Interview | | von Anja Janotta

Die "Chefsessel"-Studentin: Praktikanten sind kein "Verbrauchsgegenstand"

Der Blogpost von Sinah Edhofer hat für einen Aufschrei gesorgt: Sie beklagte sich über die miese Bezahlung von Praktika in den Medien und die mangelnden Aussichten für Berufseinsteiger. Auch bei W&V Online (wir berichteten) wurde heftig diskutiert: Steht einem unerfahrenen Praktikanten für einen 40-Stunden-Job ein fairer Lohn zu? Oder kostet dessen Einweisung und Ausbildung nicht im Gegenzug den Arbeitgeber viel Zeit und Geld? Die Generation Y sitze auf einem viel zu hohen Ross, befand beispielsweise David Philippe, Digital-Manager bei Asus, bei LEAD digital. Wir haben selbst noch einmal mit der unzufriedenen Praktikantin geredet - über Berufschancen, Einstiegsgehälter und verwöhnte Grünschnäbel.
 
 
Frau Edhofer, nach Ihrer Breitseite gegen die "Chefsessel-Furzer": Haben Sie eigentlich keine Bedenken, dass die Personaler in den Sesseln Sie jetzt nicht mehr einstellen wollen? Ein freundliches Bewerbungsschreiben ist Ihr Blogpost ja jedenfalls nicht.
 
Die Textpassage war natürlich mit einem Augenzwinkern gemeint und viele Unternehmer, die sich an der Diskussion beteiligt haben, haben das auch verstanden und mit Humor genommen. Mit vielen Unternehmern habe ich hochinteressante Diskussionen geführt. Es freut mich sehr, dass sich Menschen aus allen Unternehmenshierarchien am Diskurs beteiligen. Dennoch würde ich mich freuen, wenn von Unternehmensseite ein Umdenken in Sachen Praktikum beginnt oder sich zumindest ein Verständnis für die Situation von Praktikanten entwickelt. Darum geht es mir in erster Linie. Dennoch habe ich, speziell in dieser Angelegenheit, eine Meinung, für die ich auch einstehe. Das ist vielleicht auch eine Eigenschaft, die für ein Unternehmen durchaus profitabel sein kann. Bedenken habe ich also eher weniger. 
 
Hat sich der ORF, den Sie ja insbesondere angehen, schon bei Ihnen beschwert?
 
Eine Stellungnahme zum Thema blieb leider aus. Ich würde mich aber sehr darüber freuen, wenn jemand vom ORF mit mir über den Wert von Praktikanten diskutieren möchte.
 
Sie waren auch länger in einer PR-Agentur. Haben Sie dort bessere Verhältnisse erlebt?
 
Ich möchte diese Zeit auf gar keinen Fall missen. Dass ich neun Monate in der Agentur geblieben bin, zeigt, dass es mir auch sehr gefallen hat. Ich habe sechs Monate als Praktikantin 390 Euro verdient, danach wurde ich auf 500 Euro aufgestockt. Um mich selbst zu erhalten, war das aber leider einfach zu wenig. Ganz allgemein gesprochen muss man im Bezug auf Praktikanten eines sagen: Es ist, schon allein wirtschaftlich gesehen, ein großer Unterschied, ob ich eine Agentur, ein Start-Up, ein Kleinunternehmen oder ein Medienkonzern bin. Und es gibt sicherlich Unternehmen, die ihren PraktikantInnen - vor allem, wenn sie viel leisten - gerne mehr bezahlen würden. Nur muss ich mich als Arbeitgeber schon fragen, ob ich meine Ressourcen vielleicht nicht optimal einsetze, wenn ich sehr viel Arbeit habe, aber dafür nicht zahlen kann. 

Was sollte man besser machen?

Ich würde mir in Sachen Praktikum einfach eindeutige Regelungen wünschen. Vor allem, wenn man als Bewerber einen Uni-Abschluss vorweisen sollte und zahlreiche Qualifikationen, wie Flexibiliät, Organisationstalent, Teamfähigkeit etc., die mit einer Stellenausschreibung für eine Fixanstellung meist komplett identisch sind. Da fordere ich als Unternehmen etwas, für das ich nicht bezahlen kann oder bezahlen will. Und wenn der Grund, dass ich Praktikanten einstelle, der ist, dass ich Kosten für eine zusätzliche Arbeitskraft spare, ist das ganz einfach systematische Ausbeutung und darf so nicht mehr weiter passieren.
 
Miese Bezahlung und miese Aussichten - warum studiert man heute trotzdem Kommunikationswissenschaften?
 
Ich glaube, die nächsten Jahre werden für Medienberufler sehr spannend, vorausgesetzt, man beobachtet aufmerksam und ist kreativ. Aus diesem Grund sollte man junge motivierte Menschen eben auch fördern und nicht mit Peanuts abspeisen: Man sollte die jüngere Generation als Input sehen, nicht als Verbrauchsgegenstand.
 
Wie geht es Ihren Kommilitonen? Wie viel verdienen die bei einem Praktikum? Wie hoch sind die Einstiegsgehälter nach dem Studium?
 
Die meisten Mitstudenten haben im Praktikum auch zwischen 0 und 400 Euro verdient. Von den Geschichten, die mir viele junge Menschen in den letzen Tagen erzählt haben, ist das aber eben offensichtlich nicht nur in der Medienbranche ein Thema: Ein "Pflichtpraktikum" ist da sicher noch schwieriger, wie man den Kommentaren zu meinem Artikel entnehmen kann. Das Einstiegsgehalt richtet sich sehr nach dem Berufsfeld: In den Printmedien ist das oft etwas weniger als zum Beispiel in der PR - aber auch das variiert je nach Unternehmen. Ich habe beispielsweise Angebote bekommen, die zwischen 1500 und 2000 Euro brutto liegen.
 
Kritische Kommentatoren werfen Ihnen vor, ein unverschämter ungestümer Grünschnabel zu sein, der zu viel fordert und keine Ahnung vom Arbeitsleben hat. Keiner warte auf jemanden wie Sie, der auf dem hohen Ross geritten kommt. Was können Sie denen entgegnen?
 
Ich finde, dass die Diskussion das Thema Praktikum und systematische Ausbeutung fokussieren sollte - und nicht meine Person. Ich habe in dem Beitrag von meinen persönlichen Erfahrungen berichtet, deshalb war dies gewissermaßen zu erwarten, aber ich würde mich freuen, wenn das Hauptaugenmerk weiterhin auf dem Thema Praktikum liegt. Es würde helfen, sich einfach mal ein bisschen in die Lage der Praktikanten zu versetzen und Verständnis zu entwickeln. Das würde vielleicht auch zu Lösungsvorschlägen und Kompromissen führen!
 
Und jetzt mal ehrlich: Wie viel muss ein Absolvent und Medienanfänger verdienen, um in einer Stadt wie Wien eigenständig über die Runden kommen?

So viel, dass zumindest die Grundbedürfnisse wie Wohnen und Nahrung gedeckt sind!

Die "Chefsessel"-Studentin: Praktikanten sind kein "Verbrauchsgegenstand"

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