle, weniger Stunden pro Tag, weniger Tage in der Woche oder auch Home-Office-Tätigkeiten. Wichtig ist uns, dass wir uns mit unseren Mitarbeitern zusammensetzen und individuell und offen besprechen, was er sich wünscht und wie wir eine Lösung finden. Das machen wir aber nicht nur mit Eltern, sondern mit all unseren Mitarbeitern.

Die größten Fallen bei der Teilzeitarbeit sind die Übergaben und das Einarbeiten nach den Pausetagen. Wie minimieren Sie die Reibungsverluste?

Unsere Mitarbeiter in Teilzeit organisieren ihre Aufgaben in der Regel so, dass alle notwendigen Zuarbeiten so konkret eingebrieft werden, dass auch in ihrer Abwesenheit jeder weiß, was seine Aufgabe ist. Hinzu kommt, dass wir unsere Arbeit in den meisten Fällen im firmeneigenen Wiki dokumentieren. Sollte also tatsächlich mal eine Information nicht richtig geteilt worden sein, lässt sich diese mit wenig Aufwand in unserem internen Wiki nachschlagen.  

Gibt es noch fixe Meeting-Zeiten? Was muss ein Mitarbeiter außerdem unbedingt einhalten, damit der Ablauf innerhalb der Agentur reibungslos klappt?

Wir haben für Queo eine Kernarbeitszeit von 10.00 Uhr bis 15.00 Uhr festgelegt. So stellen wir sicher, dass Meetings zumindest in diesem Zeitraum recht gut möglich sind. Darüber hinaus legen wir Wert darauf, dass die Outlook-Kalender gut gepflegt sind – auch und gerade was Abwesenheiten betrifft. Wir haben viele junge Eltern, die ihre Kinder nachmittags von der Kita abholen und nach Hause bringen. Die haben sich jeweils Blocker in den Kalender gestellt. Bei den Geschäftsleitern haben vier von fünf Mitgliedern eine Familie mit jungen Kindern und alle vier haben auch Partner, die in Vollzeit arbeiten. Deshalb haben wir als Geschäftsleitung den kompletten Montag immer für die Firma reserviert.

 
Welche Modelle haben Sie, wenn Sie mal kurz einen Schnellschuss für einen Kunden produzieren müssen oder wenn in Pitch-Zeiten jeder gebraucht wird und Überstunden angesagt sind?

Pitch-Zeiten sind natürlich immer heikel. Idealerweise wuppen wir dies innerhalb der regulären Arbeitszeiten. Bei Eltern in Teilzeit ist zusätzlicher zeitlicher Aufwand zugegebenermaßen häufig eine Herausforderung: der Partner oder die Großeltern müssen einspringen oder es muss ein Babysitter organisiert werden. In diesen Situationen können wir uns aber auf unsere Mitarbeiter verlassen. Die Flexibilität, die wir ihnen anderswo geben, bekommen wir hier zurück. Bei der Organisation von Pitches haben unsere Mitarbeiter dann auch ziemlich freie Hand. Wir geben unseren Teams auch die Möglichkeit, sich einen Brainstorming-Blocker zu legen – beispielsweise auf den Mittwochmorgen. Dann können sie gern ordentlich ausschlafen, weil sie am Dienstagabend bei irgendwem zuhause, auf der Elbwiese oder irgendwo anders gemeinsam ein paar Ideen haben fliegen lassen.

Bietet Ihnen die Familienfreundlichkeit ein Argument auf einem umkämpften HR-Markt? Haben sich konkret Mitarbeiter für die Agentur entscheiden mit dem Argument der Familienfreundlichkeit?

Ein ganz klares Ja. Wir bekommen in Bewerbungsgesprächen häufig das Feedback, dass sich der Kandidat gerade deswegen bei uns beworben hat, weil wir uns für die persönliche Situation unserer Mitarbeiter einsetzen und da vieles möglich machen. Die Loyalität unserer aktuellen Mitarbeiter sieht man daran, dass unsere Fluktuationsrate deutlich niedriger liegt als der Branchenschnitt.

Markus Foos, Strategy Direcor bei Queo.

Markus Foos, Strategy Direcor bei Queo.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Eltern im Home Office gemacht?

Ausschließlich sehr gute! Dafür muss es aber ein eindeutiges Erwartungsmanagement auf beiden Seiten geben. Wenn klar ist, welche Aufgaben vom Mitarbeiter erwartet werden, wenn er von zuhause aus arbeitet, dann zählt eben nur der Output. In der heutigen Zeit sollte man Eltern die Möglichkeit geben, im Home Office zu arbeiten. Für den Zusammenhalt im Unternehmen und im Team ist jedoch Präsenz vor Ort während der Kernarbeitszeiten trotzdem wichtig.

Wie gestalten Sie den Wiedereinstieg nach der Elternzeit? Welche Modelle bieten Sie an? Welche haben sich davon am besten bewährt?

Wir besprechen mit unseren Mitarbeitern meist schon vor dem Beginn der Elternzeit, wie sich der Wiedereinstieg gestalten soll. Dadurch können wir im Vorfeld schon gut einschätzen, was wir organisatorisch bewerkstelligen müssen. Erfahrungsgemäß hat sich in den letzten Jahren übrigens abgezeichnet, dass die meisten Kollegen "sanft" wieder einsteigen möchten. Wir haben hier häufiger mit einem Modell gearbeitet, das die Wochenarbeitszeit im Drei-Monats-Rhythmus hochfährt - in Vier-Stunden-Stufen von 20 über 24 bis hin zur Vollzeit-Stelle mit 40 Stunden.

Bei aller Flexibilität - wie bleiben die Kollegen trotzdem effizient?

Effizient bin ich immer dann, wenn ich in möglichst wenig Zeit möglichst viele Aufgaben erledigen kann. Es gibt dazu ein tolles Beispiel von diesem amerikanischen Startup "Tower Paddle Boards". Dessen Chef, Stephen Aarstol, verfolgt die Philosophie, dass jeder seine Aufgaben in fünf Stunden schaffen können muss. Darum hat er letztes Jahr den Fünf-Stunden-Tag bei vollem Lohnausgleich aber mit gleicher Arbeitslast eingeführt – und zwingt seine Mitarbeiter zu Effizienz. Der Ansatz ist für uns ein bisschen zu radikal, weil wir feststellen, dass unsere Mitarbeiter gerne auch etwas relaxter Zeit mit ihren Kollegen verbringen und sich gegenseitig auch private Geschichten erzählen. Da möchten wir sie nicht nach fünf Stunden aus dem Büro jagen müssen. Man arbeitet im Übrigen in meinen Augen auch automatisch deutlich effizienter, wenn man klare zeitliche Grenzen vor Augen hat. Einige unserer jungen Eltern müssen ja weg, weil sie dann ihre Kinder von der Kita abholen. Die haben überhaupt keine Chance, ihre Aufgaben zu prokrastinieren. Da lernt man über kurz oder lang ganz schnell, wie man seine Aufgaben effizient abarbeitet.

Sind junge Eltern eigentlich kreativer? Können diese besser mit den verschiedenen Anforderungen jonglieren?
Fakt ist: Eltern lernen ganz automatisch, besser zu priorisieren und mit der vorhandenen Zeit ihre Abläufe besser zu organisieren. Einfach, weil mit der Geburt eines Kindes plötzlich eine Rolle mehr im gleichen Zeitrahmen eingeplant werden muss. Kreativität geht damit nicht zwangsläufig einher. Ich glaube aber daran, dass Menschen dann kreativer sind, wenn sie frei und glücklich sind. Darum bieten wir unseren Mitarbeitern auch all diese Freiheiten und Möglichkeiten. Weil wir glauben, dass glückliche Menschen die kreativsten Ideen produzieren.

Eigentlich müssten die Nachwuchsleute Ihnen die Bude einrennen. Oder ist es der Standort, der noch viele verschreckt?

Wir können unser Standortproblem nicht verhehlen: Dresden ist nicht das Mekka der deutschen Agenturszene. Das liegt bestimmt auch am schlechten Ruf, den Dresden in meinen Augen vollkommen zu Unrecht hat. Sicherlich müssen auch wir uns mit Menschen rumschlagen, die das Stadtbild ins Negative verzerren. Aber Dresden oder Sachsen sofort mit Nazis oder Pegida gleichzusetzen tut den vielen positiven, bunten und kreativen Köpfen hier genau so unrecht, wie wenn man Hamburg auf die linksextremen Chaoten beim Schanzenfest reduziert. Dresden hat dagegen erstaunlich vieles, was jungen, kreativen Menschen richtig gut gefällt, wenn man näher hin schaut. Dazu ist das Lebensgefühl hier insgesamt sehr positiv und lebensbejahend. Kein Wunder, dass die Geburtenrate in Sachsen höher ist als in allen anderen Gebieten Deutschlands.

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