David Philippe | | von David Philippe

Lektion für die Gen Y: (Fast) Keiner wartet auf mich

In den vergangenen Tagen habe ich mehrfach den Beitrag der 23-jährigen Studentin aus Österreich im Newsfeed gesehen, über den auch W&V berichtet hat. Darin hat sie sich ihren Frust über die Medienbranche und die miserable Entlohnung für Praktikanten von der Seele geschrieben.

Ich steige mal wie Sinah ein: Gestatten, David. 30 Jahre. Mit fünf eingeschult worden. Dann war es das aber auch mit dem schnurgeraden Lebenslauf. Ich habe mein Abitur mit 18 Jahren gemacht, dann fünf Jahre Chemie studiert, abgebrochen und drei Jahre Kommunikationsmanagement als Bachelor auf einer (Fach-)Hochschule studiert.

Mein zweites Studium begann ich mit 23 Jahren. So alt, wie die Studentin aus Österreich nun ist, um die es geht. Nur mal so nebenbei: Ich bin mit 30 Jahren noch nicht am Rande eines Burnouts.

Als ich ihren Beitrag gelesen habe, habe ich manche Frustration ein wenig nachempfinden können. Doch in den meisten Fällen kam mir eher ein mitleidiges Lächeln über die Lippen. Nicht ob ihrer Situation, sondern wegen der Einstellung, die sich durch den Beitrag zieht. Eine Einstellung, die der sogenannten Generation Y häufig vorgeworfen wird und eine Einstellung, die ich mit 23 Jahren sicher auch noch pflegte.

Auch ich habe im Zuge meines Studiums Praktika absolviert. Pflichtpraktika in den Semesterferien. Drei Monate in einer Netzwerk-PR-Agentur in Berlin (der Studienstandort lag in der Provinz in der Nähe von Osnabrück), einen Monat ein Medienpraktikum am Studienstandort und ein zweites 3-Monate-Praktikum in einem Unternehmen.

Das Medienpraktikum habe ich in einem Verein abgeleistet, der ehrenamtlich arbeitet – daher gab es dafür auch kein Geld. Die anderen Praktika wurden mit 400,- Euro entschädigt. Davon kann man nicht wirklich leben, auch in Berlin nicht. Doch das ist auch nicht das Ziel eines Praktikums, so wie ich es damals und auch jetzt verstehe.

Praktikanten leisten nicht nur Arbeit, sie verursachen auch Arbeit

Was einem selbst als Praktikant anscheinend häufig entgeht, ist die Tatsache, dass man nicht nur wertvolle Arbeit leistet, die ja mindestens einem Trainee/Volontär entspricht (das trifft meiner Erfahrung nach in der Regel allerdings erst nach zwei bis drei Monaten - wenn überhaupt - zu), sondern vor allem auch Arbeit verursacht.

Bei mir war es im ersten Praktikum so, dass ich typische Praktikantenaufgaben aufgetragen bekam. Presseverteiler abtelefonieren, Clippings erfassen und kopieren, keinen Kaffee holen und Pressemitteilungen schreiben. Ich durfte später sogar ein eigenes Konzept entwickeln. Ich habe also Pressearbeit und Konzeption übernommen wie ein Volontär oder sogar Junior und dafür nur 400 Euro erhalten – im Monat! Aber dafür habe ich meine Betreuerin und einen Volontär auch gut 30 Prozent des Tages beschäftigt. Natürlich nicht am Stück, aber immer wieder im Verlauf des Tages.

Die ersten Pressemitteilungen haben lange gebraucht, bis sie in einem halbwegs akzeptablen Zustand waren. Bis dahin wurden sie von meiner Betreuerin mit stoischer Ruhe redigiert und mir Anweisungen gegeben, wie ich es besser oder besser nicht machen sollte.

All das habe ich während des Praktikums kaum wahrgenommen, da ich in der Arbeit selbst zu sehr drin steckte. Im Rückblick fällt mir jedoch auf, dass dieser Aspekt häufig auf der Studenten/Praktikanten-Seite nicht wirklich wahrgenommen wird. Ein Praktikant bedeutet eine Investition, nicht nur in der Aufwandsentschädigung, sondern auch in der Betreuung.

Dafür hat man keine Eltern

Ich stimme Sinah aber zu, dass Eltern nicht dafür da sind, das Praktikum zu finanzieren. Davon kann und darf man als Arbeitgeber nicht ausgehen. Bei mir war dies auch nicht der Fall. Dies ist auch mit ein Grund, warum ich für den Mindestlohn bei Praktika bin, die über drei Monate hinaus gehen, was seit dem 1. Januar diesen Jahres der Fall ist.

Nur mal nebenbei: Versetzt man sich als Praktikant mal in die Lage eines Auszubildenden, so muss man feststellen, dass auch dort gerade im ersten Ausbildungsjahr nicht viel Geld gezahlt wird.

Runter vom hohen Ross

Eine Sache, die nicht nur Sinah, sondern viele Studenten, auch ich, lernen müssen oder mussten: (Fast) keiner wartet auf mich. Keiner wartet da draußen in der freien Marktwirtschaft auf mich, dass ich doch bitte endlich mit meinem (Bachelor) Studium fertig bin und am liebsten schon vorher bei ihm im Unternehmen anfangen kann.

Dieser Anspruch, den ich bei mir, meinen Kommilitonen und auch aus dem Text von Sinah heraushöre, besteht anscheinend bei vielen Studenten. Und diesen Anspruch gilt es abzulegen. Kommt herunter vom hohen Ross, denn ihr seid einem Irrglauben aufgesessen.

Ein Praktikum dient nicht dazu, den Lebensunterhalt zu bestreiten!

Einen Eindruck eures "Traumjobs" sollte man in drei Monaten erhalten. In Deutschland gibt es für Praktika über drei Monate bereits den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Dann dient das Praktikum meistens jedoch nicht mehr der "Orientierung" sondern eher der Vertiefung von Fähigkeiten und Erfahrungen. Dies sollte unterschieden werden.

Man kann und soll von einem Praktikum nicht leben. Auch dies sollte man verstehen. Das gilt übrigens für Studenten/Absolventen ebenso, wie für so manchen Arbeitgeber da draußen: Praktikanten sind kein Ersatz für Trainee oder Junior.

Fazit:

Praktikanten leisten Arbeit, verursachen aber auch viel Arbeit. Ein Praktikum soll nicht als Lebensgrundlage gelten, gleichzeitig kann und darf ein Praktikant keine Trainee- oder Juniorstelle ersetzen.

An die Studenten da draußen: Macht euch während eures Studiums einen Namen, knüpft Kontakte und nehmt euch selbst nicht so wichtig. In der Regel wartet da draußen nämlich kein Arbeitgeber ungeduldig auf euch.

PS: Ich selbst habe mich während des Studiums selbstständig gemacht, nach meinem Abschluss 2011 zunächst ein Traineeship gemacht, bin dann als Junior bei einer Agentur eingestiegen. Später war ich wieder als Freelancer unterwegs, wurde dann in einer Agentur Head of Social Media und arbeite nun als Digital Marketing Manager bei Asus. Als Trainee gab es (verhältnismäßig) wenig Geld, so langsam geht es aber. Geduld kann sich also lohnen.

David Philippe, Digital Marketing Manager bei Asus, ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Lektion für die Gen Y: (Fast) Keiner wartet auf mich

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