Job oder Berufung? Warum Begeisterung doch wichtig ist
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Nico Rose | | von Nico Rose

Job oder Berufung? Warum Begeisterung doch wichtig ist

Vor kurzem schrieb der Psychologe Volker Kitz – dessen Arbeit ich sehr schätze – für "Manager Magazin" und "Spiegel Online" einen recht vielfach in den sozialen Medien geteilten Artikel namens Warum man für seinen Job nicht brennen muss. Er schildert dort, warum es aus seiner Sicht nicht notwendig, nicht realistisch und bisweilen sogar schädlich sei, wenn (alle) Menschen dazu angehalten werden, ihre "Erfüllung" im Beruf zu suchen – unter anderem, weil dies für die meisten von uns ein unerfüllbarer Anspruch sei. Und wie könnte ich widersprechen? Niemand muss für seinen Job brennen. Außerdem gibt es tatsächlich zu viel dünnbrettgebohrtes Ratgeber-Weichspülmittel da draußen.

Doch gleichzeitig zeigt die Forschung, dass es in mehrerlei Hinsicht von Vorteil sein kann, wenn Menschen für ihren Beruf brennen und diesen als Berufung auffassen: Sie sind dann in der Regel zufriedener und erfolgreicher.

In vielen Büchern und Blogbeiträgen wird – so oder ähnlich – die folgende Geschichte erzählt:

Drei Steinmetze arbeiten auf einer Baustelle. Ein Mann kommt des Weges und fragt sie der Reihe nach, was sie tun. Der erste Steinmetz räumt etwas missvergnügt Steine zusammen und antwortet: "Ich verdiene meinen Lebensunterhalt." Der zweite klopft mit geschäftiger Miene seinen Stein und erwidert: "Ich verrichte die beste Steinmetzarbeit in dieser Stadt." Der dritte Steinmetz schließlich scheint einen Augenblick in die Ferne zu schauen, wendet sich dann mit leuchtenden Augen dem Fragenden zu und sagt: "Ich baue eine Kathedrale!"

Job, Karriere oder Berufung?

Die unterschiedlichen Einstellungen der drei Steinmetze zu ihrer Arbeit korrespondieren interessanterweise deutlich mit einer Typologie, die 1997 in einem einflussreichen Forschungsartikel von Amy Wrzesniewski (lehrt heute in Yale) und Kollegen beschrieben wurde. Ob die eigene Arbeit als Berufung gesehen wird, scheint nur sehr bedingt von der Aufgabe an sich abzuhängen. Vielmehr scheint es zu einem guten Teil Einstellungssache zu sein. Nach Wrzesniewski et al. gibt es drei recht stabile Wege, seine gegenwärtige Beschäftigung zu deuten: als a) Job; b) Karriere; oder c) Berufung.

  • Menschen, die einem Job nachgehen, tun dies ausschließlich zur Finanzierung ihres Lebensunterhaltes. Wenn sie nicht für Geld arbeiten müss(t)en, würden sie sofort mit dieser Beschäftigung aufhören. Sie wünschen sich häufig, die Zeit auf der Arbeit würde schneller voranschreiten, damit das Wochenende näher rückt.
  • Menschen, die eine Karriere verfolgen, haben durchaus Spaß an ihrer Arbeit, sehen sie aber nur als eine Durchgangsstation auf dem Weg zu Höherem. Sie sind stark fokussiert auf die extrinsischen Aspekte ihrer Stelle, streben vor allem nach (mehr) Geld und den Beförderungen, die dafür notwendig sein werden.
  • Menschen, die einer Berufung nachgehen, sehen die Arbeit als integralen Bestandteil ihres Lebens an. Solche Menschen lieben ihre Arbeit und verbringen deshalb auch freiwillig mehr Zeit als nötig damit. Sie glauben in der Regel, dass sie mit ihrer Arbeit die Welt ein Stück besser machen. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen fürchten sie sich eher vor dem Ruhestand, als dass sie sich danach sehnen.

Die Forschergruppe interviewte für ihre Untersuchung beispielsweise Reinigungskräfte eines Krankenhauses. Berufene Putzfrauen und -männer beschrieben, wie ihre Arbeit dabei hilft, die Leben der Patienten zu retten, indem sie die Räume möglichst keimfrei hielten. Sie hatten sich angewöhnt, das "große Ganze" zu sehen, anstatt auf die Eintönigkeit und den recht geringen Schwierigkeitsgrad der unmittelbaren Aufgabe zu fokussieren.

Das Betrachten des Berufs als Berufung geht nachweislich mit einer Reihe von positiven psychologischen Konsequenzen einher. Dazu gehören größere Zufriedenheit auf und mit der Arbeit, eine höhere Zufriedenheit mit dem Leben an sich, sowie ein besserer Gesundheitszustand. Hinzu kommen Effekte wie ein gesteigertes Selbstwertgefühl und eine besondere Empfindung für den Wert der eigenen Arbeit. Denn: Wir können eine Arbeit objektiv sehr erfolgreich verrichten, uns aber subjektiv total erfolglos fühlen, weil uns in dieser Beschäftigung das Sinn-Erleben abgeht. Andererseits sind wir für eine Arbeitsstelle, die wir als Berufung empfinden, typischerweise hoch engagiert und setzen uns herausfordernde Ziele, sodass wir auch objektiv erfolgreich sind.

Laut Wrzesniewski et al. gibt es zwar Berufe, in denen sich überproportional häufig Berufene finden (z.B. im Gesundheitswesen) – die beschriebene Dreier-Typologie findet sich jedoch auch stabil innerhalb ein und derselben Berufsgruppe, z.B. bei Büroassistenten. Sich berufen zu fühlen, steht also im Prinzip jedem offen, nicht nur den Herzchirurgen unter uns.

Am Ende des Tages liegt es in unserer Hand.

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet.Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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