Führungsstil 2.0 | | von Annette Mattgey

Mitbestimmung: Bei Haufe wählen die Mitarbeiter ihren Chef

Ein bisschen mulmig war es Marc Stoffel, CEO von Haufe-umantis schon: Bevor er Chef wurde, musste er sich dem Votum der Belegschaft stellen. Die wählte ihn zum Glück mit überwältigender Mehrheit. Die Idee dazu hatte sein Vorgänger Herrmann Arnold. Im LEAD digital-Interview erklärt Stoffel, welche Absicht hinter der Wahl steckt. Haufe umantis gehört zur Freiburger Haufe Gruppe und hat sich auf HR Software spezialisiert.

Gratulation zur Direktwahl! Wurden Sie mit absoluter Mehrheit gewählt?

Danke! Ja, ich wurde mit absoluter Mehrheit gewählt. Mein Vorgänger Herrmann Arnold hat mich mit einstimmiger Unterstützung des Verwaltungsrats dem gesamten Team zur Wahl vorgeschlagen. Das Wahlresultat – 95 Prozent Zustimmung und 5 Prozent Enthaltungen – hat mich sehr positiv überrascht. Die Wahlbeteiligung lag bei über 95 Prozent. Mitarbeiter, die nicht an der Live-Wahl teilnehmen konnten, hatten die Möglichkeit, online abzustimmen.

Bei der Stimmabgabe gab es mehrere Auswahlmöglichkeiten: Ja sicher, Ja mit Vorbehalt, Ich brauche mehr Zeit, Dagegen, Ich enthalte mich. Wäre ich nicht mit der notwendigen Mehrheit gewählt worden, wäre Herr Arnold weiter im Amt geblieben und hätte weitere Kandidaten vorgestellt. Sie können mir glauben, dass ich in dieser Situation sehr gespannt, aber natürlich auch etwas nervös war! Fragen wie "Was passiert, wenn ich nicht gewählt werde?", sind natürlich präsent.

Hinter der Aktion steckt ja mehr als ein PR-Gag. Wie ist die Idee dazu entstanden und was wollte Ihr Vorgänger damit bezwecken?

Mit diesem bisher einzigartigen Verfahren zur Wahl des neuen Geschäftsführers statuieren wir ein Exempel für unsere Überzeugung: Mitarbeiter führen Unternehmen. Das ist das Grundverständnis bei Haufe-umantis. Wir verfolgen den Ansatz, Mitarbeitern Vertrauen zu schenken und sie in Entscheidungen einzubeziehen. Genau das wollte mein Vorgänger und Mitbegründer der umantis AG, Hermann Arnold, am eigenen Beispiel zeigen. Die Einbindung der Mitarbeiter in wichtige Firmenentscheidungen ist die größte Mitarbeitermotivation, die es gibt.

Darüber hinaus ist es  – gestützt durch unsere Talentmanagement Software  –  unser Ziel, Mitarbeiter und ihre Fähigkeiten dort einzusetzen, wo sie am besten wirken können. Dazu die Ansicht meines Vorgängers – ich zitiere: „Man sollte den Stab an seinen Nachfolger übergeben, wenn man erkennt, dass er die zukünftigen Herausforderungen besser meistern wird.“ Seine persönlichen Stärken setzt mein Vorgänger jetzt an anderer Stelle für das Unternehmen ein.

Wie können sich die Mitarbeiter im täglichen Geschäft mit Ideen und Beschwerden einbringen?

Die Grundvoraussetzung ist zunächst, dass eine offene Unternehmenskultur vorhanden ist, in der jeder Mitarbeiter seine Ideen und Vorstellungen, aber auch seine Meinung und Beschwerden einbringen kann. Das gesamte Management des Unternehmens sollte die Vision „Mitarbeiter führen Unternehmen“ leben, indem es jedem Mitarbeiter vertraut und ihn involviert.

Moderne Technologien helfen dabei, diesen Ansatz zu verwirklichen: Die rasante technologische Entwicklung hat dazu geführt, dass es heute möglich ist, Mitarbeiter über leicht bedienbare Plattformen in Unternehmensprozesse einzubeziehen. Denken Sie nur an Mitarbeiter- oder Managerportale mit Foren und Gruppen, mobile Anwendungen oder unternehmenseigene soziale Netzwerke. Solche Tools ermöglichen es auch großen Unternehmen, jeden Beschäftigten zu Wort kommen zu lassen. Die Mitarbeiter können so ihre Ideen und Beschwerden leicht einbringen.

Wie unterscheidet sich die jüngere Generation von der älteren? Sehen Sie generell ein Problem, Autoritäten zu akzeptieren?

Die jüngere Generation will eine partnerschaftliche Zusammenarbeit und keine Hierarchien. Darin liegt der generelle Konflikt. Es geht nicht darum, Autoritäten zu akzeptieren, sondern es geht darum, nicht autoritär zusammen zu arbeiten. Konkret heißt das: Gemeinsam Entscheidungen zu treffen bzw. in der Diskussion zu einem Konsens zu kommen. Gerade jüngere Mitarbeiter fordern das. Sie möchten stärker in Prozesse und Entscheidungen einbezogen zu werden. Warum? Erstens kennen sie es aus ihrem privaten Umfeld: In sozialen Netzwerken oder auf Bewertungsportalen können sie ihre Meinung abgeben und auf Informationen anderer zurückgreifen. Zweitens: Sie möchten, dass ihre Fähigkeiten und ihr Wissen zum Unternehmenserfolg beitragen. Nur dann können sie motiviert und engagiert sein. Unternehmen müssen darauf eingehen und die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen.

Welche Führungsstile sind heute verpönt? Wie würden Sie den Ihren beschreiben?

Ein autoritärer Führungsstil gemäß dem Top-Down-Prinzip ist heute nicht mehr zeitgemäß. Die CEO-Wahl durch die Mitarbeiter zeigt, dass wir bei Haufe-umantis einen demokratischen Führungsstil leben. Ich bin der Überzeugung, dass ein Unternehmen nur dann erfolgreich ist, wenn jeder Mitarbeiter auf Ziele hinarbeitet, welche für ihn oder sie stimmen und gleichzeitig auch wichtig für das Unternehmen sind. Deswegen möchte ich diese neue Form, Führungskräfte zu bestimmen, langfristig bei Haufe-umantis etablieren: Künftig soll eine jährliche Wiederwahl der Unternehmensleitung  stattfinden.

Mitbestimmung: Bei Haufe wählen die Mitarbeiter ihren Chef

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