Nico Rose | | von Nico Rose

Meckpomm ist bald überall: Wie sich unsere Arbeitswelt verändern muss

Vor einigen Monaten war ich Teilnehmer einer Podiumsdiskussion in Dresden. Es ging um die Themen Generation Y, demografischer Wandel, und Zukunft der Arbeit. Neben einem lokalen Unternehmer sowie einer Professorin war ein hochrangiger Vertreter der sächsischen Landesregierung mit auf dem Podest. Nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung trank ich noch ein stilles Mineralwasser mit dem Herrn. Ich erzählte ihm, dass ich aus Hamm in Nordrhein-Westfalen stamme, worauf er lächelte und sinngemäß erwiderte:

„Oh, dann habt Ihr das ja alles noch vor Euch.“

„Was denn?

„Na, den Bevölkerungsschwund. Wir hier im Osten haben unsere Hausaufgaben ja schon ein Stück weit gemacht. Euch wird das noch mit voller Wucht treffen. Da wird es vielerorts verwaiste Landstriche geben im Westen, genauso wie hier bei uns…“

Das Dumme ist: der gute Mann könnte recht haben. Im Grunde kannte ich die Zahlen ja schon. Aber manchmal müssen sie einem erst richtig um die Ohren gepfeffert werden, um ihre volle Wirkung zu entfalten.

Also: wenn sich die Rahmenbedingungen nicht grundsätzlich ändern, wird Deutschland bis zum Jahr 2060 mindestens 10 Millionen seiner heute etwa 80 Millionen Einwohner verlieren. Manche Schätzungen gehen sogar von 20 Millionen aus. Doch bleiben wir bei der konservativen Prognose: selbst diese Zahl würde ausreichen, um etwa die 30 größten Städte der BRD – von Berlin über Bremen bis Braunschweig – von der Bildfläche verschwinden zu lassen (und von den 70 Millionen Verbliebenen werden mindestens 10 Millionen über 80 Jahre alt sein).

Natürlich wird genau das nicht passieren. Tendenziell werden die Städte weiter wachsen und ländliche Gegenden zunehmend vereinsamen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Schaut man sich an, welche Gebiete zwischen 2005 und 2010 deutlich an Bevölkerung hinzugewonnen bzw. verloren haben, dann sieht es auch für viele eher urbane Regionen zappenduster aus (in der Annahme, dass dieser Trend sich ähnlich fortsetzen wird). Insbesondere das Herz des Ruhrpotts, altehrwürdige Zechenstädte wie Dortmund, Bochum und Oberhausen, werden bluten. Sie bieten einfach zu wenig Dynamik, zu wenig attraktive Jobs, zu wenig Lebensqualität – wie auch das Städteranking 2013 der Wirtschaftswoche bestätigt.  

In den nächsten 10 bis 15 Jahren ist die übergreifende Entwicklung vielleicht noch nicht besonders tragisch. Die deutschen Arbeitnehmer dürfen sich zunächst einmal freuen. Sie werden gefragt sein wie nie. Die Arbeitslosenquote wird vermutlich so niedrig daherkommen, wie zuletzt während Erhards Wirtschaftswunder. Eine sinkende Binnennachfrage kann Exportweltmeister Deutschland vermutlich einige Zeit durch noch mehr Exporte ausgleichen.

Doch irgendwann auf dem langen Weg bis 2060 wird es mit einiger Wahrscheinlichkeit einen Umschlagpunkt geben: Einerseits werden viele Firmen nicht mehr ausreichend Arbeitnehmer finden, um ihre Wachstumsziele zu erreichen.* Und andererseits dürfte eine Sättigung des Konsums in den heutigen Wachstumsregionen der Welt zu einem spürbaren Einbruch der Exportrate führen. Die Folge könnte ein über Jahre andauerndes negatives Wirtschaftswachstum sein.**

Am zweiten Punkt kann Deutschland vermutlich nicht viel drehen. Am ersten aber schon:    

  • Zunächst ist die Politik gefordert: Deutschland braucht nicht weniger Zuwanderung, sondern deutlich mehr! Nach Möglichkeit: hochqualifiziert. Hierfür müssen die richtigen gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden.
  • Des Weiteren sind die Unternehmen (im Zusammenspiel mit der Politik) in der Pflicht: Deutschland verschenkt ein ungeheures Potenzial, weil relativ wenige Frauen in Vollzeit arbeiten. Im europäischen Vergleich sind nur in den Niederlanden noch mehr Frauen in Teilzeit erwerbstätig. Unter anderem können hier ein deutlicher Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten, aber auch eine Flexibilisierung des Konzeptes von „Arbeit an sich“ (vor allem das wann und wo) Abhilfe schaffen.
  • Und schließlich kommt es noch einmal direkt auf die Arbeitgeber an. Ein weiteres Potenzial, dass heute vielerorts zu wenig genutzt wird, sind die Arbeitnehmer jenseits der 50. Die Stichworte lauten hier (u.a.): betriebliches Gesundheitsmanagement, intelligente Ergonomie, altersgerechtes Lernen.  

Kommen wir zum Ende nochmal auf meine Heimatstadt zurück. Die meisten Menschen kennen von Hamm nicht viel mehr als den Bahnhof. Hier werden klassischerweise ICEs getrennt oder zusammengeführt. Das reicht bei ausreichend Zugkraft für zwei Zigaretten.

Ich bin nach dem Abitur auch erstmal von Münster über Düsseldorf nach Wiesbaden geflüchtet. Zurückgebracht hat mich eine höhere Macht: die Liebe. Meine Frau ist Hammenser Familienunternehmerin in dritter Generation – und daher nicht ganz so mobil wie ich. Und wer weiß? Vielleicht war es gar nicht so falsch, nach zehn Jahren in der Fremde heimzukehren. Laut einer Studie aus dem Jahr 2012 hat Hamm eine überdurchschnittlich hohe Geburtenrate. In keiner deutschen Stadt leben mehr Menschen unter 18 Jahren. Die taz ließ sich damals angesichts dieses überraschenden Ergebnisses zu folgender Überschrift hinreißen: „Hamm fickt gut“!

Und vielleicht ist ja auch genau das die wahre Lösung für das große Ganze: Die derzeitige Geburtenrate von ca. 1,4 Kindern pro Frau reicht bei Weitem nicht aus, um unser Bevölkerungsniveau auf dem heutigen Stand zu erhalten; dazu bräuchte es mindestens 2,1 Kinder pro besserer Hälfte. Meine Frau und ich haben 2012 mit Kind Nr. 1 vorgelegt, Nr. 2 ist derzeit im Gespräch.

In diesem Sinne – wenn alle anderen Stricke reißen: Gehet hin und mehret Euch!

*  Selbstverständlich kann man auch ganz grundsätzlich das Modell „Wohlstand durch Wachstum“ infrage stellen – aber das soll nicht Gegenstand dieses Beitrags sein.

**  Natürlich kann alles auch ganz anders kommen. Spätestens seit meinem letzten Beitrag hier auf LEAD digital sollte jeder wissen: ich bin knallharter Optimist. Vielleicht wird es in der Zwischenzeit derzeit noch unvorstellbare technische Innovationen geben, welche die gegenwärtigen Prognosen obsolet machen werden, weil Produktivitätssteigerungen dann auch bei sinkendem Arbeitseinsatz möglich sind. Wir werden es erst wissen, wenn es soweit ist.

Nico Rose (zu finden auch via Twitter und Facebook) ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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