"Komplexität freudig umarmen": Das müssen Chefs können, meint Autor Wolfgang Zimmermann.
"Komplexität freudig umarmen": Das müssen Chefs können, meint Autor Wolfgang Zimmermann. © Foto:Presse

Leadership | | von Katrin Otto

Die Alpha-Männchen haben ausgedient

Die digitale Transformation erfordert ein radikales Umdenken auch auf Führungsebene. Denn die Generation Y hat ganz andere Werte und Erwartungen. Die menschlich-soziale Seite gewinnt auch im Bereich Führung an Bedeutung. Wolfgang Zimmermann, Berater und Autor des Buches "Umbruch in der Chefetage",  im Gespräch mit W&V über die neuen Herausforderungen für Manager, zeitgemäße Rollenbilder und ein neues Führungsverständnis.

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Herr Zimmermann, Sie fordern einen radikalen Wandel beim Führungsverständnis in Chefetagen. Das betrifft auch die Gender-Ebene. Birgt die digitale Transformation neue Chancen für Frauen?

Frauen haben bereits in allen Bereichen die Männerdomänen erobert. Sie klettern auf die höchsten Berge, fliegen Kampfjets und besetzen gesellschaftliche Schlüsselpositionen. Dies wird sich natürlich auch in den Führungspositionen niederschlagen. Die Frage ist nur, ob hier Frauen nur die Chance haben, wenn der Spruch gilt: Unser bester und taffster Mann im Vorstand ist Frau Dr. XY oder ob es zu einem neu arrangierten gedeihlichen Miteinander zwischen Mann und Frau auch auf oberster Führungsebene kommen kann, jenseits der Klischees und Zuschreibungen.

Was halten sie dann von der Frauenquote?

Strikte Regeln und Quoten sind immer die Feinde einer gedeihlichen Entwicklung. Vermutlich wird es in dieser Frage jedoch nicht ohne die Quote gehen, um etablierte Machtstrukturen aufzubrechen.

Was zeichnet denn männliche, was weibliche Führung aus?

Dies ist natürlich ein etwas vermintes Gelände, gerade unter Hardcore-Gender-Spezialisten. In der wissenschaftlichen Begleitstudie von Deep Finding für mein Buch gab es durchaus einige Aussagen, die als typisch erachtet werden, zum Beispiel beschrieben Frauen die Männer als entschlossener und klarer, Männer umgekehrt Frauen als Führungskräfte balancierter, diskussionsfreudiger. Ob diese nun biologisch oder sozial bedingt sind?

Fachliche oder menschliche Kompetenz - was ist wichtiger?

Natürlich wird zukünftig die menschlich-soziale Seite im Bereich Führung immer wichtiger. Aspekte wie Kommunikationsstärke, Empathie gehören dazu. Allerdings ist die Frage sehr stark vom Unternehmenskontext abhängig. Wenn Sie heute in einem kleinen oder mittleren Startup sind, braucht es ein Maß an fachlicher Kompetenz, um Dinge einschätzen zu können und auch ein Minimum an Akzeptanz zu bekommen. Stehen Sie an der Spitze einer Großorganisation, braucht es dazu noch die Fähigkeit, mit den verschiedenen Stakeholdern jeweils in ihrer eigenen Währung zu kommunizieren und mit den Widersprüchlichkeiten umzugehen. Ich würde sagen, so ein Stück Paradoxie-Festigkeit.

Und trotzdem sind Frauen in höheren Positionen immer noch stark unterrepräsentiert.

Hier gibt es zunächst die oft zitierten Gründe, wie Sozialisierung, Bildung, die Netzwerke der Männer. Wenn es aber hart auf hart kommt, auch in einer Beziehung, hat die Frau immer noch für die Pflege der Kinder zu sorgen und wird im Zweifelsfall sagen: Ich stecke zurück. Wie sagte Sheryl Sandberg in ihrem Buch "Lean In": Die wichtigste Karriereentscheidung für eine Frau ist die Frage, welchen Mann sie heiratet. Ja, ich denke, da ist viel dran. Erst wenn auch auf der partnerschaftlichen Ebene ein neues Arrangement zwischen Mann und Frau stattfindet, wird sich auch in den Top-Etagen etwas ändern. Nur keine Sorge, die nachwachsende Generation wird hier für entsprechenden Druck sorgen.

Welchen Führungsstil können wir dann von der Generation Y erwarten?

Hier muss man zunächst einmal sagen, dass die Generation Y noch kaum in Führungspositionen angekommen ist. Sie ist im Zeitalter der gerade einsetzenden Digitalisierung aufgewachsen. Worauf es mir hier ankommt ist, dass in dieser Generation eine völlig andere Denk- und Geisteshaltung anzutreffen ist abseits von Effizienzstreben, purer Dominanz der Arbeit und Massenproduktion. Diese Geisteshaltung passt zu einer immer volatiler werdenden, unsicheren und komplexen Welt viel besser als die klassische Managerattitüde.

Sie fordern einen agilen Führungsstil. Was heißt das?

Agilität im Sinne von aktiver Anpassungsfähigkeit, Offenheit, Beweglichkeit ist am besten geeignet, um mit den gesellschaftlichen Verhältnissen und der damit einhergehenden Komplexität und verstärkten Unberechenbarkeit umzugehen. Zum Beispiel das Zulassen von Vielheitsfähigkeit, die Verantwortungsübernahme statt purer Macht, das Schaffen eines attraktiven unternehmerischen Sinns, genauso wie eine andere Fähigkeit der Steuerung.

Was muss also ein Anwärter für die Führungsebene heute mitbringen?

Sie oder er braucht ein ganzheitlich integratives Mind-Set. Das heißt, ein aufgeklärtes Denken in Wechselwirkungen und Rückkoppelungen, in dem Komplexität nicht durch Tools reduziert, sondern sinnvoll bearbeitet wird. Man könnte etwas humorvoll sagen. Sie oder er muss Komplexität freudig umarmen und damit kreativ gestaltend umgehen. Hinzu kommt eine ethische Dimension. Das heißt auf die Folgen des Tuns und der unternehmerischen Entscheide zu schauen - die Folgen für die Mitarbeiter, für die Gesellschaft und für die Umwelt. Dies in einem laufend balancierten Abwägungsprozess. Und jetzt kommt das Entscheidende. Für die Entscheidungen auch die Verantwortung übernehmen. Dies geht natürlich im inhabergeführten unternehmerischen Kontext klarer als im managerialen Feld.

Und was empfehlen sie dann einem etablierten Manager mittleren Alters? Worauf muss er sich künftig einstellen?

Zunächst - und ich hoffe der Manager hat Glück und hat heranwachsende Kinder, am besten Töchter - einen wohlwollenden Blick auf die nachfolgenden Generationen. Auch ein Stück Selbstaufklärung im Sinne von "Erkenne dich!", um darauf aufbauend die eigene Identität zu erneuern. Dies kann natürlich in verschiedenen Formen passieren und in verschiedenen Tiefendimensionen. Nicht immer wird der Weg erfreulich sein, und es braucht ein Stück persönlichen Mut.

Die Alpha-Männchen haben ausgedient

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