Elternzeit | | von Thuy Linh Nguyen

Elternzeit-Kündigung per Mail: Wie Katharina S. ihren Agenturjob verlor

Kein Artikel auf W&V Online ist in diesem Jahr so oft gelesen und so intensiv diskutiert worden, wie die Geschichte des Stuttgarter Werbers, der unmittelbar nach der Rückkehr aus der Elternzeit entlassen wurde. Der rüde Umgang ist gerade in kleineren Agenturen leider kein Einzelfall. Eine Münchner Art Directorin hat uns ihre Geschichte erzählt.

Die Mail trug die Betreffzeile "Arbeitsverhältnis" und kam unerwartet: "Liebe Katharina, nach reiflicher Überlegung muss ich dir leider mitteilen, dass wir dein Angestelltenverhältnis zu deinem Wiedereintritt nach der Elternzeit kündigen werden." Vor drei Jahren hat sich Katharina S. (Name der W&V-Redaktion bekannt) dafür entschieden, in einer kleinen, auf Modekunden spezialisierten Agentur in München ihre Kreativ-Ideen einzubringen. Als sie Mitte letzten Jahres in Elternzeit ging, ahnte sie noch nicht, dass sie ersetzt werden sollte.

Eigentlich hatte es so gut angefangen: Als die erfahrene Art Directorin ihren Job antrat, herrschte eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Ihrem Vertrag zufolge hatte sie eine Vier-Tage-Woche, meist arbeitete sie aber zusätzlich von zu Hause aus. "In unserer Branche arbeitet man ja ohnehin mehr als im Vertrag steht", so die 39-Jährige. Sie verstand sich gut mit ihren Kollegen und unterstützte die Agentur bei einem umfassenden Relaunch. Die ausgebildete Kommunikationsdesignerin vermittelte freie Mitarbeiter an ihren Arbeitgeber und war maßgeblich an der Verteidigung des Etats des größten Kunden der Agentur beteiligt.

Als sie ihrem Chef erklärte, schwanger zu sein, veränderte sich das Arbeitsklima. Ihr Vorgesetzter begann sogar, ihr das Elternsein schlecht zu reden. "Für sich und seine Frau beansprucht er, sowohl Kinder als auch einen Arbeitsplatz zu haben. Mir gesteht er dieses Recht aber nicht zu. Ich war schon immer ein Karrieremensch. Aber Kinder gehören für mich nun mal zum Leben", sagt Katharina S., die ihren Namen nicht in der Öffentlichkeit nennen will. Die werdende Mutter wollte ursprünglich nur kurz Elternzeit nehmen. Doch da der Chef frühzeitig eine neue Mitarbeiterin als Vertretung einstellte, entschloss sie sich ein ganzes Jahr zu nehmen. Trotz der veränderten Stimmung war der Abschied kurz vor der Geburt herzlich. Die Kollegen beschenkten Katharina S. mit allerlei Babyartikeln. Deshalb ging die heutige Mutter eines zehn Monate alten Jungen davon aus, nach ihrer Pause ganz normal wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren zu können.

Bereits während ihrer Schwangerschaft suchte die werdende Mutter einen Krippen-Platz in der Nähe der Agentur. Katharina S. hatte Glück: Wenige Monate nach der Geburt ihres Sohnes fand sie einen Betreuungsplatz für fünf Tage in der Woche. Sie informierte ihren Chef sofort und bat darum, ihre 32 Stunden auf fünf Tage verteilen zu können. Eine Formalie, wie sie dachte, da sie ja immer und auch am Wochenende für Agentur und Kunden erreichbar gewesen war. Erst auf erneute Nachfrage meldete er sich und bat um mehr Bedenkzeit.

Dann die böse Überraschung: Am 29. Januar erhielt Katharina S. die Mail mit der Ankündigung, man würde das Arbeitsverhältnis mit ihr nach ihrer Rückkehr aus der Elternzeit umgehend kündigen. Ihr Chef beruft sich dabei auf §18 des Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetzes (BEEG), nach dem der Arbeitgeber seine Angestellten nach der Elternzeit mit einer Vorlaufzeit von drei Monaten entlassen darf. "Nicht alles, was gesetzlich machbar ist, ist auch moralisch vertretbar. Es hat mich sehr gekränkt, dass er nicht einmal persönlich mit mir geredet, sondern nur eine E-Mail geschickt hat", erzählt die Kreative. 

Die konzeptstarke Art Directorin hat vorher in mehreren namhaften, großen Agenturen gearbeitet. Dort wäre eine solche Kündigung nicht möglich gewesen. Der Chef von Katharina S. kann aber eine Klausel im Kündigungsschutzrecht nutzen: Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern dürfen auch junge Mütter und Väter ohne jegliche Angabe eines Grundes entlassen. Das wurde auch dem Stuttgarter Kreativen Stefan D. zum Verhängnis. Katharina S. empfindet das als besonders bitter: "Nicht nur, dass Frauen - durchaus auch mit Kindern - die Hauptzielgruppe seiner Kunden sind. Seinen Auftraggebern spielt er vor, eine viel größere Agentur zu führen. Auf Mitarbeiterseite aber nutzt er die Rechte einer kleinen Agentur opportunistisch aus." (Mehr zur juristischen Situation von Arbeitnehmern und Arbeitgebern in der Elternzeit finden Sie hier).

Katharinas früheren Kolleginnen aus den Networks ist es besser ergangen. "Die meisten haben Kinder, sind erfolgreich und werden sogar befördert. Mit ein bisschen beiderseitiger Anstrengung ist es also machbar, aber mein Chef hatte wohl nicht den Willen dazu", sagt die 39-Jährige. "Der Staat tut zwar viel für Mütter, aber da gibt es leider eine Gesetzeslücke."

Mittlerweile hat die Agentur noch eine weitere Mitarbeiterin eingestellt: "Ich wurde sozusagen durch zwei Personen ersetzt, die jetzt gemeinsam meinen Job machen. Aber wenn er mich nicht mehr will, ist das ok. Es gibt noch andere tolle Agenturen. Ich habe ein gutes Portfolio und bin mir sicher, schon bald einen neuen Job inklusive einem Chef mit mehr Weitsicht und Anstand zu finden."

Elternzeit-Kündigung per Mail: Wie Katharina S. ihren Agenturjob verlor

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

(24) Leserkommentare

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht