Auch als Chef muss Julian Vester sein Gehalt verhandeln - wie alle anderen Mitarbeiter auch.
Auch als Chef muss Julian Vester sein Gehalt verhandeln - wie alle anderen Mitarbeiter auch. © Foto:Elbdudler

Interview zur Gehaltsdebatte | | von Anja Janotta

Elbdudler-Chef Vester: "Ich verdiene 6000 Euro"

Transparenz ist für Julian Vester von Elbdudler nicht nur ein Wort: In seiner Hamburger Agentur werden die Gehälter offen von allen Beteiligten verhandelt. Das bedeutet auch Offenheit nach außen: Im Interview mit W&V Online verrät er Zahlen, die man gewöhnlich unter Verschluss hält.

Herr Vester, werden Sie eigentlich oft um Rat gefragt?  Müssen Sie Ihr Modell anderen Agenturen erklären, die es kopieren wollen?

Julian Vester: Ich war schon bei einigen Unternehmen und Agenturen, die ich konkret beraten habe. Aber das kann man trotzdem noch an einer Hand abzählen. Eine Agentur, die das umgesetzt hätte, ist mir aber nicht bekannt. Viele, die sich diese Umstrukturierung auf die Agenda gesetzt haben, reagieren interessanterweise mit Unsicherheit oder Vorbehalten gegenüber dem Thema. Da stellt sich natürlich die Frage, warum man eine solche Transparenz überhaupt einführt. Wenn eine Agentur das nur macht, um hip oder irgendwie witzig zu sein, dann kann das gar nicht klappen. Es braucht schon die richtige Haltung gegenüber dem Kollegen. Wir wollen uns respektvoll behandeln – in alle Richtungen, zum Mitarbeiter, untereinander wie auch gegenüber dem Kunden. Das zeigt sich dann auch in der Leistung, die wir ihm anbieten können.

Wo haben Sie sich für Ihr Transparenzmodell Anregungen geholt?

Wir haben starke Überschneidungen mit der Digitalbranche und der IT, die am ehesten noch ein ähnliches Modell verfolgen.

Die IT und die Agenturbranche haben ja eines gemeinsam: Den War for Talents.

Das stimmt, aber wir haben das nicht deshalb gemacht, sondern tatsächlich aus einer inneren Haltung heraus. Wenn man respektvoll miteinander umgeht, gibt es für mich keinen Grund, irgendwelche Zahlen für die Mitarbeiter verschlossen zu halten. Das geht dann auch runter bis zu den einzelnen Gehältern. Wenn das den Effekt hat, dass dann mehr oder bessere Leute bei uns anklopfen, ist das gut. Aber die Transparenz nur für diesen einen Effekt einzuführen, halte ich nicht für sinnvoll. Dann bleibt eine solche Maßnahme auch nicht besonders nachhaltig.

Kommen denn tatsächlich mehr oder bessere Leute zu Ihnen?

Sicher nicht wegen der transparenten Gehälter, sondern eher deshalb, weil wir anständig mit den Leuten umgehen. Wir hören schon jetzt regelmäßig, dass die großen Netzwerkagenturen zunehmend weniger attraktiv sind für Berufseinsteiger. Bessere Leute sind für uns auch nicht unbedingt welche, die das alte Klischee des eitlen Werbers erfüllen. Sondern eher Leute, die geerdet sind und sinnvolle Sachen machen können und  wollen.

Wie geht es bei Ihnen weiter? Frei  festzulegender Urlaub, freie Arbeitszeiten, etc.?

Das ist bei uns seit jeher so. Wir kennen keine festen Arbeitszeiten, wir zählen keine Urlaubstage. Die Frage ist doch auch, ob Anwesenheit gleich Leistung entspricht. Wenn also mal jemand ein paar Tage länger bleibt und richtig reinhaut, dann spricht doch auch nichts dagegen, dass er ein paar Tage mehr Urlaub macht. Dann darf er auch mal entscheiden, ob er einen Nachmittag zu Hause bleibt, aus welchem Grund auch immer. Ich vertraue da auf die Mündigkeit meiner Mitarbeiter.

Noch mal zurück zu den transparenten Gehältern. Haben Sie einen Vergleich: Liegen Sie im Schnitt über oder unter den GWA-Empfehlungen?

Bei uns liegt das Einstiegsgehalt für einen Grafiker bei 2.500 Euro. Wenn man vergleicht, dass man gerade in Hamburg oftmals mit 1.700 oder 1.800 Euro anfängt, ist das wohl ganz gut.

Hat sich bei Ihnen so etwas wie eine Grundtabelle herauskristallisiert? Gibt es so etwas wie allgemein gültige Richtlinien für die jeweiligen Positionen?

In der Tat überlegen wir, eine Art Tarifsystem einzuführen, das eine Art Grundgehalt vorsieht und dann Aufschläge für Position, Betriebszugehörigkeit und Kompetenz bietet. Aber nein: Ein echtes allgemeingültiges System haben wir noch nicht festgelegt. Es wird jedes Gehalt individuell verhandelt.

Woran wird bei den Beurteilungsrunden gemessen, ob jemand eine Gehaltsaufbesserung verdient hat oder nicht?

Der Hauptfaktor bei den Verhandlungen ist tatsächlich, was die anderen Kollegen verdienen, welche Erfahrungen jemand mitbringt, welche Jobs derjenige in der Agentur übernimmt und wie sehr sich jemand einbringt und engagiert.

Was verdienen denn Sie? Müssen Sie sich auch einer solchen Runde stellen?

Ich muss mein Gehalt auch verhandeln, werde aber nicht von der Agentur, sondern von der Holding bezahlt. Aber auch das mache ich transparent: Derzeit sind es 6.000 Euro.

Und wie oft wird im Schnitt verhandelt?

Genaue Daten habe ich nicht, aber gefühlt würde ich sagen: Alle 12 bis 18 Monate. Das ist aber auch ok, denn wirtschaftlich lohnt sich unser Experiment. Es hat dazu beigetragen, dass jeder verstärkt darauf achtet, was seine Leistung wert ist, wie er zum wirtschaftlichen Erfolg der Agentur beiträgt und wie er selbst Prozesse optimieren kann. Nahezu jeder Einzelne ist darauf bedacht, auch zur Wertschöpfung der Agentur beizutragen.

Elbdudler

 Die Agentur Elbdudler arbeitet in einer ehemaligen Hamburger Kirche.

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