Nico Rose | | von Nico Rose

Sind unsere Führungsetagen wirklich voller Psychopathen?

Gehen Sie noch gerne arbeiten? Arbeiten bedeutet nicht nur Stress, es ist mordsgefährlich. Im Grunde ist es ein Wunder, dass sich unsereiner morgens überhaupt noch ins Büro traut. Denn: in unseren Chefetagen wimmelt es von Psychopathen. Dies könnte man zumindest glauben, wenn man in den letzten Wochen und Monaten die deutschen (Online-)Leitmedien beobachtet. "Die Zeit" schrieb über „irre erfolgreiche Manager“, der "Spiegel" erklärt uns, wie man mit „gestörten Bossen“ umgehen sollte, und bereits vor einigen Jahren schrieb die "Süddeutsche Zeitung" über „meinen Chef, den Psychopathen“. Ebenso beschäftigen sich führende Human Resources-Publikationen mit dem Thema.

Mit solchen Titeln lässt sich sicherlich trefflich Aufmerksamkeit erregen, denn einerseits denkt Otto-Normal-Verbraucher beim Begriff Psychopath vermutlich an die Hannibal Lecters dieser Welt und vermutet dahinter eine Geschichte von zum Business-Lunch verspeisten Mitarbeitern. Und zum anderen haben wahrscheinlich die meisten von uns schon einmal die Erfahrung machen müssen, unter einem (sozial) inkompetenten Chef arbeiten zu müssen. Es gilt ja mittlerweile als sprichwörtlich, dass gefrustete Mitarbeiter nicht das Unternehmen verlassen, sondern ihren Chef.

Doch sind wir wirklich von Psychopathen umgeben, wenn wir die heiligen Hallen unserer Unternehmen betreten? Die Wahrscheinlichkeit ist äußerst gering. Selbst, wenn man – wie mein Psychologen-Kollege Jens Hofmann – davon ausgeht, dass sich in höheren Chefetagen bis zu sechs Prozent Psychopathen tummeln, ist die Wahrscheinlichkeit recht gering, dass Ihr Chef einer ist. Psychopathie ist eine schwere Persönlichkeitsstörung, die mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht. Voll ausgeprägte Psychopathen landen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit im Gefängnis, nicht in der Vorstandsetage. Studien haben gezeigt, dass etwa 15 Prozent der Insassen eines typischen Gefängnisses als Psychopathen klassifiziert werden können.

Die Dunkle Triade 

Trotzdem haben all die Schauergeschichten über „irre Manager“ einen wahren Kern. Ein wenig Licht ins Dunkel bringt ein Blick auf die sogenannte Dunkle Triade. Dies ist nicht etwa eine chinesische Mafia-Organisation, sondern eine Gruppe von sozial unerwünschten psychologischen Persönlichkeitskonstrukten, konkret:

  • Narzissmus;
  • Machiavellismus;
  • und (Aha!) Psychopathie. 

Der Narzisst zeichnet sich durch Selbstüberhöhung aus, er möchte vor allem von anderen bewundert werden. Für den Machiavellisten heiligt der Zweck jedes Mittel. Er neigt zu (kalkulierter) Rücksichtslosigkeit und vernachlässigt zumeist die Bedürfnisse seiner Mitmenschen, es sei denn, er kann Profit daraus ziehen. Der Psychopath zuschlechterletzt zeichnet sich typischerweise durch eine völlige Abwesenheit von Empathie aus. Bei diesem kommt außerdem hinzu, dass er zumeist keinerlei Angst verspürt, vor allem auch nicht vor den Konsequenzen seines Tuns – dies macht ihn so gefährlich.

Wichtig ist, dass man im Zusammenhang der Dunklen Triade über die „subklinische“ Variante jener Persönlichkeitsdimensionen spricht, das heißt, es geht um mehr oder weniger stark ausgeprägte Züge dieser Eigenschaften, nicht jedoch um das voll ausgebildete psychologische Störungsbild. Es sei nochmal gesagt: „echte“ Psychopathen finden sich vorwiegend in Gefängnissen und geschlossenen Betreuungseinrichtungen. Sie werden meist schon im frühen Jugendalter sozial auffällig und auch straffällig, so dass sie eher eine Knastkarriere statt einer steilen Unternehmenslaufbahn hinlegen.

Schaut man jedoch auf einige typische Merkmale von Psychopathie und nimmt an, dass sie in einer milden Ausprägung vorhanden sind, dann wird klar, warum sie vermutlich sogar nützlich sind, um in der kompetitiven und stressreichen Umgebung einer typischen Vorstandsetage überdauern zu können.

Psychopathen:

  • haben ein sehr ausgeprägtes Selbstwertgefühl, das heißt, sie zweifeln nicht an ihren Entscheidungen;
  • verfügen oft über Charme und sind gute Kommunikatoren, das heißt, sie können Menschen für sich einnehmen;
  • und sind zumeist unempfindlich, leiden also wenig unter Gewissensbissen – und weichen daher nicht vom einmal eingeschlagenen Kurs ab.

Das klingt doch fast nach einem Wunschprofil in Umfeldern, wo es „um die Wurst geht“, nicht wahr? Doch bevor Sie glauben, ich möchte hier etwas „schönreden“: Ich habe in den letzten 15 Jahren für eine ganze Reihe unterschiedlicher Chefs und Chefinnen gearbeitet. Ich kann sagen, dass die Führungsqualität – vorsichtig ausgedrückt – erheblich geschwankt hat zwischen all diesen Personen. Eines ist allerdings absolut sicher: Psychopathen waren nicht darunter. Und ich denke, wir sollten Vorsicht walten lassen, unkritisch mit solchen bedeutungsschweren Begrifflichkeiten um uns zu werfen.

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Sind unsere Führungsetagen wirklich voller Psychopathen?

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

(5) Leserkommentare

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht