Erfolg hat seinen Preis. Insa Sjurts, Zeppelin Universität.
Erfolg hat seinen Preis. Insa Sjurts, Zeppelin Universität. © Foto:Unternehmen

Interview mit Insa Sjurts | | von Irmela Schwab

Selbstvermarktung: Frauen müssen lernen ihre Federn zu putzen

Insa Sjurts ist Präsidentin der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Während ihrer Karriere hat sie niemals die viel beschworene "gläserne Decke" berührt, sondern war immer die erste Frau in einer Position. Warum das nicht allen gelingt, erzählt die Ökonomin und Autorin ("Frauenkarrieren in der Medienbranche") im Interview mit LEAD digital. 

Frau Sjurts, Sie haben einen eigenen Eintrag auf Wikipedia: Was haben Sie in Ihrer Karriere von vornherein anders gemacht? 

Ein Wikipedia-Eintrag ist sicherlich noch keine Leistung und auch kein Indikator für eine besondere Karriere. Es ist aber ein Indikator der persönlichen Sichtbarkeit oder Bekanntheit in einem thematischen Kontext. Bei mir sind es die Medien. Gleich nach meinem Studium bin ich mit der Medienbranche in Kontakt gekommen. Zunächst in der Unternehmenspraxis, später aus wissenschaftlicher Perspektive mit dem Hintergrund von Professuren an verschiedenen Orten. Ich denke, dass genau das wichtig ist: erkennbar sein, ein Profil haben, thematisch ankern – nicht nur, weil man so über die Jahre viel Kompetenz aufbaut. So entstehen auch Netzwerke, die wichtig sind für den beruflichen Weg.

Nun haben Sie ein Buch über "Frauenkarrieren in der Medienbranche" geschrieben: Wie unterscheidet sich Ihr Buch von den anderen tausend Karrierefibeln? Was lässt sich daraus lernen?

Meine Intention war es gerade nicht, noch einen Ratgeber auf den Markt zu bringen. Mich interessierte, wie sich wirklich und lebendig individuelle Karrierewege darstellen – authentisch und unverstellt. Deshalb habe ich die Interviewform gewählt und die Interviewpartnerinnen, geleitet durch einen für alle gleichen Gesprächsfaden, zu Wort kommen lassen. Sie schildern ihren individuellen beruflichen Weg, zeigen Stolpersteine und Erfolgsfaktoren auf. Die Gesprächsatmosphäre war immer sehr persönlich und individuell, und ich bin sehr dankbar dafür, dass mich die Frauen auch an hier und da schwierigen Herausforderungen und Entscheidungswegen haben teilhaben lassen. So entstand ein Buch, das ein gleichermaßen privates wie auch klares Bild von Frauenkarrieren in der Medienbranche zeichnet. Ich selbst habe für mich sehr viele gute Hinweise mitgenommen. Und hier und da gab es auch den erlösenden „Aha-Effekt“ nach dem Motto: Ach, anderen ging‘s auch so; die haben sich da oder deswegen auch mal die Nase gestoßen. Das tut gut.

 Sie schreiben viel über die gläserne Decke: Sind Sie dort selbst angestoßen? 

Ich selbst habe diese Erfahrung noch nicht gemacht. Darüber bin ich froh, denn das ist eine sehr frustrierende Erfahrung, die Wirkung zeigt. Bei mir war es vielmehr so, dass ich immer wieder in die Rolle kam, die erste Frau auf einer Position zu sein. Aber ich habe beobachtet, wie andere Frauen genau das erlebt haben: hoch kompetent, erfahren, anschlussfähig und dann doch kurz vor der Ziellinie gestoppt zu werden. Dieses Phänomen zu erkennen und zu benennen ist wichtig, um handeln zu können. Einerseits ist es wichtig für die Frauen, um die tiefer liegenden Organisationsmuster und Entscheidungsprinzipien besser zu verstehen und sich darauf einstellen zu können. Andererseits ist es wichtig für die Unternehmen, um interne Prozesse und Mechanismen ändern, durchbrechen zu können. 

In Ihrem Buch haben Sie Interviews mit 37 Karrierefrauen geführt: Nach welchen Kriterien haben Sie diese ausgewählt?

Mir war es wichtig, die Breite der Medienbranche abzubilden. Zum einen das Branchenspektrum, indem ich Frauen aus verschiedensten Medienteilbranchen von der Contentproduktion, also zum Beispiel Musik, Film und Buch, über das Content-Packaging, also Print, Rundfunk, Internet, bis hin zur Mediendistribution, heißt Grosso und Telekommunikation, befragt habe. Zum Zweiten die Tätigkeitsbreite, indem ich für die Branchen jeweils Frauen aus dem Kreationsbereich (also zum Beispiel Journalistinnen, Musikerinnen, Filmemacherinnen) und Frauen aus dem Managementbereich (also Frauen in Geschäftsführungs- und ähnlichen Positionen) ausgewählt habe. Bewusst ausgeklammert als Gesprächspartnerinnen habe ich Frauen, die auf ihre Spitzenpositionen über familiäre Bande gekommen sind. Ihr Weg an die Spitze ist ein komplett anderer als der, dem man sich ansonsten stellen muss.  

Was haben TV-Moderatorin Gabi Bauer, Maria von Borcke von N24 Media, oder die ehemalige Bunte-Chefredakteurin Beate Wedekind denn zum Beispiel anders gemacht als viele andere?

Gemeinsam ist diesen Frauen ihr bedingungsloser Einsatz für die Aufgabe, ihre Bereitschaft, auch weit über den Acht-Stunden-Tag erreichbar zu sein. Das verlangt ein hohes Maß an Disziplin, aber auch Alltagsmanagement. Diese Leidenschaft, die Identifikation mit der Aufgabe, die in den Gesprächen heraus kommt, ist schon enorm. Hinzu kommt, dass Frauen, die es ganz an die Spitze geschafft haben, sehr genau wissen, wo ihre Kompetenzen liegen. Mit diesem Wissen gehen sie aber nicht prahlerisch um, sondern setzen es funktional und zielorientiert ein. Sich selbstvertraut seiner Stärken sicher zu sein,  ohne überheblich zu wirken – auch das zeichnet Spitzenfrauen aus. Und Netzwerken, Kontakte pflegen, das sollte man können oder zumindest versuchen, auch wenn es am Anfang oftmals nicht ganz einfach ist. Am Ende ist es doch ganz, ganz oft ein sehr wichtiger Faktor, der zufällig spannende Türen öffnet, Chancen erst entstehen lässt. 

Viele Interviewpartnerin, wenn auch nicht alle, machten aber auch deutlich, dass Erfolg auch seinen Preis hat und sie rückblickend hier und da Verzicht leisten mussten: auf Freizeit, Familie und Freunde. Aber auf die Frage, was sie rückblickend anders gemacht hätten, lautet die Antwort ganz überwiegend: nichts. In den Gesprächen fand ich das immer sehr beglückend: am Ende trotz aller Widrigkeiten stolz zu sein auf den eigenen Weg, nichts zu bereuen. Dieses hohe Maß an innerer Verbindung mit dem eigenen Weg ist ebenfalls ein gemeinsames Merkmal der Top-Frauen. Nur wer wirklich inhaltliches Interesse an einer Aufgabe hat und dann dafür bewusst in anderen Bereichen zurücksteckt, für den stimmt am Ende die Rechnung. Wenn es nur um das Fortkommen ginge, um das Erreichen von Macht oder Position, dann wäre diese innere Zufriedenheit sicherlich nicht so groß.

Welches Ergebnis aus Ihrem Buch hat Sie am meisten überrascht?

Mich hat die unglaubliche Ähnlichkeit der Karrierewege beeindruckt und auch ein wenig überrascht. Und die Ähnlichkeit der Schwierigkeiten. Das ist schon hoch kongruent, zeigt immer wiederkehrende, klare Muster. Inhaltlich fand ich bedingungslose Leidenschaft für die Sache mitreißend. Das ist schon faszinierend, wie diese Frauen sich mit ihrer Tätigkeit identifizieren – im besten Sinne. Da geht es nicht um Zielkarrieren oder das Rangeln um Positionen. Was zählt, ist die Begeisterung für das, was man tut. Und immer wieder tauchen Schlüsselpersonen, Fürsprecher, Unterstützer auf. Irgendwo schwirren diese bei fast jeder Frau im Hintergrund herum. Hier scheint ein ganz wichtiger externer Faktor des Vorankommens zu liegen. Aber ohne den eigenen, unbedingten Willen zum Erfolg ist das natürlich nicht genug.

 Welche Jobs können Männer in der Medienbranche besser ausfüllen als Frauen - und warum?

Man könnte auch anders herum fragen, welche Jobs Frauen schlechter ausfüllen können. Die Antwort ist immer die gleiche: keine. Ich sehe nicht, dass Aufgaben in der Medienbranche strukturell nur von Männern oder nur von Frauen ausgeübt werden können. Im Einzelfall der Interview- oder Recherchesituation mag es Sinn machen, mal eine Frau oder einen Mann zu schicken, weil der Zugang zum Gesprächspartner möglicherweise so besser gelingt. Aber Frauen können genauso gut wie Männer Fußball-Reportage, Kriegsberichterstattung oder Vorstandsvorsitzende. Und Manches gelingt auch noch besser, wenn Frauen Fachkompetenz, Erfahrung und Empathie zugleich mitbringen.

Welche Defizite haben Frauen? Warum? Und was können die Frauen dagegen selbst tun?

Ich würde nicht von Defiziten reden, weil das den Eindruck erweckt, es handelt sich um ein strukturelles, nicht auflösbares Problem. Lassen Sie uns lieber von „Schwierigkeit“ sprechen, denn Schwierigkeiten kann man überwinden. Woran Frauen immer wieder scheitern, sind die Zweifel an sich selbst, an den eigenen Fähigkeiten. Quälende Fragen wie „Kann ich, gerade ich, das wirklich?“ oder „Bin ich die Richtige für die neue Aufgabe, die mir da angeboten wird?“. Solche Fragen fallen nur Frauen ein, wenn es um ein neues Job-Angebot geht. Wo Männer schon beherzt und voller Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten zugreifen, grübeln Frauen noch darüber, ob sie es wirklich zusagen sollen. Dieses Zweifeln ist wie ein Schatten, der sich nur schwer verscheuchen lässt. Bei den Frauen, die es in die Top-Positionen geschafft haben, gab es diese Zweifel auch. Aber nur für einen Moment. Denn das tiefe Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, das hat immer überwogen. Dieses Grundvertrauen ist auch die Voraussetzung dafür, mit Fehlern und Rückschlägen – und die kommen garantiert - konstruktiv umzugehen. „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weiter gehen“ – das ist ein Satz, der so oder ähnlich in vielen Interviews fiel und der das sehr anschaulich macht. Zu verstehen, dass Scheitern auch zum Erfolg gehört, das müssen wir erst mühsam lernen. Konstruktiver Umgang mit Kritik, in Rückschlägen auch mal die guten Aspekte sehen und sich nicht beirren lassen, wenn andere am Lack kratzen. Das müssen wir Frauen einfach noch viel stärker internalisieren.

Als Führungskraft muss man Durchsetzungsstärke und Wettkampfgeist demonstrieren, und einen knappen Redestil pflegen. Was ist mit typisch weiblichen Kompetenzen - sind diese gar nicht gefragt?

Ich denke, das mit dem knappen Redestil ist ein Klischee. Schauen Sie doch mal in Männer-Führungsrunden: Da wird gerne umfänglich und ausbreitend über die eigenen Erfolge referiert, bevor es zu Sache geht. Ich glaube, vielen Frauen fällt genau das schwer, diese Selbstbeschau: erst einmal die Federn putzen, Leistungsschau ausbreiten, Claims abstecken, bevor es inhaltlich wird. Das können viele Männer deutlich besser als Frauen. Da können wir noch sehr viel dazu lernen. 

Wollen Frauen nicht lieber weiblicher führen? Wie gelingt das?

Ich habe wirklich Schwierigkeiten mit einer Unterscheidung in „weiblich“ und „männlich führen“. Gute Führung ist doch die, die Menschen motiviert, begeistert, mutig, loyal und innovativ für die gemeinsame Sache macht. Das können Männer und Frauen gleich gut, vielleicht mit hier und da anderen Mitteln. Aber auf die Wirkung kommt es an. Meine Erfahrung ist: Je mehr ich mich mit meiner Aufgabe verbinde, je mehr ich damit eins bin und authentisch bei mir bleibe, desto überzeugender kann ich auch auf andere wirken. Das hat mit „männlich“ und „weiblich“ gar nichts zu tun.

Vermarkten sich Frauen schlechter als Männer?

Ja, absolut. Frauen neigen immer noch dazu, ihre Kompetenzen nicht in den Mittelpunkt zu stellen, sondern sie zu relativieren. Damit müssen wir aufhören. Was ist so unanständig daran, die Beste für einen Job zu sein und es auch zu sagen? Nichts. 

Wie lässt sich eine Reputation aufbauen?

Reputation ist das Ergebnis eines langen Weges. Eines langen Weges, auf dem man über die Jahre viele Erfahrungen einsammelt, viel Wissen generiert und viele Kontakte aufbaut. Dieser reiche Fundus braucht aber eine Bühne, damit aus ihm auch echte Reputation im Sinne einer positiven Leistungszuschreibung durch andere wird. Also: raus gehen, über den Tellerrand hinaus blicken, sichtbar sein. Da helfen Besuche von Kongressen oder Tagungen, eigene Vorträge, Fachbeiträge. Wichtig dabei: ein klares Profil aufbauen. Wo genau liegt meine Kernkompetenz? Liegt sie in einem besonderen Sachgebiet? In einer besonderen Managementkompetenz? Ist es eine persönliche Eigenschaft? Ohne diese Klärung fehlt es einfach an Kontur.

Konkret: Welche Ratschläge geben Sie einer jungen Kollegin, die eine Karriere im Bereich Sales anstrebt?

Unbedingt ein solides Kompetenz-Fundament aufbauen, Kontakte pflegen, mutig und veränderungsbereit sein. Immer wieder reflektieren, wo man steht und wo man hin möchte. Dabei aber immer selbstvertraut und stolz auf die eigene Leistung sein. Und ganz wichtig: sich nie verbiegen lassen, immer authentisch bleiben. 

Was war der beste Ratschlag, den Sie während Ihrer beruflichen Karriere bekommen haben?

Bei allen Entscheidungen Kopf und Herz zur Deckung zu bringen. Das hat mir schon oft geholfen, den richtigen Weg einzuschlagen.

Mehr zum Thema Frauenkarrieren lesen Sie in LEAD digital 11/2015. Oder Sie sprechen selbst mit: beim W&V Women Business Summit  am 10. Dezember in München.

Selbstvermarktung: Frauen müssen lernen ihre Federn zu putzen

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