David Philippe | | von David Philippe

Mindestlohn in Agenturen: "Diskussion ohne Gewinner"

Das Thema Mindestlohn lässt die Agentur-Branche nicht kalt. So erklärte Saatchi & Saatchi-Deutschland-Chef Christian Rätsch in W&V, warum es seine Karriere ohne ein unbezahltes Praktikum wahrscheinlich nicht gegeben hätte und leitet daraus ab, dass Praktika keinen Mindestlohn benötigen.

Dabei keimt in mir der Eindruck auf, dass Herr Rätsch hier indirekt impliziert, dass Praktika heute auch ganz gut ohne Bezahlung funktionieren und dies gerne so bleiben könne. Den selben Eindruck hat auch Heiko Burrack und weist darauf hin, dass solche Beiträge dem Image von Agenturen nicht zwingend zuträglich sind.

Ich persönlich bin da eher bei der Position von Herrn Burrack. Ein Praktikum in einer Agentur sollte bezahlt werden. Ich habe mein erstes Praktikum im Jahre 2009 bei einer PR-Agentur in Berlin, die Teil eines internationalen Netzwerkes ist, absolviert. Drei Monate war ich dort fest in einem Team integriert und durfte definitiv mehr machen, als nur Clippings ablegen und Verteiler aktualisieren.

Den Aussagen von Rätsch stimme ich insofern zu, dass dieses Praktikum mich dazu brachte, mich für die Agenturwelt zu begeistern. Ohne dieses Praktikum hätte ich mich wahrscheinlich nicht für den Weg zu Agenturen entschieden. Und doch war dieses Praktikum bezahlt. In meinem Studium waren zwei Pflichtpraktika in der PR/Marketing-Welt enthalten. Jedes auf drei Monate angelegt. Dabei achtet die Hochschule Osnabrück darauf, dass diese Praktika möglichst vergütet werden. Dies hat die Hochschule in der Deklaration Praktikum festgehalten, die ein Instrument sein soll, um für faire Praktika in Kommunikationsberufen zu sorgen.

Auch meine knapp 100 Kommilitonen leisteten damals ihre Praktika in Agenturen und Unternehmen ab, und der Großteil von ihnen wurde dafür bezahlt. Die Höhe der Bezahlung variierte natürlich, aber in den meisten Fällen reichte es, um sich zumindest für die Praktikumszeit ein Zimmer in der jeweiligen Stadt zu leisten.

Agenturen haben was von den Praktikanten

Viele Kommilitonen machten ähnliche Erfahrungen wie ich. Sie entdeckten vielleicht die Agenturwelt oder aber die Arbeit in Unternehmen für sich. Oder aber konnten eine der beiden Optionen definitiv ausschließen. Und ja, wir lernten auch eine Menge in den Praktika. Wir profitierten also durchaus von unserer Zeit als Praktikanten – da stimme ich Rätsch zu. Gleichzeitig aber profitierten die Agenturen und Unternehmen auch von den Praktikanten! Und hier dürfte der Nutzen des Praktikanten für Agenturen und Unternehmen den Nutzen des Praktikums für die Studenten eher überwiegen.

Praktikanten leisten in der Regel nach einer kurzen Einarbeitungszeit gute Arbeit. Gerade dann, wenn es als möglicher Einstieg in die Agentur genutzt wird, ist die Leistungsbereitschaft von Praktikanten sehr hoch. "Leider" hat sich in der Welt da draußen aber herumgesprochen, dass gerade diese Leistungsbereitschaft häufig ausgenutzt wird.

Negative Wirkung aufs Image

Sind wir mal ehrlich: Das Image von Agenturen in der Kommunikationsbranche sah mal deutlich besser aus. Da können wir uns noch so sehr wünschen, man hätte das Image der "Mad Men", der Nachwuchs rennt Agenturen nicht zwingend die Türen ein. Vor allem die High Potentials nicht.

Und wie Burrack richtig sagt, führt die Diskussion, die von manchen Agenturen noch vor Beschluss des Mindestlohns als eine Art Präventivmaßnahme zum Agenda Setting losgetreten wird, nicht zwingend dazu, dass das Image von Agenturen steigt.

Stattdessen könnten Agenturen diese Diskussion nutzen, sich konstruktiv mit der Thematik auseinanderzusetzen. Viele bezahlen ihre Praktikanten bereits, was auch gut ist, dabei liegt die Bezahlung meist deutlich unter dem Mindestlohn von 8,50 Euro.

Gleichzeitig bietet sich hier aber auch die Chance, den Kunden gegenüber handfeste Argumente zu haben, warum die Leistung der Agentur denn eigentlich besser bezahlt werden muss. Denn es scheint, als hätten viele Agenturen in den letzten Jahren versäumt, die Preise stabil zu halten.

Praktikanten müssen wohnen, essen, leben - meist ab vom Studienort

In den meisten Fällen ist ein bezahltes Praktikum für die Praktikanten ganz einfach eine Voraussetzung, um dieses Praktikum überhaupt ableisten zu können! Die Kommunikationsbranche hat zwar keinen geschlossenen Berufszugang, aber in den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Studiengänge gefunden, die gezielt für eine Karriere in unserer Branche geschaffen sind.

Diese werden jedoch nicht zwingend immer dort angeboten, wo es auch viele Agenturen und Unternehmen für Praktika gibt. Die Folge ist, dass man für ein Praktikum in eine andere Stadt gehen muss. Dort muss eine Unterkunft bezahlt werden. Die öffentlichen Verkehrsmittel oder, wer sich diesen Luxus leisten kann, das eigene Auto, bringen einen zur Arbeit. Auch das muss bezahlt werden. Zudem sind Praktikanten keine Fabelwesen, die sich von Luft und Liebe ernähren können, sondern sie benötigen etwas zu essen und zu trinken. All dies muss finanziert werden, während das Zimmer am Studienort weiterhin bezahlt werden muss.

Diese Ausgaben können sich manche vielleicht leisten, beziehungsweise die Eltern von ihnen. Viele Studenten und Praktikanten aber sind dazu nicht in der Lage. Sie benötigen daher die Bezahlung des Praktikums, um sich diese Zeit leisten zu können und gehen nach dem Praktikum häufig doch mit einem Minus auf dem Konto wieder zurück.

Ähnliches gilt für Absolventen, die vielleicht nicht mehr einen zweiten Wohnsitz finanzieren müssen, dennoch aber ihr Leben am Praktikumsort. Und da sich viele Agenturen für Standorte in Städten entschieden haben, die nicht gerade für niedrige Mietpreise bekannt sind, sollte man diesen Aspekt bei der Diskussion einmal ganz genau prüfen.

Die Energie lieber in neue Lohnmodelle stecken

Ganz unabhängig davon, ob es den Mindestlohn nun gibt oder nicht, ein Praktikum (das mehr als nur zwei Wochen dauert) sollte bezahlt werden. Natürlich sind die Praktikanten nicht von Tag 1 an in der Lage, Aufgaben direkt effizient und optimal zu lösen, aber in der Regel brauchen sie nur ein paar Wochen, sich soweit einzuarbeiten, dass sie ordentliche Arbeit leisten.

Betrachtet man die gesamte Auseinandersetzung zum Thema Mindestlohn für Praktikanten in Agenturen, so scheint es sich um eine Diskussion ohne Gewinner zu handeln. Agenturen, die davor warnen, dass der Mindestlohn für Praktikanten dafür sorgen würde, dass es gar keine Praktika mehr geben wird, schaden dem gesamten Image der Agenturbranche noch weiter. Die Agenturen, die versuchen, sich mit bezahlten Praktika zu positionieren, dürfen sich dennoch Ausbeuter-Vorwürfe anhören.

Und die Praktikanten scheinen von Agenturen häufig als unfähige Theoretiker angesehen zu werden, denen man wirklich alles beibringen muss und die doch dankbar sein sollen, dass sie Praxiserfahrung erhalten.

Vielleicht sollte man einfach weniger diskutieren und an Lohnmodellen arbeiten, die für beide Seiten gewinnbringend sind: Agenturen und Praktikanten (und alle anderen Mitarbeiter in der Agentur).

David Philippe, Head of Social Media bei der Digitalagentur Oygo,  ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

PS: Die arbeitsrechtlichen Grundlagen zum Thema Praktikum erläutert heute die Karrierebibel in diesem Blog-Post.

Mindestlohn in Agenturen: "Diskussion ohne Gewinner"

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

(15) Leserkommentare

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht