Ute Maria Zankl ist Personalchefin bei Sapient Razorfish.
Ute Maria Zankl ist Personalchefin bei Sapient Razorfish. © Foto:Presse

Arbeitszeit-Regelungen | | von Ute Maria Zankl

Nahles' neues Teilzeit-Gesetz: Hält es, was es verspricht?

Eine neue Gesetzesinitiative von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles sieht vor, dass Teilzeit arbeitende Menschen – neun von zehn der Betroffenen sind in Deutschland Frauen – nun einen gesetzlichen Anspruch auf Rückkehr zu Vollzeit bekommen. Dies soll für Firmen mit mehr als 15 Mitarbeitern verpflichtend werden.

Der Entwurf für das Teilzeit- und Befristungsgesetz, der aktuell noch von der Bundesregierung beraten wird, soll einen Anspruch auf eine zeitlich begrenzte Teilzeitarbeit festlegen und damit Vorgaben aus dem noch geltenden Koalitionsvertrag nachkommen.

Die Idee dahinter: Vor allem Teilzeit arbeitende Frauen sollen eine sichere Rückkehr zur Vollzeitarbeit erhalten. Gründe für eine verkürzte Arbeitszeit gibt es ausreichende: Neben familiären Erfordernissen – wie der Kinderbetreuung oder der Pflege von Angehörigen – können dies auch Fortbildungen oder die Wahrnehmung eines Ehrenamtes sein. Das neue Gesetz soll verhindern, dass Menschen in der Teilzeit-Falle festhängen und dadurch langfristig Einbußen beim Rentenniveau und Altersarmut befürchten müssen.

Generell haben Arbeitnehmer derzeit kein Recht auf eine Rückkehr zur Vollzeitbeschäftigung. Diese ist nur durch Kulanz des Arbeitgebers möglich.

Meine erste Reaktion auf die aktuelle Gesetzesinitiative war: "Echt jetzt? Braucht's das?"

Wir bei SapientRazorfish sind froh um jede Frau und jeden Mann, die oder der uns die gute Nachricht bringt, wieder Vollzeit arbeiten zu wollen. Mit Handkuss nehmen wir diesen Wunsch entgegen, machen ein Freudentänzchen und setzen ihn so schnell wie möglich um.

Sind wir denn so anders als alle anderen Arbeitgeber? Nun, wir wachsen kräftig und es fällt uns nicht leicht, unsere offenen Stellen mit geeigneten Kandidaten zu besetzen. Schließlich sind Fachkräfte rar, die zu uns passen. Daher ist unsere Freude über Vollzeitrückkehrer/-innen echt. Ich kann mir vorstellen, dass auch viele andere Agenturen und Unternehmen in dieser Situation sind. Schließlich ist die Wirtschaft in Deutschland generell in einem ordentlichen Zustand.

Unsere Erfahrung: Es bedeutet einen großen Aufwand, Vollzeitstellen in Teilzeitstellen umzuwandeln. Das machen wir natürlich gerne, wenn wir damit helfen können, unseren Mitarbeitern ein ausbalanciertes Leben zu ermöglichen. Aber auf gar keinen Fall ist es umgekehrt schwierig, Teilzeitstellen in Vollzeitbeschäftigungen umzuwandeln.

Es fällt mir schwer zu glauben, dass es wirklich ein weitverbreitetes Problem ist, dass Frauen wider Willen in der Teilzeit-Falle gefangen sind. Vielleicht bin ich mir der Problematik gar nicht ausreichend bewusst und die geneigten Leser/-innen möchten ihre Erfahrungen mit mir teilen?

Wir bei SapientRazorfish beobachten außerdem, dass die meisten Frauen ihre Teilzeitarbeit schätzen und oftmals gar nicht zur Vollzeit zurückkehren wollen. Vielleicht sollte man seitens der Politik eher da ansetzen und die Folgen für ein fortgesetztes Teilzeitarbeitsverhältnis im Hinblick auf die Altersbezüge etc. transparent machen.

An eine Situation, in der wir eine Rückkehr zur Vollzeit nicht mit vollem Herzen unterstützt hätten, kann ich mich in den letzten Jahren kein einziges Mal erinnern. Und diese Erfahrung deckt sich mit vielen Personalentscheidern, mit denen ich diesbezüglich gesprochen habe.

So wirkt die aktuelle Gesetzesinitiative auf mich eher als großes Paradoxon: In einer Arbeitswelt, die immer flexibler und agiler werden muss, wird immer weiter mit Auflagen, Dokumentationen und Reportings oder Fristenregelungen an der Bürokratieschraube gedreht. Auch wenn die Zielsetzung erst einmal als äußerst positiv bewertet werden kann, stellt sich dennoch die Frage, ob dies das richtige Instrument ist, um die Altersarmut wirksam zu bekämpfen – vor allem unter Frauen.

Diese Gesetzesinitiative ähnelt in ihrer Machart dem kürzlich verabschiedeten Lohngleichheitsgesetz, bei dem man versucht, durch Transparenz Lohnungleichheiten zwischen Männern und Frauen zu reduzieren.

Mein Verdacht ist in beiden Fällen, dass der Mehraufwand für die Wirtschaft gewaltig, die Aussicht auf das Erreichen der hehren Ziele jedoch entweder als gering oder irrelevant zu bewerten ist.

Ute Maria Zankl, Director People Strategy bei Sapient Razorfish für Deutschland, Österreich, die Schweiz und Schweden, ist einer der "Digital Leader", einer feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zur Autorin und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Nahles' neues Teilzeit-Gesetz: Hält es, was es verspricht?

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