Hans Neubert: "Brauchen wir diese ganzen hochspezialisierten Digital-Fachkräfte wirklich?"
Hans Neubert: "Brauchen wir diese ganzen hochspezialisierten Digital-Fachkräfte wirklich?" © Foto:Sassenbach

Gastbeitrag von Hans Neubert | | von W&V Redaktion

Digitalexperten: Lieber Multitalente als Fachidioten

Brauchen moderne Werbeagenturen wirklich diese ganzen hochspezialisierten Digital-Kreativen? Wäre nicht eher Weiterbildung angesagt – anstelle der Entwicklung immer exotischerer Kreativberufe mit hochtrabenden Titeln? Hans Neubert, Creative Director und Partner bei Sassenbach Advertising, über einen simplen Weg aus dem Spezialisierungswahn. 

Damit wir uns nicht missverstehen: Natürlich hat die Digitalisierung neue Berufsbilder hervorgebracht, die aus modernen Agenturen kaum noch wegzudenken sind. Ohne Digital-Knowhow, ohne Programmierer und umfangreiches Online-Wissen geht Werbung nicht mehr. Front- und Backend-Entwickler? Wordpress und Typo3? HTML5, CSS, Javascript, PHP und MySQL? Die Leute, für die das Alltagsvokabeln sind, hat wohl jede funktionierende Werbeagentur längst an Bord. Digital-Strategen? Online-Berater? Geschenkt.

Klar. Die digitale Transformation bringt neue Berufsbilder und bedeutet ein hohes Maß an Spezialistentum. Wenn man sich so umsieht, treibt dieser Trend in Werbeagenturen aber seltsame Blüten. Denn inzwischen sind immer spezialisiertere, separate Kreativkräfte für diffizile Digital-Aufgaben gefragt: SEO-Texter, SEM-Texter, Content-Texter und am besten auch gleich noch Social-Media-Texter. Im Art-Bereich das gleiche Spiel: Ohne Digital-Art-Director, Frontend-Designer und eigene UX-Experten geht eigentlich gar nichts. Ach ja, Information Architects braucht man natürlich auch noch.

Da stellen sich mir unwillkürlich ein paar Fragen: Brauchen wir diese ganzen hochspezialisierten Digital-Fachkräfte wirklich? Wer hat so viele Bürostühle, um sie menschenwürdig unterzubringen? Und sollte es nicht viel eher Pflichtprogramm für „klassische“ Kreative sein, sich endlich aus ihrer Comfort Zone herauszuwagen und sich entsprechend digital weiterzubilden?

Gehört es nicht einfach zum heutigen Handwerkszeug eines Werbetexters, nicht nur die klassischen Disziplinen, sondern auch den Bereich SEO zu beherrschen – und zu wissen, wie man Informationen für Websites nicht nur sinnvoll strukturiert und aufbereitet, sondern auch Google-gemäß optimiert? Ist es wirklich zu viel verlangt, wenn ein Art-Direktor im Jahr 2017 nicht nur hervorragende Plakate, Anzeigen und Broschüren gestalten kann, sondern auch weiß, worauf es beim Design von richtig guten Websites und Bannern ankommt? 

Auf Kundenseite wird schließlich ähnlich gedacht. Kaum ein Mittelständler kann es sich erlauben, neben den üblichen Marketingpositionen in Klassik und Digital auch noch jeweils einen eigenen Verantwortlichen einzusetzen für Tierfutter-SEO, Stahlschrauben-SEA oder Fahrradschlauch-Fotos auf Instagram.

Ja, die Welt ist komplizierter geworden. Anspruchsvoller. Fordernder. Tut mir auch leid. Aber die Antwort darauf kann nicht sein, immer mehr Spezialberufe zu erfinden. Nein, wir alle müssen einfach mehr können. Wir brauchen Multitalente, die ganzheitlich denken. Keine Fachidioten.

Über den Autor: Hans Neubert ist Creative Director und Partner bei der Münchner Agentur Sassenbach Advertising. Der Texter und Konzeptioner verantwortet den kreativen Output der Agentur und kümmert sich gemeinsam mit Geschäftsführer Peter Metz auch um das Neugeschäft. Davor arbeitete der Kreative unter anderem bei Jung v. Matt, Heye und Partner und Q Werbeagentur (heute Hello München). Hans Neubert ist Mitglied im Art Directors Club für Deutschland (ADC).

 

Digitalexperten: Lieber Multitalente als Fachidioten

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!