Jobsuche 2.0 | | von Annette Mattgey

Schnoors öffentliche Bewerbung: "Mit der Blamage rechnen"

Mehr als eine Woche nahm sich Mike Schnoor Zeit, an seinem Blog-Beitrag zu feilen, mit dem er seine Jobsuche anschob. Er sei jedoch nur das "i-Tüpfelchen" seiner Bewerbung, erklärt Schnoor exklusiv im LEAD digital-Interview. In wenigen Tagen tritt Schnoor seine neue Stelle als Head of Corporate Communication bei der hmmh multimediahaus in Bremen an. Zuvor arbeitete er als Sprecher des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW)

Neben ihnen haben Christine Heller, Falk Hedemann und Social-Media-Experte Nico Lumma vorgemacht, wie die Jobsuche 2.0 funktionieren kann. Für wen halten Sie so eine mediale Exposition im Social Web für ein sinnvolles Instrument zur Stellensuche?

Wer heutzutage einen Job in der Medien- und Digitalbranche sucht, sollte sich nicht mehr ausschließlich darauf konzentrieren, rein klassische Bewerbungen auf Stellenanzeigen in Jobportalen oder Printmedien zu setzen. Mittlerweile funktioniert es vor allem in der digitalen Wirtschaft einfach anders herum: Personalabteilungen und -dienstleister setzen für die Rekrutierung von Fach- und Führungskräften verstärkt auf Business-Netzwerke, Social Media im Allgemeinen und die Empfehlung aus dem eigenen Netzwerk.

Für die Bewerber entwickelt sich eine Jobsuche – egal ob im stillen Kämmerlein oder plakativ auf der öffentlichen Bühne eines Blogs – immer zu einer großen Herausforderung. Sowohl eine unerwartete Wendung als auch die Idealvorstellung können als Ergebnis herausspringen.

Die „mediale Exposition“ funktioniert jedoch nicht bei jedermann. Mechatroniker, Physiker oder Bäcker werden mit einem Tweet oder einem Blogeintrag wohl kaum den nächsten Job finden. Dazu benötigt man ein extrem starkes und vertrauenswürdiges Netzwerk, das sich eben nicht nur rein digital auf Twitter, Facebook, Google+, LinkedIn oder XING tummelt. Nicht-digitale Berufsgruppen müssen deutlich stärker auf klassische Bewerbungen setzen als digitale Asketen.

Viel wichtiger für den Erfolg bei der Suche nach einer neuen Herausforderung ist aber das Vitamin B, welches über digitale Kanäle seine Wirkung entfalten kann. Mit anderen Worten: Nur gut vernetzte digitale „Marktschreier“ können von einer Jobsuche 2.0 profitieren. Demnach haben vornehmlich die Kandidaten, die bereits im Umfeld von Marketing, Public Relations und Social Media tätig sind, wesentlich bessere Aussichten auf den Erfolg. Wer sich eine gewisse Präsenz in den Köpfen potenzieller Arbeitgeber geschaffen hat und auf die Unterstützung des eigenen Netzwerks vertrauen kann, findet in der Regel schnell seine gewünschte Herausforderung. Doch wenn jemand aus diesen prädestinierten Berufszweigen absolut kein eigenes Netzwerk mit wertvollen Kontakten – teils bis in die Entscheidungsebene – vorweisen kann, wird mit einer öffentlichen Bewerbung nur in den seltensten Fällen erfolgreich sein. Wer hier noch Nachholbedarf hat, sollte bei den Grundlagen anfangen: Branchen- und fachspezifische Tagungen und Kongresse, Messen und Weiterbildungseinrichtungen eignen sich als erste Anlaufstellen, um echte Kontakte aufzubauen, die in einigen Monaten vielleicht genau die wertvollen Empfehlungen und Hinweise auf eine neue Position geben können.

Welche Hemmnisse sehen Sie?

Bewerbungen dürfen bei einer Jobsuche 2.0 wie ein individuelles Gesamtkunstwerk wirken, das die Fähigkeiten und Qualifikationen des Kandidaten widerspiegeln sollte. Was eignet sich also besser für einen Kommunikatoren, die fachlichen Skills mit einer Prise „Menscheln“ in einem Blogeintrag zu demonstrieren? Nicht ohne Grund erwartet die Digitalbranche ein gewisses Maß an Kreativität von potenziellen Kandidaten. Um aus der Masse der Bewerber herauszustechen, sollte man einen solchen oder ähnlichen Schritt in Richtung Kreativität wagen. Damit positioniert sich ein Bewerber deutlich extrovertierter für potenzielle Arbeitgeber, als ihm vielleicht lieb ist – aber wer einen Job wirklich haben möchte, muss einfach mehr zeigen als seine Konkurrenz.

In der Öffentlichkeit entwickelt sich die Jobsuche 2.0 sehr eigenständig, man verzichtet schließlich auf Diskretion, betreibt immer einen höheren Aufwand und muss im schlimmsten Fall mit der potenziellen Blamage rechnen.

Genau vor diesen Faktoren werden viele Kandidaten hier in Deutschland abgeschreckt, weil unser kultureller Umgang mit dem Internet sich in Zurückhaltung auszeichnet. Anders ausgedrückt: Viele Nutzer stellen täglich jeden erdenklichen Unfug ins Netz, wollen aber nicht unter ihrem echten Namen gefunden werden.

Welche inneren Hürden mussten Sie selbst überwinden?

In meinem persönlichen Fall wirkte sich eine weitaus spannendere Konstellation auf die Jobsuche 2.0 aus: Vor rund zwei Jahren habe ich bereits eine digitale Bewerbungsphase anhand eines Tweet durchlebt, der eine hohe Resonanz im Netz entfalten konnte. Würde diesmal eine etwas stärker akzentuierte, persönlichere Bewerbung im eigenen Blog zu einem ähnlichen Erfolg führen oder in Belanglosigkeit enden? Die wichtigste Frage lautet in dem Moment: „Was passiert, wenn es nicht klappt?“

Es sollte in jedem Fall gut überlegt sein, ob man seine Jobsuche öffentlich bekannt gibt oder nicht. Für mich stand die Entscheidung fest, dass ich mich als Kommunikator öffentlich bewegen musste. Schon auf Verbandsseite habe ich mich immer wieder dafür ausgesprochen, dass sich auf dem Arbeits- und Bewerbermarkt die Spielregeln verändern – und Vorreiter muss es immer geben.

Apropos Vorreiter: Vor allem wollte ich die Aktivitäten der anderen Jobsuchenden beobachten, die ebenfalls ihre Suche nach einer neuen Herausforderung öffentlich gemacht hatten. Aus ihren Erfahrungen wollte ich lernen, um meine eigene Jobkampagne zu optimieren. Gewiss darf dies nicht als Konkurrenzkampf gewertet werden, da sowohl Christine Heller, Falk Hedemann als auch Nico Lumma sowie ich gänzlich andere Schwerpunkte für unsere individuelle berufliche Zukunft gesetzt haben. Ein Bewerbungsvideo wie bei Christine Heller schloss ich in meinem Fall ganz aus, die Guerilla-Kampagne von Jochen Hencke und die Amazon-Bewerbung von Philippe Dubost waren in meinem Fall zu zielgerichtet.

So feilte ich etwas mehr als eine Woche an dem Blogartikel, der meine Jobsuche öffentlich machen sollte. Die erste Variante unterscheidet sich in vielen Punkten von der öffentlichen Fassung. Mir war äußerst wichtig, keine direkte Forderung an einzelne Unternehmen zu stellen oder gar hilflos zu wirken, sondern mich als potenziellen Gesprächspartner für verschiedene Unternehmen zu präsentieren. Schließlich passen nur wesentliche Grundzüge zu einer Person in das einseitige Anschreiben bei klassischen Bewerbungsunterlagen, so dass ein umfangreicher Blogartikel zum Lesen einlädt. Weitere thematische Akzente setzte ich mit dem optisch alternativen Lebenslauf über ResumUp, erklärte meine eigenen Ziele als berufliche Weiterentwicklung und offenbarte Wünsche an potenzielle Arbeitgeber in Form eines 13 Punkte-Plans – von dem sich natürlich nicht jeder einzelne Punkt erfüllen musste.

Eine solche Aktion ist selbstverständlich kein Hilferuf oder Betteln um einen Job, sondern nur das berühmte i-Tüpfelchen einer ganzen Reihe von Maßnahmen. Dazu zählen der klassische Lebenslauf, aktuelle Bewerbungsfotos, Referenzen, Zeugnisse und Arbeitsproben. Wer diese Grundsystematik beim Bewerben nicht verstanden hat und nur auf einen Blogartikel setzt, wird spätestens an diesem Punkt bei einer digitalen Bewerbungsoffensive scheitern – und wenn diese Unterlagen den Personalentscheidern schlichtweg fehlen. Am Ende zählt jedoch auch in den Augen des Arbeitgebers immer wieder der Mut, sich mit einer eigenen Kampagne als attraktiver Kandidat auf dem Arbeitsmarkt zu präsentieren. Schließlich ist das Bewerbungsgespräch nicht anders wie der Pitch eines Kandidaten – und im Gegenzug der Pitch des Unternehmens, sich als ebenso attraktiv darzustellen.

Wie mobil muss man in Zeiten virtueller Teams und verbreiteter Home Office-Arbeit (noch) sein?

Mit allem Respekt für den digitalen Fortschritt, aber man muss nicht immer und überall erreichbar sein. Das ist für den Menschen ungesund und längst nicht immer zulässig. Einigen kommunikativen Zeitgenossen mag es vielleicht unmöglich erscheinen, mehrere Tage oder Wochen beim Klingeln nicht sofort zum Smartphone zu greifen, nicht spontan die Mails am Tablet zu beantworten und nicht doch noch für ein Konzept den Laptop aufzuklappen. Erholungsurlaub bleibt Erholungsurlaub, und ein Feierabend sollte normalerweise – ganz im Sinne der viel beschworenen Work-Life-Balance – nicht erst spät in der Nacht und im Regelfall erfolgen.

Daher empfiehlt sich, dass Arbeitnehmer mit ihren Kollegen und mit dem Arbeitgeber einen Konsens finden, so dass in Urlaubszeiten ganz klassische Vertretungsregelungen greifen können. So kann auch ein dreiwöchiger Urlaub in Australien zu einem Erholungsurlaub werden, ohne dass der Mitarbeiter gleich nach dem anstrengenden Flug die nächsten Projekte aus dem Internetcafé begleitet.

Wenn wir von normalen Angestellten absehen, kann die Messlatte in puncto Erreichbarkeit und Mobilität bei Führungskräften und Entscheidungsträgern etwas höher gelegt werden. Aber auch hier gilt: Der Konsens muss gefunden werden, so dass das Privatleben und die Familie mit den beruflichen Anforderungen harmonisch in Einklang gebracht werden kann.

Arbeit ist bekanntlich nicht alles - inwieweit spielen Freizeitwert, Nähe zur Familie, Arbeitsmöglichkeiten für den Ehepartner eine Rolle? Wie offen darf man sich heute zu solchen Ansprüchen bekennen?

Viele Experten behaupten, dass Beruf und Familie heute miteinander leichter vereinbar sind als früher, aber selbst moderne Technologien, Arbeitsmodelle und Betreuungsformen für den Nachwuchs können nur in den seltensten Fällen die wahre Wunschvorstellung verwirklichen. Zwischen Büropräsenzen, Kundenterminen, Home Office, Mobilität und Reisebereitschaft managen berufstätige Mütter und Väter nebenbei das Familienleben mit Freizeitaktivitäten, Hobbies, Freunden, Kita und Schule. Als moderne Work-Life-Balance mit dem Smartphone oder Tablet in der Hand getarnt, startet der Tag für viele Familien früher als bei Singles, und endet nicht nur mit dem Kalenderabgleich für den nächsten Tag, sondern zu deutlich späterer Stunde.

Ich bekenne mich zu meiner Familie und bin stolz darauf, dass wir als Eltern für unsere Kinder genügend Freiräume haben. Bereits in der Vergangenheit habe ich aufgrund des täglichen Pendelns zwischen Köln und Düsseldorf auf viele Lebensstunden mit der Familie verzichtet. Unsere neue Herausforderung in Norddeutschland wird nicht nur beruflich, sondern auch familiär viele Neuerungen schaffen, weil ich nur noch am Wochenende nach Hause fahren werde.

Die hoffentlich kurze Überbrückungsphase gilt es jetzt zu meistern. Meiner Frau bin ich für ihre große Unterstützung sehr dankbar, weil Sie sich neben ihrer Berufstätigkeit für die nächsten Monate ganz allein um das Familienmanagement unter der Woche kümmern wird. Als Familie wollen wir gemeinsam zu unseren nordischen Wurzeln zurückfinden und in einer nächsten Etappe in Bremen wieder vereint leben.

Bei einem Jobwechsel, besonders im Fall einer anderen Stadt, darf eben nur nicht alles überstürzt werden. Ich empfehle, mit dem potenziellen Arbeitgeber offen über die Anforderungen an das Familienleben zu sprechen, wenn natürlich ein gegenseitiges Vertrauen besteht. Das muss jedoch jeder einzelne Kandidat für sich alleine entscheiden, weil je nach Stellenprofil gänzlich unterschiedliche Anforderungen und Erwartungen teilweise auf den kleinsten, gemeinsamen Nenner gebracht werden müssen.

Wie ging Ihre Jobsuche voran? Welche Bilanz ziehen Sie aus den vergangenen Wochen? Welche Ziele - neben dem neuen Job - konnten Sie quasi nebenbei noch erreichen?

Natürlich habe ich nicht einzig und allein mit dem Blogbeitrag, der von mir und vielen anderen Menschen über Social Media verbreitet wurde, meine Fühler ausgestreckt. Das unverzichtbare Vitamin B und die Gespräche auf nicht-digitalen Wegen haben meine Bewerbungs-Kampagne beflügelt, und auf meine Personenmarke positiv eingezahlt. Die hohe Resonanz auf meinen Blogeintrag hat mich überrascht, ohne dass ich mich mit den Zugriffszahlen, dem Verbreitungsgrad und der Reichweite wirklich auseinander gesetzt habe.

Als Kommunikator rechnet man damit, dass eine Aktion immer eine Gegenreaktion hervorruft, sobald man mediale Präsenz erlangt. Natürlich erhielt ich negative Kritik von namentlich mir gänzlich unbekannten Personen. Diese Reaktionen haben mich jedoch in meinem Handeln nur bestätigt.

Ich habe nun bereits zum zweiten Mal einen tollen Job gefunden, indem ich nicht nur eine klassische Bewerbung einreichte, sondern auch die Aktivierungsleistung und Reichweite der digitalen Kanäle einspannen konnte. Daher bin ich allen Menschen dankbar, die mir in kürzester Zeit Empfehlungen für potenzielle Gesprächspartner gaben, aber den Arbeitgebern bin ich dankbar, dass sie auf diese Situation mit Interesse reagierten.

Hier lesen Sie, welche Erfahrungen Christine Heller, Nico Lumma und Falk Hedemann bei ihrer Jobsuche via Social Media gemacht haben.

Schnoors öffentliche Bewerbung: "Mit der Blamage rechnen"

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