Johannes Lenz | | von Johannes Lenz

Scheitern ist besser als sein Ruf

Jeder kennt sie, die kurzweiligen aber prägnanten Leitsprüche von Facebook mit roter Schrift auf weißem Grund: „Fail Harder“. Oder: „Done Is Better Than Perfect“. Diese beiden und ein paar weitere beschreiben den Spirit und die Energie, die das größte Social Network und seine Mitarbeiter antreiben. Auf Außenstehende üben sie auch nach längerer Zeit immer noch eine gewisse Faszination aus.

Wer schon einmal auf einer Facebook-Veranstaltung war, weiß wovon ich spreche, denn die Aufsteller und Plakate werden immer wieder von Teilnehmern fotografiert und auf Instagram & Co. geteilt. Ähnlich wie die „This journey 1% finished“-Aufkleber, die man inzwischen so oft auf Laptops von Social Medians findet.

Sie zeigen aber auch: Scheitern ist erlaubt. Scheitern ist gewollt. Nur: Das Ziel sollte heißen, daraus zu lernen und seinen Weg beständig zu verfolgen. Die Wochenzeitung "Die Zeit" nennt es auch die „Kunst des Scheiterns“. Was bedeutet das aber für die Realität?

Scheitern ist der Vorhof des Erfolgs, nicht der Hölle

Es war das Jahr 1962. Nelson Mandela, Apartheidgegner und Führer des African National Congress, kurz ANC, wird verhaftet. Erst mehr als 27 Jahre später wird er aus seiner politischen Haft entlassen. Der sein Leben lang gegen Rassentrennung und Rassismus kämpfende Mandela wurde in der Folge Staatspräsident von Südafrika und erhielt 1993 für seine Lebensleistung den Friedensnobelpreis. Der weltweit bekannte und geachtete Mandela verstarb vergangene Woche im Alter von 95 Jahren.

 

 

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Es war das Jahr 2006. Ein gewisser Tor Myhren verliert mit seiner damaligen Agentur Leo Burnett den größten Etat, nämlich den von Cadillac. Der Auftrag ist satte 300 Mio. US-Dollar schwer. Der Mann hat seine Karriere mit 34 Jahren schon hinter sich, bevor sie überhaupt angefangen hat, werden damals wohl viele gesagt haben. Inzwischen, sieben Jahre später, ist Myhren weltweiter Chief Creative Officer (CCO) der Netzwerkagentur Grey.

Es gibt sicherlich viele weitere inspirierende Beispiele, die zeigen, das Menschen womöglich erst scheitern mussten, um in der Folge gestärkt und erfolgreich ihre Ideen realisieren zu können.

Was wir daraus mitnehmen können ist die Tatsache, dass das Scheitern im Beruf oder das Scheitern eigener Ideen zum Erfolg führen kann. Das hat aber auch viel damit zu tun, wie man persönlich mit dem Scheitern umgeht, wie die beiden Beispiele zeigen.

Wie uns der Umgang mit dem Scheitern vorwärts bringt

Dieser Tage teilte ich einen Blogpost eines geschätzten Kollegen zu einer Blogger-Aktion einer großen Handelskette auf meinem Facebook-Profil.

Was ich für schön und gut befand, kam bei den meisten der Kommentierenden ganz anders an. Die Rede war von profanem Backlink-Kauf bis hin zur Instrumentalisierung der karitativen Einrichtungen zugunsten einer Marke. Auch im Kollegenkreis stand ich mit meiner Meinung ziemlich allein auf weiter Flur.

Sollte mir eine Fehleinschätzung auf einem Terrain unterlaufen sein, auf welchem ich es hätte besser wissen müssen? Ja, vielleicht. Zumindest hatte ich mir die Teilnahmebedingungen der Aktion nicht angeschaut. Ein Fehler, den ich auch umgehend eingestand. Zudem machte ich deutlich, dass ich der erste bin, der seine Aussage revidiert oder sich für einen Fehler entschuldigt, wenn ich mal völlig daneben liegen sollte. Naturgemäß fällt ein solches (privates oder öffentliches) Eingeständnis vielen schwer und nicht nur mir.

Überträgt man dies auf den Bereich der Unternehmen, ergibt sich folgendes Bild: Die Öffentlichkeit fordert von Unternehmen im Social Web und darüber hinaus gerade diese Fähigkeit des sich Zurücknehmens immer wieder ein. Und fast genauso oft wundert man sich dann darüber, dass diese damit ein Problem haben, was gelegentlich dazu führt, dass Proteststürme über sie hereinbrechen.

Konsequenz für mich aus der Diskussion um die Blogger-Aktion: Ich habe mir die unterschiedlichen Argumente und Anregungen aus meinem Netzwerk angeschaut. Das genaue Hinschauen schärft meine Sinne für die Konzeption und Durchführung  von Blogger- bzw. Influencer-Projekten.

Schließlich bat ich die Handelskette via Facebook und Twitter, sich zur Diskussion zu äußern. Eine Reaktion blieb bisher leider aus.

Sollten wir nicht viel häufiger scheitern?

In der vergangenen Woche war ich abends bei einer Veranstaltung des Presse Club Münchens. Thema war die Huffington Post Deutschland. Auf dem Podium saßen u.a. Alexander von Streit (ehemals Chefredakteur Wired Deutschland und Herausgeber von Vocer http://twitter.com/vonstreit ) und Richard Gutjahr (Journalist und Blogger http://twitter.com/gutjahr ).

„We didn`t fail enough“, zitierte Gutjahr einen amerikanischen Gesprächspartner, den er während seiner letzten Amerika-Reise getroffen hatte und bezog sich damit darauf, dass er den Eindruck habe, dass man in Deutschland nicht nur im Bereich Journalismus schlicht zu wenig riskiere, sprich damit auch zu wenig scheitere.

Hierzulande brauche es oft sehr viel Sicherheit, bevor man überhaupt ein Risiko eingehe. Dies münde darin, dass man gar nicht wisse, was Scheitern eigentlich bedeute. Es gälte, dies wieder zu (er-)lernen.

Zwischen Scheitern (verstanden als Misserfolg oder Versagen) wie im Falle von Nelson Mandela oder Tor Myhren und einer möglichen persönlichen Fehleinschätzung in Bezug auf eine wie auch immer geartete Blogger Aktion besteht natürlich ein großer Unterschied.

In allen Fällen aber braucht es Mut im Umgang mit solchen Situationen. Es braucht den Glauben an sich selbst und das eigene Urteilsvermögen, ohne dass sich dieses mit Starrsinn oder Ignoranz paart. Aber wie insbesondere das Beispiel von Nelson Mandela zeigt, wird Mut und Glaube an sich selbst belohnt!

Johannes Lenz ist einer der "Digital Leader", einer festen Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreiten. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Scheitern ist besser als sein Ruf

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