Megatrends 2013 | | von Irmela Schwab

Futurist Santner plädiert für "digitale Ruhepausen"

Der Maya-Kalender beschwört den Untergang der alten Welt - am 21. Dezember ist es soweit. Das macht Platz für eine neue Ära, die laut Prognose des österreichischen Futuristen Christoph Santner im Jahr 2013 vier marktübergreifende Megatrends hervorbringt. Die Kunst sei es, so Santner, Co-Initiator der Weimarer Visionen, den "Festspielen des Denkens", sich von diesen neuen Erscheinungsformen nicht überrollen zu lassen, sondern sie ins eigene Geschäftsmodell zu integrieren und dadurch aktiv mitzugestalten. Für LEAD digital beschreibt er die Muster, die im kommenden Jahr Arbeitsleben, Alltag und Gesellschaft prägen - und die teilweise bereits von kleinen Start-ups und größeren Unternehmen erkannt und umgesetzt werden.

1. Ultimative Nachhaltigkeit in Business-Modellen

Der Begriff Nachhaltigkeit feiert 2013 sein 300-jähriges Jubiläum. Hans Carl von Carlowitz, Oberberghauptmann in der sächsichen Silberstadt Freiberg, hatte ihn 1713 mit seiner Abhandlung über die „Naturmäßige Anweisung zur wilden Baum-Zucht“ ins Leben gerufen. Business muss künftig Nachhaltigkeit in Bezug auf Planet, People & Profit im Visier haben. Die weltweite Empörung über den jüngsten Brand in einer Textilfabrik in Bangladesh zeigt, dass organisches und ressourcenschonendes Wachstum ganz oben ansteht. Geschäftsmodelle, die auf einem tiefen Verständnis von Nachhaltigkeit aufbauen, liegen daher im Trend. Viele kleine Start-ups profilieren sich durch nachhaltiges Wirtschaften. Andrea Kolb etwa hat das Taschen-Label Abury mit Sitz in Berlin und Marrakesch gegründet - die Idee: Marrokanische Frauen fertigen Handtaschen, die dann im Internet und in Luxus-Boutiquen verkauft werden. Menschen wollen heute Teil der Lösung sein. Wie diese Art von „Deeper Sustainability“ auch in traditionellen Unternehmen verankert werden kann, hat etwa auch Siemens mit Green Technology und die Münchner Re mit dem Start des 400 Mrd. Euro-Projektes Desertec vorgemacht. Siehe auch die Öko-Stadt Masdar City in Abu Dhabi für 60.000 Menschen. Künftig gilt: Entweder nachhaltig sein oder gar nicht mehr sein. Das trägt übrigens dazu bei, dass die Marke Deutschland mit ihren Merkmalen Qualität, Verlässlichkeit und Verantwortung international an Gewicht gewinnt.

2. Neue Wahlverwandtschaften

Das Roman-Motiv von Goethes „Wahlverwandtschaften“ hält derzeit in unserer Gesellschaft Einzug. Aufgrund schrumpfender Familien nimmt die Suche nach Menschen, mit denen man "Quality Time" verbringen möchte, zu - auch im Business. Die „Work Life-Balance“ - ein Begriff, der die Abspaltung von Beruf und Privatleben proklamiert - weicht zugunsten einer echten Vereinbarkeit von beidem. Menschen gehen ganz neue Wege, um sich ihr eigenes Leben zu erschaffen, so wie es vorher noch niemand geführt hat. Ein Trend, der auch die Vielfalt der Blogger-Szene widerspiegelt, die zuweilen mehr Themen-Kompetenz haben als hauptberufliche Redakteure. Es geht nicht mehr darum einen linearen CV vorzuweisen, sondern sich seine ganz persönliche Biographie zu erstellen. Über Crowdsourcing-Portale und Venture Capital stehen heute jedem Gelder zur Verfügung, der eine kluge Geschäftsidee entwickelt hat. Die daraus entstehenden Businesses treiben den Wandel voran.

3. Digitale Ruhepausen

Menschen werden in ihrem Medienkonsum zunehmend selektiv. Nicht jede SMS und jede Email wird sofort gelesen. Stattdessen werden Pausen eingebaut. Hotels ohne Handy-Empfang und ohne Email sorgen für ein digitales Detox. Natur erlebt eine Renaissance wie in der Deutschen Romantik – diese analoge Welt bietet Zuflucht vor Burnout. Das prägt auch den Kommunikationsstil in Unternehmen: VW zum Beispiel lässt seine Mitarbeitern am Wochenende zur Ruhe kommen. An diesen Tagen muss keiner auf Emails reagieren.

4. Sinnstiftende Visionen

Der Begriff Singularity beschreibt den Trend hin zu superintelligenter Maschinen, die mehr und mehr an die Stelle von Menschen treten. Arbeiten wie Autos zusammenschrauben, Denkaufgaben zu lösen - das alles ist künftig Sache des Computers. So gibt es das bereits zugelassene Google-Auto, das sich automatisch selbst steuert und Flugzeuge, die ohne Piloten ans Ziel gelangen. In Japan werden sogar schon Roboter in der Altenpflege eingesetzt, die aussehen wie Brad Pitt. Was dem Menschen übrig bleibt, ist seine Kreativität. In einem jeweiligen Gebiet so viel Wissen wie möglich zu haben und es mit Leidenschaft zu betreiben, sollte also das Ziel sein. Es gilt das Motto: „Deine Aufgaben sind dort, wo Deine Gaben sind.“ Dadurch entsteht eine neue Sinnhaftigkeit, die der einzelne in der arbeitsteiligen Gesellschaft nicht sieht. Laut einer Gallup-Studie 2011 sind 63 Prozent aller Angestellten „unengagiert“ und 23 Prozent sogar „aktiv unengagiert“. Bekenntnisse wie „Ich bin ein Siemensianer“ sind damit nicht mehr denkbar. Aufgabe der Unternehmen ist es daher künftig, eine sinnstiftende Vision zu schaffen – und diese auch zu leben.

Futurist Santner plädiert für "digitale Ruhepausen"

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