GSVA-Programm | | von Irmela Schwab

Risiko und Top-Kontakte: Wie das deutsche Start-up Nelou die USA erobern will

Die Musik fürs Internet-Geschäft spielt in den USA: viele deutsche Start-ups gelten dort als "rückständig". Boris Berghammer hat nun den ersten Schritt geschafft - über das German Silicon Valley Accelerator Programm (GSVA), das vom Bundesminsterium für Wirtschaft und Technologie co-finanziert wird, ist er gerade im Epizentrum der Tech-Szene und lotet dort die Expansions-Chancen für nelou.com aus, seinem 2011 gegründeten Online-Marktplatz für Designermode. In den USA wohnt Berghammer mit zwei anderen Gründern in einer Start-up-WG und arbeitet tagsüber im Plug & Play Tech Center. Dort haben rund 300 weitere Start-ups ihren Sitz. Reine Absicht, denn der Austausch mit der Startup-Branche soll so intensiviert werden und rasch zu Ergebnissen führen. Das Programm hilft außerdem dabei, Teammitglieder zu finden und beim Networken mit potenziellen Investoren, Kooperationspartnern und Testkunden. Im Interview mit LEAD digital erzählt Boris Berghammer, warum die USA in Sachen Internet-Technologie so innovativ ist - und ob er nun tatsächlich nach Amerika expandieren will. 

Wie ist Ihr Fazit nach einem Monat Silicon Valley: Lassen sich Start-ups dort wirklich so leicht gründen und groß machen?

Die Infrastruktur ist wirklich einmalig - und damit meine ich nicht nur die Dichte an Know-How und Kapitalgebern. Sondern auch, dass man sich auf den vielen Netzwerkveranstaltungen völlig zwanglos kennenlernt oder einander vorgestellt wird. Das macht es einfach, sich auszutauschen und neue Kooperationspartner zu finden. Im Gegensatz zu Deutschland herrscht bei den Amerikanern eine viel höhere Risikobereitschaft: Scheitert ein Geschäft, ist es nicht schlimm. Funktioniert es, wird versucht, es mit aller Kraft auszubauen. Kein Wunder, dass die USA Unternehmen wie Google und Facebook hervorgebracht haben. Und somit auch nachvollziehbar, dass Amerikaner den deutschen Mittelstand gegenüber skeptisch sind - das widerspricht dem amerikanischen Wachstumsdenken komplett. 

Sind Sie für nelou.com denn auch fündig geworden auf der Suche nach Kooperationspartnern und Unterstützung?

Unterstützung kommt von allen Seiten. Zum Beispiel von meinen Start-up-WG-Kollegen, mit denen ich mich wunderbar austauschen kann, weil sie genau in der gleichen Situation sind wie ich. Mit einem spanischen Unternehmen werden wir eine Kooperation zur semantischen Suche eingehen. Wenn zum Beispiel jemand „rote Schuhe“ bei Google eingibt, findet  man über die semantische Suche alle Resultate und Webseiten dazu. Die Anpassung unserer Landing-Pages durch das spanische Start-up soll uns in den Such-Ergebnissen nach ganz vorne bringen.

Hätten Sie den ersten Schritt in die USA auch ohne das Programm gewagt?

Vielleicht - aber erst später. Die Büromieten sind hier horrend teuer - ein einziger Platz in einem Büro kostet schon rund 5000 Dollar im Monat, verbunden mit den privaten Kosten ist man leicht bei 10.000 Dollar. Das muss man sich als junges Start-up erst mal leisten können. Über das Programm bekommt man nicht nur einen Arbeitsplatz gestellt, sondern auch einen Mentor, der  die geschäftlichen Rahmenbedingungen erklärt. Mein Mentor hat mir viele Fallstricke aufgezeigt, über die man als Europäer stolpern kann, zum Beispiel ist die unterschiedliche Besteuerung eines jeden einzelnen US-Staates für ein national agierendes Unternehmen so gut wie unüberschaubar. Außerdem stellt mir mein Mentor viele interessante Leute vor, er kennt zum Beispiel auch den Gründer von Etsy.com. 

So ähnlich wie Etsy funktioniert ja auch Nelou: Designer-Boutiquen bekommen die Möglichkeit, auf der Plattform ihre Produkte zu vertreiben und nelou.com bekommt eine Provision. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Viele Boutiquen-Besitzer, die ich in Österreich kenne, haben darüber geklagt, dass Kunden sich oft nicht in ihre Geschäfte wagen - aus Angst davor, als einziger Kunde aufzufallen und sich schließlich gezwungen fühlt, etwas zu kaufen. Im Internet dagegen, kann man sich die Produkte alle nacheinander anschauen und in Ruhe entscheiden, was man kaufen möchte. Im Herbst 2008 habe ich die Plattform styleaut.com für junges, österreichisches Modedesign mit neun Modeschöpfern gegründet und fand in ganz Europa großes Echo bei Publikum und Medien. Motiviert durch das Potential der Idee habe ich dann 2011 gemeinsam mit Regine Harr die internationale Plattform Nelou daraus gemacht.

Was bedeutet Nelou eigentlich?

Es ist die Abkürzung eines persischen Frauen-Vornamens Neloufane. Er klingt, wie wir finden, sehr international und modisch.

Wie kommt der Name bei den Amerikanern an?

Sie wollen gerne eine Geschichte dazu hören. Sie finden, das verkauft sich besser.

Und wenn Sie die gefunden haben - dann expandieren Sie in die USA?

Das werden wir endgültig nach Ende des Programms, also nach zwei Monaten, entscheiden. Wenn wir es tun, werden wir intensiv den US-amerikanischen Markt bearbeiten und Nelou auch dort als Plattform und Marke für Nachwuchs-Designer etablieren. Gleichzeitig werden wir natürlich unser bestehendes Geschäft in Europa weiter ausbauen. Da es in den USA keine bekannte Plattform wie nelou.com gibt bin ich sicher, dass auch dort der Bedarf an individuellen Newcomer-Labels groß ist und wir uns dort eine solide Basis schaffen können. Ein anderes Szenario ist es, die Markterweiterung von Deutschland aus zu steuern. Soweit möchten wir jedoch noch nicht vorausdenken. Wir werden die Learnings aus dem GSVA ziehen und dann den nächsten sinnvollen Schritt gehen.

Denken Sie, dass das GSVA-Programm deutsche Unternehmen zu mehr Innovation und Expansion in die USA motiviert? Bisher wird ja gerade im Internet-Bereich viel von den USA abgeguckt und geklont.

Ich denke der Gedanke des Klonens liegt gerade für deutsche Unternehmer nahe, da die Internet-Branche in den USA schneller und innovativer ist und man diesen Rückstand Deutschlands mit der besseren Marktkenntnis in Europa und dem besseren Netzwerk  ausgleichen will, indem man auf dem Heimatmarkt Vorarbeit leistet. Dieser Kreislauf kann nur unterbrochen werden, wenn deutsche innovative Startups den Spieß umdrehen und den Mut beweisen von hier aus mit ihren Ideen den US-Markt zu erobern. Zugegebenermaßen ist es eine Herausforderung, in einen Markt vorzudringen, der per se weiter entwickelt ist. Andererseits liegen genau hier auch die Chancen, da auch die Verbraucher empfänglicher für Innovationen sind und auch die notwendige Infrastruktur und die technischen Möglichkeiten uns voraus sind.

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