Nico Rose im Interview | | von Annette Mattgey

"Inkompetente Führung verbreitet sich schneller als man glaubt"

Unfähige Chefs sollten Unternehmen nicht tatenlos gewähren lassen, findet Karriere-Coach Nico Rose. Die Forderung seines Kollegen Martin Wehrle nach einem "Führerschein für Manager" hält er dagegen für einen PR-Coup. Ob es bei Digital-Unternehmen die besseren Chefs gibt, verrät Rose im exklusiven LEAD digital-Interview.  

Herr Rose, Martin Wehrle fordert eine Art Führerschein für Manager. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Ich halte das für einen PR-Gag. Herr Wehrle ist Profi und weiß, dass die meisten Unternehmen bereits viel Geld in Führungsseminare investieren. Es erscheint widersprüchlich, dass ein Führerschein, also noch mehr Schulungen, nun das Ei des Kolumbus soll. Mangelhafte Führungsleistung zu dokumentieren und zu sanktionieren ist jedoch hochgradig sinnvoll. Das kann allerdings nur Aufgabe der Unternehmen sein. Nicht nur zum Wohle der betroffenen Mitarbeiter, sondern auch im eigenen Interesse. In Zeiten von Social Media und Bewertungsportalen wie Kununu verbreitet sich die Kunde von inkompetenter Führung schneller und nachhaltiger, als vielen Unternehmenslenkern bewusst ist.     

Wie ist es um die Führungsqualitäten in der Digitalbranche bestellt?

Ich glaube nicht, dass sich gute bzw. schlechte Führungsqualität per se in bestimmten Branchen ballt. In der Digitalbranche arbeiten jedoch überproportional viele junge Menschen – und die wollen anders geführt werden, wenn man gängigen Studien traut. Da muss man als Chef loslassen lernen. Wer sich als digitale Führungskraft nicht mit flexiblen Arbeitszeiten und -orten anfreunden kann – oder der Tatsache, dass die Mitarbeiter nebenbei twittern und facebooken, wird gerade die besten Köpfe schnell vergraulen.        

Herrscht in Kreativunternehmen eher mehr oder weniger Mobbing-Atmosphäre als andernorts?

Mir sind dazu keine Zahlen bekannt. Die meisten Forscher sind sich allerdings einig, dass Mobbing überproportional häufig im Non-for-Profit-Bereich vorkommt, z.B. im medizinischen Sektor, im Schulwesen oder in Verwaltungen. Insofern lautet meine Antwort: Im Vergleich dazu vermutlich deutlich weniger.

Welche Fehler passieren vor allem bei Start-Ups?

Meines Erachtens ist das größte Manko – egal wo – ein Mangel an Selbsterkenntnis. Start-Ups verpassen es oft, sich dem Faktum zu stellen, dass man irgendwann eben kein Start-Up mehr ist. Wer es dann versäumt, strukturierende Elemente wie z.B. Kostenrechnung und Controlling einzuführen, geht mit großer Wahrscheinlichkeit baden. Das Gründen und Hochziehen eines Unternehmens erfordert ganz andere Fähigkeiten, als das Managen einer bestehenden Struktur. Sehr erfolgreiche Gründer wie Mark Zuckerberg oder das Duo Brin/Page zeichnen sich dadurch aus, dass sie auch wissen, was sie nicht können. Mit Sheryl Sandberg und Eric Schmidt haben sie sich frühzeitig  erfahrene Manager an Board geholt, die ihre eigenen Defizite kompensieren.

Wie kann man sich selbst trainieren, ein besserer Chef zu werden?

Es gibt Führungstechniken, die man sich aneignen kann. Jeder kann z.B. lernen, sicher vor Menschen zu sprechen. Wer es aber dabei belässt – Techniken – wird niemals eine herausragende Führungskraft werden. Gute Führung ist Folge einer klaren Haltung, anderen Menschen und sich selbst gegenüber. Ich werfe nochmal das Thema Selbsterkenntnis auf.  Beispiel: Eine wichtige Fähigkeit jeder Führungskraft sollte es sein, Verantwortung angemessen zu delegieren. Viele Chefs können das nicht. Darin äußert sich ein Mangel an Vertrauen in andere Menschen. Andere delegieren originäre Chefaufgaben weg; darin äußert sich ein Mangel an Selbstvertrauen. So etwas sollte man für sich klären. Da geht´s dann – auch im Coaching – schon mal ans Eingemachte.

Dr. Nico Rose ist Psychologe und Mitinhaber des Beratungsunternehmens EXCELLIS.  Weiterhin arbeitet er im Bereich Führungskräfteentwicklung in der Medienbranche. Im November erscheint sein neues Buch „Lizenz zur Zufriedenheit. Positive Psychologie in der Praxis“.

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