E-Learning | | von Annette Mattgey

"Facebook lenkt vom Lernen ab"

Wer denkt, E-Learning macht einsam, täuscht sich. Anbietern wie Lecturio ist es wichtig, die Lernenden untereinander und mit dem Dozenten zu verknüpfen. Martin Schlichte, Geschäftsführer des Leipziger Unternehmens, erklärt im LEAD digital-Interview, warum das Studium mit mobilen Geräten mehr Disziplin erfordert, aber auch manches leichter macht.

Sie selbst sind erst vor knapp sechs Jahren zum Thema E-Learning gekommen. Die entsprechenden Angebote kursieren aber schon seit weit mehr als zehn Jahren. Wie hat sich das Feld verändert?

Durch den Ausbau der Internet-Infrastruktur und die Verbreitung mobiler Geräte werden E-Learning-Angebote für den Nutzer immer besser verfügbar; auch können die Angebote optimal an die Bedürfnisse des Lernenden angepasst werden. Das bedeutet u.a., dass der Nutzer den Lernpfad selbst wählen kann sowie Zeit und Ort der Fortbildung selbstständig festlegt. Die Verbreitung von On-demand-Lösungen führt zu einer starken Nutzung auf mobilen Endgeräten mit individualisierter Lernerfahrung. Die neuesten Trends werden derzeit auf der Learntec in Karlsruhe präsentiert.

Wie gut wird das E-Learning auf mobilen Geräten angenommen?

Es besteht ein sehr großer Trend hin zum mobilen Lernen; und wir sind dabei Marktführer. Traditionelle Anbieter haben Schwierigkeiten, ihre Inhalte aufs Smartphone zu bringen, bei uns gehört das selbstverständlich zum Weiterentwicklungsprozess dazu. Von unseren Kunden wird das super angenommen, das zeigt uns das sehr positive Feedback, das wir von ihnen erhalten.

Was bedeutet das für die Inhalte?

Die Auswahl der angezeigten Inhalte muss zur Display-Größe passen; das heißt, dass z.B. die Schrift in Foliensätzen nicht zu klein werden darf. Man braucht kurze Videos mit abgeschlossenen Themenblöcken für kleine Zeitfenster. Lesezeichen helfen bei spontanen Unterbrechungen. Viele unserer Nutzer freuen sich auch über die Möglichkeit, reine Audio-Dateien im öffentlichen Nahverkehr abzuspielen. Unsere Kunden nutzen die Kurse in der Regel auf mehreren Geräten, sodass die Kurse für mobile und stationäre Endgeräte geeignet sein müssen. Das mobile Lernen stellt für viele Nutzer eine Ergänzung zum Lernen am Schreibtisch dar, um z.B. in einer freien Minute bereits erarbeitetes Wissen zu wiederholen. Dadurch wird der Lernfortschritt positiv beeinflusst.

Welchen Chancen und Risiken sind damit verbunden?

Der Nutzer kann am PC mit dem Lernen beginnen und macht in der Bahn oder im Flugzeug weiter – damit können etwa Wartezeiten ideal genutzt werden. Durch die geräteübergreifende Synchronisation ist dabei eine zentrale Lernkontrolle unabhängig vom Endgerät möglich. Ein Risiko dabei besteht darin, dass Lerneinheiten zerstückelt behandelt werden; das erfordert eine hohe Selbstmotivation des Nutzers. Jedoch können wir nicht beobachten, dass mögliche Ablenkungen beim mobilen Lernen dazu führen, dass ein Teilnehmer mehr Zeit zum Absolvieren eines Kurses benötigt.

Kann man damit auch Ältere erreichen?

Bei beruflichen Weiterbildungen, insbesondere von Personen zwischen 30 bis 45 Jahren, wird E-Learning immer häufiger eingesetzt; für Studenten ist es inzwischen schon selbstverständlich. Wir erhalten aber auch zunehmend positives Feedback von Rentnern, die sich mit unseren Kursen Computerkompetenzen aneignen oder sich mit Gesundheitskursen fit halten wollen. 

Kollaboratives Lernen wird immer beliebter. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Wie können sich derzeit die Lernenden miteinander vernetzen und welche Rolle spielt das für den Lernerfolg?

Wir greifen diesen Trend schon lange auf, indem wir eine Vernetzung der Lernenden untereinander und mit dem Dozenten ermöglichen. Dazu kann jeder Kursteilnehmer direkt während des Vortrags Fragen über ein Forum an den Dozenten stellen. Der angesprochene Dozent erhält dann eine Mail und kann sofort antworten. Da wir die Kurse on-demand anbieten, ergeben Chats keinen Sinn. Unsere Stärke liegt ja gerade darin, dass jeder Kunde seine Zeit zum Lernen frei wählen kann. Durch die Dokumentation der Fragen im Forum hat jeder andere Nutzer Zugriff auf die Antworten des Dozenten. Natürlich können andere Kursteilnehmer auf die gestellten Fragen antworten oder sich an einer fachlichen Diskussion beteiligen. Offene Fragen werden so schnell geklärt und das Verständnis wird nochmals deutlich verbessert.

Können Social Media-Angebote dabei helfen?

Große Plattformen wie Facebook & Co. lenken unserer Meinung nach vom Lernen ab, daher sind sie eher nicht hilfreich. Interne Foren sind jedoch eine gute Möglichkeit für einen fachlichen Austausch. Bei uns sind diese Foren direkt mit der speziellen Kurseinheit verknüpft und beziehen sich direkt auf das aktuell behandelte Thema. Somit sehen alle Teilnehmer den Verlauf der bisherigen Diskussionen seit Veröffentlichung des Kurses und können zielgerichteter Fragen stellen.

Wie und wo sehen Sie die Zukunft des E-Learning?

Adaptives individualisiertes Lernen wird einer der wichtigsten Trends. Auch Gamification-Elemente zur Unterstützung der Motivation werden zunehmen. Früher oder später wird es auch ein Modell zur Zertifizierung von E-Learning-Kursen geben. Eine Steuerfachangestellte beispielsweise kann sich dann online neben dem Beruf zu einer zertifizierten Finanzbuchhalterin weiterbilden und den nächsten Karriereschritt gehen. Um dahin zu kommen braucht es transparente Trainingsprogramme, die direkt auf die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtet sind. In der betrieblichen Weiterbildung wird E-Learning bald der Standard sein und in fünf Jahren ist Mobile Learning eine Selbstverständlichkeit.

Martin Schlichte zählt zu den Gründern von Lecturio. Die Plattform in Deutschland hat sich auf videobasierte Kurse für die berufliche und private Aus- und Weiterbildung spezialisiert. Neben den vier Hauptkategorien – Business, Software, Jura und Medizin – umfasst das Portfolio auch individuelle Weiterbildungsangebote im Bereich Rechnungswesen & Steuern, Wirtschaftswissenschaften, Gesundheit, Sprachen und Freizeit.

"Facebook lenkt vom Lernen ab"

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