Interview zur Cebit | | von einem W&V Leserautor

Jochen Mai: "Recruiting ist auf der Cebit eher ein positiver Kollateralschaden"

Endlich läuft der Messemotor in Hannover auf Hochtouren. Die ganze Welt blickt auf die Cebit und spricht über das deutsch-internationale Epizentrum für Big Data, das Internet der Dinge, Mobile, Social Business und die Digitale Transformation. Doch: Findet man hier tatsächlich einen Job und suchen Unternehmen überhaupt vor Ort nach Fachkräften? W&V-Autor Mike Schnoor unterhielt sich mit Jochen Mai, Gründer und Herausgeber von Karrierebibel.de, ob sich die Digitalmesse für Recruiting eignet, auf welche Fallstricke sowohl Bewerber als auch Unternehmen auf der Cebit achten sollten und auf welche Trends die Unternehmen im Personalmarketing in Zukunft setzen werden.

Welche Rolle spielt die Cebit grundsätzlich für die Digitale Wirtschaft?

"Die Cebit gilt in Deutschland noch immer als die Leitmesse für die digitale Wirtschaft. Natürlich spielen andere Fachmessen eine wichtige Rolle, aber die Cebit liegt ganz zentral am Jahresanfang, wenn sich jeder einfach ein bisschen neu ausrichten und orientieren möchte. Sie ist einfach wahnsinnig groß und sehr international. Die Cebit ist also eine wichtige und spannende Fachmesse zur Digitalisierung, auf der man als Unternehmen präsent sein sollte. Den Drang vor Ort zu einem Jobmatching zu kommen, sehe ich jedoch nicht. Hierfür müsste sich die Messe wiederum deutlich in Richtung Recruiting positionieren, was sie bislang aber nicht tut."

Eignet sich eine solch große Messe dann überhaupt für effektives Recruiting von Fachkräften?

"Im Kern bleibt die Cebit eine thematische Messe, auf der sich Firmen mit ihren Innovationen, Ideen, neuen Produkten und Dienstleistungen rund um die Digitalisierung vorstellen. Zwar ist Recruiting auf der Cebit schon möglich, steht aber nicht im Fokus und wäre eher ein positiver Kollateralschaden. Auf einer solchen Messe ist Networking viel wichtiger. Ob daraus dann später etwas Ernstes wird, kann man vorher natürlich nicht festlegen. Unternehmen sollten sich immer als interessante und spannende Arbeitgeber präsentieren. Wenn jemand an ihren Stand kommt, sollte dort der Kontakt gemacht werden und ein Termin außerhalb der Messe vereinbart werden. Von daher steht Recruiting nicht so sehr im Vordergrund, wie bei speziellen Job- und Karrieremessen oder bei der Zukunft Personal."

Sollten Bewerber also eher die Initiative ergreifen?

"Ich empfehle Bewerbern, nur den ersten Kontakt mit potenziellen Arbeitgeber zu knüpfen: sich vorstellen und erkundigen, was die Unternehmen suchen, wen man treffen müsste, ob diese Person auf der Messe sei und ob die Unternehmen überhaupt daran interessiert sind, mit potenziellen Bewerbern zu sprechen. Denn die meisten Besucher interessieren sich auf der Cebit nicht für den neuen Job, sondern für die digitalen Geschäftsfelder, Dienstleistungen und Produkte. Natürlich treffen hier interessante Fachkräfte aufeinander, aber Fachmessen dienen zum Netzwerken, aber eher nicht zum Jobmatching. Egal ob Cebit, dmexco oder Anuga: Die Jobsuche vor Ort gilt als Guerilla-Taktik, die schnell nach hinten losgehen kann, weil womöglich überhaupt niemand aus dem HR-Bereich auf der jeweiligen Fachmesse präsent ist. Schließlich geht es dort um Networking."

Nehmen wir an, jemand hat diesen Mut zur Lücke: Worauf sollte dieser Bewerber bei dem Messebesuch achten?

"Auf eine gute Vorbereitung, denn völlig ziel- und planlos auf eine Messe zu gehen, sollte man auf keinen Fall. Zuerst das Ausstellerverzeichnis anschauen und jene Unternehmen herausfiltern, mit denen ein Bewerber wirklich Kontakt aufnehmen will. Vor Ort sind so viele Aussteller, da hilft es nicht in der ersten Halle an Platz A1 anzufangen und am Abend in Halle 20 am letzten Stand anzukommen. Das wäre auch reiner Wahnsinn. Wer eine Prioliste mit maximal sechs Terminen pro Tag erarbeitet, ist bereits gut ausgelastet. Pro Termin sollte mit man einer halben bis dreiviertel Stunde rechnen und einen Puffer von 15 Minuten für den Weg zum nächsten Stand berücksichtigen. Ein bisschen Luft darf man sich gerne frei halten. Den Wunscharbeitgeber würde ich übrigens nicht als ersten Termin ansetzen setzen, sondern eher an dritter Stelle legen, damit man in den ersten beiden Gesprächen warm wird. Wer also testet, wie man sich präsentiert, ob das Intro gut ankommt, ob die Formulierung vielleicht anders sein sollte, läuft bei seinem Wunscharbeitgeber dann richtig in Höchstform auf."

Wer auf konkreter Suche ist, sollte aber nicht mit leeren Händen ins Gespräch gehen?

"Richtig, dazu bereitet man seine Bewerbungsmappen vor als eine Art Kurzbewerbung: Im Grunde genommen besteht diese nur aus einem allgemeinen Anschreiben und einem einfachen Lebenslauf. Diese Unterlagen sollten in Umschlägen liegen und auf das Unternehmen zielgerichtet formuliert sein, damit nicht jedes Anschreiben unpersönlich und eine identische Kopie ist. Die Umschläge sollten beschriftet werden, damit ein Bewerber die eigenen Kurzbewerbungen nicht durcheinander bringt. Die falschen Unterlagen zu erhalten - das finden die Unternehmen natürlich nicht lustig. Die Umschläge sollten nicht als Stapel offen in der Hand getragen werden, sondern auf dem Weg zum Stand holt der Bewerber vorher die richtige Kurzbewerbung aus dem Rucksack raus. Die Kurzbewerbung sollte man gerne am Stand da lassen und dafür macht man im Vorfeld einen Termin. Nebeneinander liegende Messestände sollte man auf der Cebit nicht direkt hintereinander besuchen, denn das macht auch keinen guten Eindruck. In der Planung sollte man sich vorweg eine Laufroute überlegen. Wer behauptet, das Unternehmen sei der Wunscharbeitgeber, aber man geht dann direkt auf die andere Gangseite zum nächsten Gespräch – damit hat man sich dann selbst überführt."

Was macht dabei den Unterschied zwischen normalen Angestellten und Geschäftsführern aus?

"Als Einsteiger, Absolvent oder Fachkraft auf Jobsuche ist die Bewerbung vollkommen legitim, aber in leitender Position führe ich nur Fachgespräche auf Terminen, die sich zu Innovationen und den Dienstleistungen vor Ort drehen. Im Executive Level geht man nicht hausieren, denn damit degradiert man sich sofort zum Bittsteller. Wenn das Gespräch gut läuft, gerne subtil nachfragen, ob man in Kontakt bleiben möchte und dann ganz klassisch mit Visitenkarten den Kontakt austauschen. Wie schaut das denn sonst aus, wenn der eigene Arbeitgeber selbst auf der Cebit ausstellt und man bewirbt sich beim Konkurrenten am Stand gegenüber? Den Kandidaten will niemand einstellen, weil die Loyalität zum Arbeitgeber gelitten hat – und möchte man dann im nächsten Jahr ebenfalls so behandelt werden? Daher spielt hier Netzwerken und Gefunden werden eine große Rolle. Schließlich gilt letzteres als die bessere Verhandlungsposition."

Wie läuft das Personalmarketing mit internationalen Unternehmen ab und was kann man davon lernen?

"Hier rücken tatsächlich kulturelle Unterschiede in den Vordergrund, bei denen es aus der Unkenntnis der Bewerber heraus zu wirklich bösen Fauxpas-Situationen kommen kann. Aber auf der Cebit werden Bewerber selbst bei einem internationalen Konzern auf die deutschen Kollegen treffen, die natürlich nicht in einem gänzlich anderen Kulturraum agieren. Schon hat man wieder mit der deutschen Kultur zu tun."

Welche Recruiting Trends werden wir hierzulande in den nächsten Monaten erleben?

"Mobile und Social Recruiting nehmen massiv zu. Einige Unternehmen sind noch eher reserviert, weil die Personalabteilungen davon noch wenig Ahnung hat und sich nur vorsichtig daran wagt. Daimler hatte kürzlich ein Experiment mit WhatsApp gestartet, bei dem man einer Mitarbeiterin über den Tag lang folgen und mit ihr in Kontakt treten konnte. Natürlich gilt dies als Testballon, aber offenbar gab es ein positives Echo auf diese Aktion – Fortsetzung also nicht ausgeschlossen. In diesen Bereichen werden wir viele kreative Wege finden, denn Unternehmen werden auf den digitalen Kanälen weiter experimentieren, zum Beispiel mit Instagram oder mit YouTube stärkere, interaktive Formate schaffen oder über Hangouts auf Google+. Zudem gibt es Versuche, direkt auf der mobile responsive gehaltenen Karriereseite mit einem Klick das Xing-Profil der Bewerber zu verknüpfen, um von dort die Daten als One-Click-Bewerbung herüber zu beamen. Das könnte in der nächsten Zeit zunehmen."

Jochen Mai, Jahrgang 1968, ist Gründer und Herausgeber von "Karrierebibel.de". Nachdem er einige Jahre als Social-Media-Manager für Yello Strom und als Ressortleiter für die "WirtschaftsWoche" gearbeitet hat, berät der Geschäftsführer von GROWWW heute Unternehmen bei dem strategischen Einsatz von Social-Media und coacht Teams in Sachen Corporate-Blogging und Content-Strategie. Der Autor mehrerer Bestseller doziert zudem an der Fachhochschule Köln.

Jochen Mai: "Recruiting ist auf der Cebit eher ein positiver Kollateralschaden"

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