Nico Rose | | von Nico Rose

Erfolg kommt nicht von der Stange

"Suit up!" lautet ein Motto des liebenswerten Schwerenöters Barney Stinson in der Kult-Sitcom "How I Met Your Mother". Niemals lässt er sich ohne Anzug und Krawatte in der Öffentlichkeit blicken – und der Sitz ist immer perfekt. Vermutlich hat der fiktive Erfolgsmensch eine bekannte Weisheit aus dem Volksmund verinnerlicht: Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck.

Ich vermute, die meisten Menschen bemühen sich, anderen Erdenbürgern möglichst unvoreingenommen zu begegnen. Wer möchte schon von sich selbst glauben müssen, dass er intolerant ist? Doch so sehr wir uns bemühen, unsere Anstrengungen sind unweigerlich zum Scheitern verurteilt. Wir beurteilen Menschen nach ihrem Äußeren, ob wir wollen oder nicht. Es geschieht buchstäblich während eines Augenaufschlags. Innerhalb von 250 Millisekunden bis wenigen Momenten haben wir uns ein umfangreiches Bild der Persönlichkeit unseres Gegenübers gemacht, welches später nur noch schwer zu revidieren ist.

Interessanterweise sind diese ad hoc gebildeten Urteile zum Teil sogar recht stimmig. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass sogenanntes Thin Slicing, das Fällen von weitreichenden Urteilen über die Eigenschaften einer Person auf Basis von wenigen kurzen Verhaltensschnipseln, recht genaue Ergebnisse zutage fördern kann (Malcolm Gladwell hat sein Werk "Blink" diesem Phänomen gewidmet). In verschiedenen Studien hat man herausgefunden, dass Menschen beispielsweise in der Lage sind, auf der Basis von 60-sekündigen Videoausschnitten erstaunlich genaue Vorhersagen zur Persönlichkeit (z.B. Extraversion) und Intelligenz von bis dahin völlig unbekannten Personen zu machen.   

Kleider machen Leute

Manchmal verleiten unsere spontanen Urteilsbildungen uns jedoch zu Annahmen, die bei näherem Hinsehen einfach nicht haltbar sind. Die Eigenschaften eines Menschen ändern sich nicht, egal ob man diesen in einen Anzug, ein Tutu oder einen Kartoffelsack steckt.* Trotzdem ändert sich eine Person im Auge des Betrachters mit dem Tragen unterschiedlicher Kleidungsstücke – zuweilen sogar beträchtlich.

Im Rahmen einer Studie zeigten britische Forscher rund 300 Versuchsteilnehmern für nur fünf Sekunden Bilder eines gesichtslosen, männlichen Körpers. In einer Variante trug dieser einen dunkelblauen Anzug von der Stange, in einer anderen einen Anzug aus dem gleichen Stoff, welcher dem Träger jedoch auf den Leib geschneidert war. Die visuellen Unterschiede zwischen beiden Bildern waren recht unbedeutend, der Maßanzug saß entsprechend seiner Natur einfach ein Stück besser.

Trotz dieser geringen Abweichungen und nur kurzer Betrachtungsdauer ergaben sich verblüffende Unterschiede in Bezug auf die der Person zugeschriebenen Eigenschaften. Die Forscher baten ihre Probanden, verschiedene Dimensionen des Mannes einzuschätzen, unter anderem sein Selbstbewusstsein, seinen beruflichen Erfolg, das Einkommen, die Flexibilität, sowie seine Vertrauenswürdigkeit. Für alle bis auf die letzte Variable fanden sie signifikante statistische Unterschiede: Im Mittel wurde der Fremde wesentlich positiver bewertet, wenn er einen Maßanzug trug.

Die Versuchsreihe bestätigt demnach eine weitere Volksweisheit, nämlich: Kleider machen Leute. Nun beißt sich hier die Katze in den Schwanz. Für einen echten Maßanzug muss man in Deutschland einen vierstelligen Betrag hinblättern, nach oben sind außerdem kaum Grenzen gesetzt. Von daher ist es für jemanden, der beruflich bereits erfolgreich ist und über ein entsprechendes Einkommen verfügt, sicherlich leichter, sich überhaupt erst ein solches Stück leisten zu können, was dann wiederum die Erfolgsaussichten in der Zukunft erhöhen dürfte. Dies ist ein klassisches Beispiel für den sogenannten Matthäus-Effekt ("Wer hat, dem wird gegeben" bzw. etwas volksnäher: "Der Teufel scheißt immer auf einen großen Haufen").

Was, wenn man keinen vierstelligen Betrag ausgeben kann oder will?

Einen Ausweg für den etwas schmaleren Geldbeutel bietet hier die sogenannte Maßkonfektion. Bei dieser Technik wird der Anzug nicht komplett individuell erstellt und auf den Leib geschneidert, sondern – vereinfacht gesagt – auf Basis einer bestehenden Schablone an die Silhouette des zukünftigen Trägers angepasst. Entsprechende Anbieter gibt es mittlerweile in den meisten größeren Städten (die bekanntesten Anbieter in Deutschland sind Kuhn, Cove & Co. sowie Dolzer). Preislich starten solche Beinahe-Unikate in der Region eines Anzuges von Marken wie zum Beispiel Boss oder Tommy Hilfiger, für besondere Stoffqualitäten und ein hohes Maß an Individualisierung kann man allerdings auch einen niedrigen vierstelligen Betrag ausgeben.

Darüber hinaus kann eine professionelle Stilberatung helfen, "das Beste im Mann" (und auch der Frau) zum Vorschein zu bringen, selbst wenn der Anzug am Ende des Tages doch von der Stange kommt. Die Erfahrung zeigt, dass viele Männer, gerade in Deutschland, ohne fachliche Unterstützung ihre Anzüge in verschiedener Hinsicht ein Stück weit zu groß kaufen: Ärmel und Hosenbeine sind oft zu lang, Schultern und Taille zu weit.

Und wer möchte schon den Eindruck erwecken, derzeit noch in seinen Anzug hineinzuwachsen?

*Warum das nur die halbe Wahrheit ist und unsere Kleidung nicht nur andere Menschen, sondern auch uns selbst beeinflusst, hatte ich hier beschrieben.

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet.Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Erfolg kommt nicht von der Stange

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