VR im Recruiting: Das denken Unternehmen darüber.
VR im Recruiting: Das denken Unternehmen darüber. © Foto:Jobstairs

Interview | | von Annette Mattgey

So bindet die Deutsche Bahn VR-Videos ins Recruiting ein

Fürs Branding haben sich Unternehmen wie Expedia und Samsung schon nette Beispiele für 360-Grad-Virtual-Reality-Videos ausgedacht. Aber wie sieht es beim Recruiting aus? Bislang sind sie hier noch eine Seltenheit. Aber die HR-Verantwortlichen stehen VR-Videos durchaus positiv gegenüber, wie aktuelle Zahlen der Jobbörse JobStairs zeigen: Knapp zwei Drittel der Personalentscheider sehen VR-Videos als gewinnbringende Erweiterung für das Recruiting. Für Prof. Wolfgang Jäger, Sprecher der Jobbörse, ist das keine Überraschung: "Wir haben in den vergangen Jahren bereits gute Erfahrungen mit stellenbezogenen Recruiting-Videos gesammelt. 360-Grad-VR-Videos sind nun der nächste logische Schritt im Personalmarketing." Denn mit dieser Technologie könne der Spagat zwischen Authentizität und Unterhaltung noch besser gelingen und Bewerber so noch wirkungsvoller für ein Unternehmen begeistert werden.

Einer, der das bereits ausprobiert hat, ist Florian Wurzer, bei der Deutschen Bahn in Bayern u.a. fürs Recruiting zuständig. LEAD digital sprach mit ihm über seine Erfahrungen.

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Sie haben Virtual Reality im Recruiting ausprobiert. Wie sah das aus?

Nachdem wir auf einer Veranstaltung erste Videos zu dem Thema gesehen haben, wollten wir diese spannende und innovative Technologie für das Recruiting und Personalmarketing der Deutschen Bahn erschließen. Virtual Reality bietet eine immens große und breite Einsatzmöglichkeit, um potentiellen Bewerbern der DB zeit- und ortsungebunden Einblicke in unsere Arbeits- und Berufswelt anbieten zu können. So haben wir nach der ersten Recherche ein kleines agiles Projektteam aufgestellt und in weniger als einem halben Jahr das gesamte Projekt realisiert. Zu Beginn war vor allem die Hardware einer der wichtigsten Projektmeilensteine. Wir haben uns für die VR One von Zeiss entschieden, da es derzeit eines der besten Produkte auf dem Markt. In der Folge haben wir eine offizielle Projektkooperation mit Zeiss etablieren können. Es folgten danach finale Konzepterstellung, Klärung technischer Details, Storyline-Gestaltung und Produktion der ersten drei 360 Grad-Videos. Im Oktober 2015 hat auf dem "Backstage DB Karrieretag" in München die große Premiere stattgefunden.

Wieviele Kandidaten haben daran teilgenommen und wie war ihr Feedback?

Wir mussten es nicht wirklich auf eine bestimmte Anzahl an Kandidaten begrenzen. Unser technisches Set-Up war von Beginn an so aufgestellt, dass wir immer aktive Nutzer genauso wie Beobachter einbeziehen können. So konnten bis zu vier Nutzer parallel in die virtuelle Arbeitswelt bei der DB eintauchen und sich zu Beginn entweder im ICE-Werk, in der Betriebszentrale in München oder auf einer Gleisbaustelle Einblicke verschaffen. Über einen aufgestellten Monitor konnten wir auch für die Umstehenden etwas vom Feeling und Flair der Technologie zeigen. Bei der Premierenveranstaltung konnten die ersten rund 100 User das Ganze testen. Seit der Premiere setzen wir die Virtual-Reality-Technologie auf nahezu jeder großen Karriereveranstaltung ein – zum Beispiel auf Messen, in Schulen, Elternabenden oder unseren Berufsinformationstagen in den DB Ausbildungswerkstätten. Das Feedback war durchgehend positiv. Vor allem bei der jüngeren Zielgruppe, welche diese Technologie oft bereits von den eigenen Computerspielerfahrungen zu Hause kannte, aber in dieser Form noch nie erlebt hat. Konkret bei der VR-Premiere in München hatten wir sogar einen interessierten Gast aus Österreich, der sich nach der Virtual Reality Erfahrung final dazu entschlossen hat, sich bei uns zu bewerben.

Wie geht es weiter?

Wir haben als erstes Unternehmen in Europa das Thema als strategischen Bestandteil in die Personalgewinnungsstrategie aufgenommen. Das heißt aber auch, dass wir uns täglich weiterentwickeln und dazulernen. Die Potentiale von VR sind noch lange nicht ausgeschöpft. Wir haben die Filme derzeit auf einer eigenen DB VR-App gespeichert, um diese dann auf Veranstaltungen und überall dort, wo wir im direkten Kontakt mit Interessenten und Bewerbern stehen, einsetzen zu können. Des Weiteren sind zwei unserer Filme bereits auf Youtube mit insgesamt 20.000 Klicks (ICE-Werk; Oberbauschweißer) . So bieten wir die Möglichkeit an, das 360-Grad-Feeling auch zu Hause erleben zu können. Wir haben bereits weitere Ideen, wie wir das Ganze noch weiter professionalisieren und skalieren wollen.

Was war aus Ihrer Sicht positiv, was negativ?

Negatives fällt mir beim besten Wille nichts ein. Ich bin einfach begeistert und ein totaler Fan dieser Technologie. Bei dieser Technologie geht es primär um die Anreicherung der Realität und Vorteile für den User – realistische Einblicke in ferne oder versteckte Plätze und Welten oder realistischeres Gaming- oder Kinoerlebnis. Oder auch in einem Bereich, aus dem die Technologie zum Teil auch kommt, der medizinische Sektor. Man kann Operationen noch realistischer simulieren und hoffentlich so die Ausbildung in vielen Berufen verbessern. Wir werden die VR-Plattform auch noch für weitere Zwecke im Unternehmen einsetzen, auch hierzu haben wir die ersten Pläne bereits erstellt. 

Werden Sie das wiederholen? 

Von einer Wiederholung kann man in der Form nicht sprechen, da wir die VR-Technologie nun nahezu jeden Tag irgendwo im Bundesgebiet einsetzen. Somit kann man von einer nachhaltigen Implementierung der Technologie sprechen, welche bereits stattgefunden hat. Nun geht es an das Professionalisieren der Infrastruktur und die Skalierung auf weitere Berufe ebenso wie die bereits erwähnte Erweiterung auf andere Unternehmensbereiche. Die Vielfalt der DB-Berufe – wir haben über 500 verschiedene im Konzern - und die unzähligen Arbeits- und Ausbildungswelten bieten ein schier endloses Potential für die Skalierung. Entsprechend freuen wir uns sehr auf die kommenden Projekte.

Welche 3 Tipps geben Sie HR-Verantwortlichen auf den Weg, die sich auch an VR-Videos versuchen wollen?

Aus meiner Perspektive waren die Erfolgsfaktoren Begeisterung, Neugierde und Leidenschaft. Sie sollten ein Team zusammenstellen, welches sich für neue Technologien interessiert und begeistern kann. Man sollte sich dem Thema spielerisch nähern und mit einem komplett barrierefreien Denken herangehen. Als Zweites sollten Sie sich die richtigen Fragen stellen: Was hat das eigene Unternehmen zu bieten? Was können und wollen wir zeigen? Worauf sind wir stolz und was macht uns aus? Im Grunde sind das natürlich ähnliche Fragestellungen, die man sich sonst für die Erstellung von Arbeitgeber-Videos stellt. Aber mit der VR-Technologie haben Sie noch viel intensiver die Möglichkeit, ein tatsächliches Erleben – es gibt auch schon interaktive VR-Tools – ihrer Arbeits- und Berufswelten zu erzeugen. Als letztes würde ich den Rat geben, sich den richtigen Projektpartner für die Erstellung von Content, Infrastruktur und Experience des Ganzen zu suchen. Dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Florian Wurzer leitet seit 2013 die Personalgewinnung der Deutschen Bahn in Bayern. Zu seinen Aufgaben gehören das Recruiting, das Employer Branding und das Personalmarketing. Vorher arbeitete er unter anderem bei Intel und Microsoft.

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