Strategie | | von Annette Mattgey

Private Hardware in der Firma: BYOD bedeutet "Bring your own disaster"

"Bring your own disaster" übersetzt Peter Bergmann, Geschäftsführer von Aretas, die in Mode gekommene Abkürzung BYOD (bring your own device). Die derzeit hochgejazzte Strategie, den Gebrauch privater IT-Geräte in Unternehmen zuzulassen, gar zu fördern, stößt bei Bergmann auf Skepsis. Nicht zuletzt wegen der Kosten und Mühen, die die Firma damit den Mitarbeitern aufhalst. Dass man ohne BYOD die Digital Natives vergrault, glaubt Bergmann nicht: "Der Job ist kein Wunschkonzert."

Als Urgestein der Informatik, zu Zeiten der Ein-Schichten-Architektur in diese meine Branche eingestiegen, fällt es mir zunehmend schwerer, die viele heiße Luft einzuatmen, die selbsternannte Experten in vielen Artikeln, Blogs oder Referaten speziell zu BYOD produzieren.

Nicht, dass ich zu stur, zu alt oder einfach zu blöd dazu wäre. Nein, in der Rolle als IT-Experte, der seit Jahren IT-Kunden berät, fällt es mir schwer anzunehmen, dass die Zeit für den Aufstand der Digital Natives reif ist. Übrigens ein Begriff, der nach meiner Wahrnehmung gelangweilten Beratern abends in irgendeiner Hotelbar nach dem x-ten Whiskey eingefallen ist.

Pro BYOD werden die Zufriedenheit und die höhere Produktivität einer Generation von Mitarbeitern zugeschrieben, für die die besagten Berater erst einmal die SPECS erstellen müssten. Oder funktioniert es so: als Angehöriger der Digital Natives verweigere ich jedes Standard-Gerät der Unternehmens-IT und bocke erst mal. Dann, mit meinem eigenen Gerät, bin ich hoch motiviert und lege los wie die Feuerwehr.

Standardgeräte sind bäh, nölen die Digital Natives

Wobei immer gerne suggeriert wird, dass bei der Auswahl von Standardgeräten die IT mächtig gepennt haben muss und daher deren Nutzung keinem Anwender mit Geburtsjahr 1980 und später zugemutet werden darf. Der Begriff Standard steht demnach neuerdings auf dem Index – oder?

Selbst renommierte Beratungsgesellschaften wie A.T. Kearney berechnen Kostenvorteile für die Unternehmen. Um 22 Prozent weniger IT-Kosten am Arbeitsplatz sind möglich, so haben sie es ermittelt. Verheimlicht wird jedoch, dass die Beschaffungs- und Betreuungskosten schlicht den Mitarbeitern aufgehalst werden, denn abschaffen geht ja wohl nicht. Ein Vortrag zum TCO-Ansatz (neudeutsch: Vollkosten-/ Vollwirkungsansatz) wäre jetzt bei den Analysten fällig – kostenpflichtig natürlich.

Missverstanden und reduziert wird BYOD auf Geräte (Devices). Mitnichten ist das so, denn auch die organisatorischen und rechtlichen Fragen rund um die Freigabe privater Geräte müssen gelöst werden. Jeder der das konsequent tut, stellt sehr schnell fest, dass deren Klärung und eventuelle Folgemaßnahmen zu unwirtschaftlichen Mehrbelastungen führen.

Mehr Fragen als Antworten

Wer einen Einblick in den Fragenkatalog bekommen will, bitte:

•    Wem gehören die Daten? Den Mitarbeitern? Nein, den Unternehmen, die für deren Verarbeitung und Speicherung verantwortlich sind.
•    Dürfen private Geräte überwacht werden?
•    Wie eliminiere ich Schadsoftware auf privaten Geräten? Kann man so einfach Unternehmensdaten auf privaten Geräten vor Schadcode fernhalten?
•    Wie schütze ich mich als Unternehmen vor der Benutzung von Raubkopien durch meine Mitarbeiter auf deren Geräten? Denn für die Verarbeitung der Unternehmensdaten bleibt das Unternehmen verantwortlich.
•    Wie sichere ich technisch ab, dass Unternehmensdaten separiert und vor allem sicher aufbewahrt werden? Auf dem Endgerät, zu Hause bei den Mitarbeitern, in deren Safe, in deren abgeschlossener Wohnung…?
•    Wie komme ich wieder an die Unternehmensdaten, wenn man sich mal im Unfrieden vom BYOD-Besitzer trennt?
•    Wie sichere ich ab, dass sich keine Unternehmensdaten auf defekte BYODs befinden, wenn diese zur Reparatur eingeschickt werden?
•    Wie kümmere ich mich um Service & Support, wenn weder Geräte noch Software Unternehmenseigentum sind?
•    Wie erfasse ich Arbeitszeiten, Überstunden? (Es gibt jede Menge Tarifgesetze, Arbeitszeitregelungen, Betriebsratsvereinbarungen, etc.)
•    Verfüge ich über ausreichend Ersatzgeräte, wenn das Discounter-Gerät zum x-ten Mal während der Garantiezeit defekt ist und der Anwender nicht arbeiten kann?
•    Wie gehe ich mit Klagen bzgl. berufsbedingter Krankheiten um, weil das Billiggerät aus dem letzten Nordkorea-Urlaub ergonomisch eine Katastrophe ist?

Aus Sicht des Service Managements müssen alle Geräte lediglich festgelegte Spezifikationen erfüllen, mehr nicht! Formal ist es einem Service, bspw. einer E-Mail, völlig egal, ob sie von einem privaten oder unternehmenseigenen Gerät verschickt wird. BYOD gemeinsam mit Service Management zu diskutieren, ist einfach nur fad. Entwarnung aus dieser Ecke also.

Insbesondere mit BYOD (das „D“ steht vielerorts schon für Desaster) fällt mir die zunehmende Verschlammung in der IT auf. Alle paar Jahre wird eine neue Sau durchs IT-Dorf getrieben, die Lemminge rennen hinterher und schreien Holdrio auf den Schöpfer dieser Idee. Ich treffe zunehmend auf „ungelernte Fachkräfte“ (eigentlich ein Oxymoron in dieser komplizierten Materie), die als Anwender oder Anbieter nur noch nachplappern, was gerade IN ist.

Um es auf dem Punkt zu bringen: jedes Angebot zur Flexibilität, Mobilität und Motivationssteigerung ist willkommen. Es muss jedoch unternehmerischen Aspekten für Kostenreduktion (Vollkostenansatz), Risikominimierung und Produktivitätssteigerung genügen. Ansonsten ist es untauglich. Und das ist BYOD allemal!

Ein Job ist kein Wunschkonzert

Wir nutzen bei uns gelegentlich auch private Geräte. Das funktioniert aber nur, weil wir für uns Lösungen geschaffen haben. Im angelsächsischen Raum sind die Entwicklungen deutlich weiter. Gebrauchsfähige, sichere Remote-Einwahl, Terminalserver-Strukturen und andere technische Lösungen sind dort weiter verbreitet als bei uns. Aber dort gibt es ja auch deutlich mehr Thin-Clients und weniger Besitzdenke als in unseren Gefilden.

Jeder IT-Verantwortlicher steht in der Pflicht, Lösungen bereitzustellen und erst dann den Zugang privater Geräte zu Unternehmensnetzwerken/-daten zu regeln. Jede andere Reihenfolge ist falsch. Geschieht es doch andersrum, empfehle ich dem IT-Entscheider gerne, sich frühzeitig mit einem Headhunter seines Vertrauens kurzzuschließen. Man weiß ja nie.

Bleiben noch die Motivationskiller der Digital Natives: ich möchte den Bewerber sehen, der ernsthaft an ein Unternehmen bzw. eine Anstellung interessiert und absagt, weil er nicht darf was er gerne möchte. Es ist noch immer so: ein Job im Unternehmen ist kein Wunschkonzert. Auch für die Generation mit der vielen Elektronik in der Tasche.

Peter Bergmann ist Geschäftsführer der Aretas und sitzt in der Münchner Dependance der Unternehmensberatung, die sich auf Service Management spezialisiert hat. Erst kürzlich wurde die Firma von der Initiative Mittelstand für die Service Management Lösung ky2B mit dem INNOVATIONSPREIS-IT 2013 und dem Prädikat „BEST OF 2013“ ausgezeichnet.

Private Hardware in der Firma: BYOD bedeutet "Bring your own disaster"

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

(6) Leserkommentare

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht