Deutsche CEOs kleben an ihren Sesseln
© Foto:Volkswagen

Strategy& | | von Annette Mattgey

Deutsche CEOs kleben an ihren Sesseln

Ob Martin Winterkorn es schafft, sich bis zum Vertragsende auf seinem Posten als Vorstandschef von VW zu behaupten, ist derzeit fraglich. Aber grundsätzlich herrschen in Deutschland die niedrigsten Fluktuationsraten bei CEOs. Während der DAX von einer Rekordnotierung zur nächsten eilt, herrscht in den Vorstandsetagen der 300 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgesprochene Kontinuität - auch im weltweiten Vergleich: So musste 2014 gerade einmal jeder zehnte Vorstandsvorsitzende eines deutschsprachigen Blue Chips seinen Posten zugunsten eines Nachfolgers räumen. Mit 10,3 Prozent liegt die Wechselquote sogar genau zwei Prozentpunkte unter dem  Vorjahreswert von 12,3 Prozent.

Im internationalen Vergleich verzeichnet der deutschsprachige Raum damit die wenigsten Führungswechsel. In Westeuropa stieg die Quote von 12,9 Prozent auf 14,3 Prozent und ist damit identisch mit dem globalen Durchschnittswert. Ähnlich wie im deutschsprachigen Raum, hat die japanische Wirtschaft mit 11,6 Prozent ebenfalls eine vergleichsweise geringe CEO-Fluktuation. In Nordamerika verharrte die Quote bei ebenso moderaten 13,2 Prozent. Deutlich mehr Stühlerücken gab es dagegen in den Chefetagen der BRIC-Staaten: In China mussten 15 Prozent, in Brasilien, Russland und Indien sogar 15,9 Prozent der dortigen CEOs ihren Chefsessel räumen.

Im direkten Branchenvergleich zeigt sich ein klares Bild: Mit weltweit 24 Prozent und im deutschsprachigen Raum mit 43 Prozent Wechselquote gibt es in der Telekommunikationsindustrie die meisten Führungswechsel. Die derzeit guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verstärken bei  deutschsprachigen Konzernen offensichtlich den Trend zur langfristig geplanten und gut vorbereiteten Nachfolge für den Vorstandsvorsitz.

So fanden 78 Prozent der Wechsel aufgrund auslaufender Verträge oder festgelegter Altersobergrenzen und 12 Prozent wegen Übernahmen oder Fusionen statt. Gerade einmal 10 Prozent mussten ihr CEO-Mandat vor Ablauf der vereinbarten Vertragslaufzeit niederlegen. Dagegen wurden im gesamten westeuropäischen Wirtschaftsraum mit Krisenstaaten wie Spanien und  Italien 21 Prozent der ausgeschiedenen CEOs und damit mehr als doppelt so viele Führungskräfte vom Aufsichtsrat zum Rücktritt gezwungen.

Allerdings verringerte sich 2014 die Halbwertszeit der Vorstandsvorsitzenden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. So liegt der Median der Verweildauer im Amt im deutschsprachigen Raum bei 6 Jahren (2013: 6,8 Jahre). In Westeuropa liegt dieser Wert bei 6,5 Jahren und im weltweiten Schnitt bei 5,3 Jahren. Auch sind die ausscheidenden CEOs im deutschsprachigen Raum mit 56 Jahren vergleichsweise jung. In Westeuropa liegt der Mittelwert bei 58 Jahren. Das sind die zentralen Ergebnisse der "2014 Study of CEOs, Governance, and Success" der internationalen Managementberatung Strategy&, Teil des PwC-Netzwerks. Die Studie untersucht in ihrer vierzehnten Ausgabe sowohl die jährlichen als auch die langfristigen Veränderungen in den Chefetagen der 2.500 weltweit größten börsennotierten Unternehmen.

Der digitale CEO - neues Anforderungsprofil für die Konzernspitze

Trotz der relativen Stabilität in den Vorstandsetagen steht die Führungsspitze der deutschen Wirtschaft über alle Branchen hinweg  strukturell wie personell vor einer immensen Umwälzung. "In den kommenden Jahren werden die Weichen für eine digitale Zukunft gestellt. Um bei Themen wie Industrie 4.0 und Smart Data eine Führungsposition zu bekommen und um als Wirtschaftsstandort auch international eine Vorreiterrolle spielen zu können, brauchen die Konzerne dringend auch an der Unternehmensspitze dezidiertes Digital Know-how sowie Mut zum Umdenken", so Klaus-Peter Gushurst, Senior Partner und Sprecher der Geschäftsführung von Strategy& im deutschsprachigen Raum.

"Durch kürzere Innovationszyklen und die Implementierung digitaler Geschäftsmodelle wird die Rolle des CEOs neu interpretiert. Vor diesem Hintergrund sinkt die Bedeutung von industriespezifischer Erfahrung. Technologie- und Digitalkenntnisse sowie Umsetzungserfahrung werden eine immer größere Rolle spielen", so Gushurst.

Das belegen auch die Studienergebnisse: Das Profil eines neu ernannten CEOs im deutschsprachigen Raum ist heute wesentlich diversifizierter als noch vor ein paar Jahren. So stieg der Anteil extern rekrutierter CEOs gegenüber dem Vorjahr um 12 Prozentpunkte auf nun 39 Prozent und liegt somit weit über dem globalen Wert von 22 Prozent. Des Weiteren hat die Hälfte aller neuen CEOs bereits operative Erfahrung in anderen Branchen gesammelt. Auch haben 23 Prozent der 2014 neu installierten CEOs einen internationalen Hintergrund. Weltweit liegt der Anteil neuer ausländischer Vorstandsvorsitzender bei lediglich 15 Prozent. Ein weiteres Ergebnis: 29 Prozent der neuen CEOs in deutschen, österreichischen und Schweizer Konzernen haben promoviert. Im Vorjahr waren es mit 18 Prozent noch deutlich weniger. Weltweit liegt die Promotionsrate im Jahr 2014 bei lediglich 11 Prozent. Dafür haben global mit 34 Prozent genau doppelt so viele neu installierte CEOs einen MBA-Titel wie im deutschsprachigen Raum (Vorjahr: 26 Prozent).

Frauenanteil in den Vorstandsetagen ausbaufähig

Auch in diesem Jahr untersuchte die Studie den Frauenanteil bei den CEOs. Zwar stieg der Anteil von Frauen unter den neu ernannten CEOs um zwei Prozentpunkte, erreicht insgesamt aber dennoch nur magere 5 Prozent weltweit. "Diese Zahl ist nach wie vor ernüchternd, aber wir gehen weiterhin davon aus, dass sich dies in den kommenden Jahren grundlegend verändern wird und erwarten für das Jahr 2040 ein Drittel neu ernannter weiblicher CEOs", so Gushurst. Obwohl sich die beruflichen Profile von weiblichen und männlichen CEOs ähneln, verlieren Frauen häufiger als Männer ihren CEO-Posten: So mussten in den vergangenen elf Jahren 32 Prozent der weiblichen CEOs ihre Stelle räumen, bei den Männern hingegen waren es nur 25 Prozent.

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