Clevis-Studie | | von Annette Mattgey

Praktikanten brauchen keinen Mindestlohn

Nicht allen Praktikanten geht es so wie der österreichischen Studentin Sinah Edhofer, die sich in ihrem Blog über die miese Entlohnung beklagte. 64 Prozent finden ihre Vergütung angemessen. Das ist eines der Ergebnisse des aktuellen Clevis Praktikantenspiegel 2015, an dem sich mehr als 7.500 junge Menschen beteiligten. Die HR-Unternehmensberatung Clevis kooperiert dazu mit der Online-Jobbörse Absolventa Jobnet und dem Lehrstuhl für Marketing der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Praktikanten in Deutschland verdienen im Durchschnitt mit 763 Euro weit weniger als ihre deutschen Kollegen im EU-Ausland (874 Euro). Trotzdem finden 64 Prozent von ihnen diese Vergütung angemessen. Ein gesetzlicher Mindestlohn für Praktikanten, den es seit Januar unter bestimmten Voraussetzungen gibt, liegt bei einer 40-Stunden-Woche indes bei gut dem Doppelten (1.400 Euro). Den Studienergebnissen nach ist dies aber gar nicht notwendig.

Denn insgesamt ist der Zufriedenheitsgrad der jungen Arbeitnehmer mit ihrem Praktikum sehr hoch: 86 Prozent der Praktikanten sind zufrieden und 82 Prozent würden ihren jeweiligen Arbeitgeber weiter empfehlen. Die größten Zufriedenheitstreiber aus Sicht der Arbeitnehmer liegen gemäß der Studie im erhofften Lerneffekt, der Führung durch gute Vorgesetzte sowie in der Aufgabengestaltung durch den Arbeitgeber.

"Das Praktikum gewinnt zunehmend an Reputation. Viele Arbeitgeber haben erkannt, dass sie im War for talents schon frühzeitig qualifizierte Fachkräfte von ihrer Arbeitgebermarke überzeugen müssen. Aus diesem Grund werden aus Praktikanten immer wichtigere Kandidaten. Der hohe Zufriedenheitsgrad bei diesen zeigt: Die Strategie der Unternehmen geht auf. Wichtig dabei: Die besten Praktikanten entscheiden sich für die Unternehmen, die ihr Markenimage am besten transportieren und anschließend ihre Arbeitgeberqualität erlebbar machen", erklärt Ludwig Preller, Studieninitiator und Partner der Clevis Group.

Kaum Stellen ohne Kohle

Die Zeiten, in denen Praktika gar nicht bezahlt wurden, sind gemäß des Clevis Praktikantenspiegel vorbei – 95 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse werden inzwischen vergütet. Am besten bezahlt werden in diesem Kontext Praktikanten im Baugewerbe (1.015 Euro), in Unternehmensberatungen (920 Euro) sowie im Finanzsektor (888 Euro). Im regionalen Gehaltsranking für Praktikanten liegen Hamburg, Bremen, Bayern und Baden-Württemberg vorne, während in den neuen Bundesländern nach wie vor schlecht gezahlt wird. Bemerkbar macht sich auch der Studienabschluss. Während Master-Studenten in der Regel 816 Euro monatlich erhalten, sind das bei Bachelor-Absolventen lediglich 715 Euro. Interessant aus internationaler Perspektive: Während ein EU-Auslandspraktikum im Schnitt 111 Euro über den deutschen liegt, wird außerhalb der EU mit durchschnittlich 945 Euro sogar noch besser gezahlt.

"Die Zufriedenheit der Praktikanten mit dem derzeitigen Lohngefüge zeigt, dass die Debatte um einen gesetzlichen Mindestlohn für sie unnötig ist. Zudem: Sie ist gefährlich. Denn ein konsequent umgesetzter Mindestlohn würde das Praktikum selbst gefährden, da es sich vor allem kleine und mittelständische Arbeitgeber schlicht nicht mehr leisten könnten. Vor diesem Hintergrund ist es gut und wichtig, dass unsere Studie zeigt: Es braucht keine staatlich gesteuerte Lohnpolitik in diesem Bereich – die ist in anderen Berufen deutlich wichtiger," so Christoph Jost, Geschäftsführer von Absolventa Jobnet.

Deutsche Praktikanten: Mehr Life als Work

Während deutsche Praktikanten im internationalen Vergleich am wenigsten verdienen, verbringen sie im Gegenzug am wenigsten Zeit am Arbeitsplatz. Das ist ihnen allerdings auch wichtig – denn mehr als neun von zehn Praktikanten (94 Prozent) möchten Arbeit und Privatleben miteinander vereinbaren. Mit 37,8 Wochenstunden liegt die Arbeitszeit der deutschen Praktikanten unterhalb einer 40-Stunden-Woche. In anderen EU-Ländern beträgt sie indes 39,8 Stunden, außerhalb der EU immerhin 40,2. Am längsten wird in Unternehmensberatungen (43,4 Wochenstunden) sowie in der Hotellerie und Gastronomie (42,9) gearbeitet. Kurzarbeiter unter den Praktikanten sind jene im Finanzsektor (36,2). Das ist vor allem deswegen bemerkenswert, weil es sich hier um eines der Top-3-Berufsfelder in Sachen Bezahlung handelt.


Vom Kaffeekocher zur begehrten Zielgruppe

Um die gewünschten Auslandserfahrungen zu sammeln, haben 49 Prozent mindestens sechs Monate im Ausland verbracht – die meisten allerdings nicht im Rahmen eines Praktikums, sondern in erster Linie durch ein Auslandssemester. Als Praktikant gingen nur 14 Prozent der Studien-Teilnehmer ins Ausland. Die meisten kamen dabei aus den Geistes- (24 Prozent) und Naturwissenschaften (23 Prozent), am wenigsten aus den Rechts- (10 Prozent) und Wirtschaftswissenschaften (11 Prozent).

Insgesamt sind Praktikanten allerdings durchaus offen dafür, aufgrund eines Praktikums den Wohnort zu wechseln. Mehr als die Hälfte der Befragten hat dies bereits getan. Für ein Drittel der Befragten lag die Praktikantenstelle sogar mehr als 200 Kilometer vom aktuellen Wohnort entfernt.

"Durch den vielfach diskutierten Fachkräftemangel hat sich die Ausgangsposition für Praktikanten deutlich verbessert. Von Kaffeekochern sind sie zur umworbenen Zielgruppe geworden. Die Generation Praktikum im ursprünglichen Sinne existiert nicht mehr", bilanziert Preller die Ergebnisse.

Der Clevis Praktikantenspiegel wird jährlich von der HR-Unternehmensberatung Clevis in Kooperation mit Absolventa Jobnet durchgeführt. Mit mehr als 7.500 Teilnehmern ist sie die größte ihrer Art in Deutschland. 78 Prozent der Teilnehmer waren zum Zeitpunkt ihres Praktikums Studenten. Der Rest verteilt sich auf die beiden Kategorien Absolventen und Young Professionals mit etwa zwei Jahren Berufserfahrung. Insgesamt bewerteten die Teilnehmer mehr als 1.160 Arbeitgeber.

Praktikanten brauchen keinen Mindestlohn

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Von Holtzbrinck bis Ikea: Top-Arbeitgeber für Praktikanten

von Frauke Schobelt

Die österreichische Studentin Sinah Edhofer schrieb sich jüngst ihren Frust über miese Praktikumsbedingungen von der Seele und erhielt auf ihre Kritik ein enormes - und geteiltes - Echo. Geht es nach dem aktuellen Clevis Praktikantenspiegel 2015, dann sind ihre schlechten Erfahrungen eher ein Einzelfall, denn laut der Umfrage sind die meisten Praktikanten (86 Prozent der Befragten) in Deutschland mit ihrem Praktikum zufrieden. 7.500 junge Menschen haben sich an der Studie beteiligt, die von der HR-Unternehmensberatung Clevis in Kooperation mit der Online-Jobbörse Absolventa Jobnet jährlich durchgeführt wird.

Die Herausgeber haben die Studie in Berlin beim eigens ins Leben gerufenen "Tag der Praktikanten" vorgestellt. Und sie zeichneten im Rahmen der Veranstaltung die 30 "besten Praktikanten-Arbeitgeber in Deutschland" mit einer "Star-Plakette" aus, basierend auf den Ergebnissen der Studie. Die Plakette ist gedacht als eine Art Siegel, das besonders attraktive Arbeitgeber kennzeichnet, die sich durch ihre Arbeitgeberqualität und das Markenimage hervortun.

Angeführt wird diese Liste von einem Verein, der Kindernothilfe, gefolgt von der Phoenix Contact GmbH, einem Arbeitgeber aus der Mechanik-Branche sowie der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck - von Clevis als "Aufsteiger des Jahres" eingeordnet. Ebenfalls gute Noten gibt es für Ikea Deutschland, Procter & Gamble, Munich Re, Dr. Oetker, Henkel, Microsoft Deutschland, Bayer, BASF, Audi, Adidas, Coca-Cola oder Miele.

27 weitere Unternehmen erhielten Auszeichnungen als „Hidden Champions“ - für eine hohe Arbeitgeberqualität, die sie aber noch nicht ausreichend kommunizieren können. Dazu zählen etwa Evonik, PricewaterhouseCoopers,  Benteler, Tui, Tchibo, Opel, McDonald's, die Deutsche Telekom, Vodafone, Thomas Cook oder Telefonica Germany.

Was die Arbeitgeberqualität angeht, landen dagegen Unternehmen wie KPMG, Axel Springer, Hypovereinsbank, Deka Bank sowie Lufthansa, Otto und die Deutsche Bahn eher auf den hinteren Rängen. 

Die Analyse wurde wissenschaftlich vom Lehrstuhl für Marketing der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg begleitet. „Der Clevis Praktikantenspiegel ermittelt mit einer wissenschaftlich fundierten Methodik die Arbeitgeber, die aus Sicht der Praktikanten in Sachen Qualität und Image am besten aufgestellt sind. So entsteht ein Bild der Unternehmen, die sich schon bei der ersten akademischen Arbeitsmarktgeneration im besten Licht zeigen“, erklärt Ludwig Preller, Partner der Clevis Group die Methodik der Erhebung.

78 Prozent der 7.500 Teilnehmer waren zum Zeitpunkt ihres Praktikums Studenten, der Rest Absolventen und Young Professionals mit etwa zwei Jahren Berufserfahrung. Insgesamt bewerteten sie mehr als 1.160 Arbeitgeber.

Weitere Ergebnisse des Praktikantenspiegels fasst dieser W&V-Artikel zusammen. Darin geht es unter anderem um die Vergütung von Praktikanten.

von Frauke Schobelt - Kommentare Kommentar schreiben