Nico Rose | | von Nico Rose

Der Weg zum persönlichen Erfolg führt über diese Frage

Wenn ich ab und zu mal shoppen gehe, kriege ich die Krise, sobald ich in der Umkleidekabine etwas anprobiere. Ich bin von Natur aus ein bisschen blass um die Nase, weswegen Menschen mich häufig fragen, ob ich zu wenig geschlafen hätte. Das fiese Neonlicht in den meisten Kaufhäusern macht die Sache nicht wirklich besser. Aber: es gibt diesen einen Spiegel, in dem sehe ich immer irgendwie gut aus. Er hängt in meinem Elternhaus, im Bad neben dem alten Kinderzimmer. Ich glaube, es liegt daran, dass die Lampe darüber ein bisschen getönt ist – auf jeden Fall wirke ich dort immer eine Spur gebräunter und vitaler. Ich schaue gerne hinein. Dazu später mehr.

Bescheidenheit ist eine Zier?

Wenn es Ihnen ein bisschen wie mir geht, dann finden Sie es latent merkwürdig bis dezidiert unangenehm, über Ihre Stärken zu sprechen. Ich könnte Ihnen eine lange Geschichte meiner sämtlichen Schwächen auftischen, das wäre leicht. Aber sich selbst lobhudeln und auf die Schulter klopfen? Fühlt sich irgendwie nicht richtig an. Zum einen war die Ausbildung dieser Fähigkeit definitiv nicht Teil meiner Erziehung. Ich komme aus einem doppelten Beamtenhaushalt, liebenswürdig, verlässlich, ein sicherer Hafen – aber nicht eben ein Leistungskurs in Selbstbewusstsein und Personal Branding. Zum anderen war ich den größeren Teil meiner Kindheit/Jugend Leistungssportler (Tennis), da ging's dann zumeist um "das Potenzial", um das "noch besser werden müssen". Auch nicht immer hilfreich in puncto Stärkenorientierung. Schließlich ist das Ganze wohl zum Teil der deutschen Kultur geschuldet. Das historische Erbe preußischer Tugenden, gepaart mit den kollektiven Erinnerungen an das Dritte Reich, lassen "den Deutschen an sich" etwas zurückhaltender, prunkloser auftreten, gerade im direkten Vergleich zur sehr extrovertierten Nationen wie den USA.  

Aber mal angenommen, jemand würde Sie gezielt bitten, einige Ihrer Stärken zu nennen, zum Beispiel im Rahmen eines Vorstellungsgespräches. Sowas soll's ja geben. Was würden Sie antworten? Was könnten Sie authentisch raushauen, ohne mit der Wimper zu zucken – und ohne in Plattitüden und Allgemeinplätze zu verfallen? Kennen Sie Ihre Stärken? Und wenn die Antwort "Ähm…also…naja…" lautet: Wie bekommen Sie hier Klarheit?

Worin bin ich wirklich, wirklich gut?

Zum einen gäbe es die Möglichkeit der Introspektion. Ergo: Was glaube ich denn selbst über mich? Wo habe ich mich in der Vergangenheit als stark und wirkungsvoll erlebt? Und obwohl eine ausführliche Innenschau grundsätzlich nicht verkehrt ist, rate ich doch davon ab, sich nur auf das eigene Urteil zu verlassen. Selbst- und Fremdbild klaffen oft meilenweit auseinander. Das wissen Sie sehr gut in Bezug auf andere Menschen – und diese in Bezug auf Sie.

Des Weiteren kann man auf psychologische Testverfahren zurückgreifen. Der weltweit am meisten genutzte, wenn auch in Deutschland nicht ganz so etablierte Stärken-Test ist der Clifton StrengthsFinder, welcher vor allem über das Beratungsunternehmen Gallup vertrieben wird (kostenpflichtig, hier ein Testbericht der Karriereberaterin Svenja Hofert). Seit einigen Jahren ist außerdem ein Verfahren namens VIA (Values in Action) online verfügbar, welches mittlerweile mehr als zwei Millionen Mal genutzt wurde und wissenschaftlich sehr gut validiert ist. Es geht auf zwei Mitbegründer der modernen Positiven Psychologie, Chris Peterson und Martin Seligman, zurück. Er kann (zumindest für eine Basisauswertung) kostenlos absolviert werden.

Vielleicht fühlen Sie sich aber auch ein wenig unwohl bei dem Gedanken, von einem Algorithmus auf Basis von mehr oder weniger stimmigen Fragen beurteilt zu werden. Solche Tests sind sehr zuverlässig und aussagekräftig, aber sie beschreiben Ihre Persönlichkeit anhand eines bereits vorgefertigten Rahmens. Was Sie selbst und andere Menschen denken, könnte jedoch sehr viel facettenreicher und nuancierter sein.

Von daher kommt hier noch ein ziemlich abgedrehter Vorschlag. Man könnte doch einfach diese anderen Menschen fragen, oder?

Die eigenen Stärken crowdsourcen?

Zugegeben: aus den gleichen Gründen, warum wir nicht gerne über unsere Stärken reden, mag es sich seltsam anfühlen, andere Menschen gezielt danach zu fragen. Und doch erachte ich es für sehr hilfreich und lohnenswert – und habe es versucht. Es gibt dafür eine strukturierte Methode, die am Center for Positive Organizations der University of Michigan entwickelt wurde. Im englischen Original heißt sie Best Reflected Self™. Man kann dazu ein offizielles Arbeitsbuch erwerben, aber im Prinzip besteht das Ganze aus vier einfachen Schritten:

1) Elizitieren

Im Original wird empfohlen, hier eine Gruppe von etwa zehn Menschen zu befragen, vorrangig Freunde, enge Arbeitskollegen und andere Personen, die Sie wirklich gut kennen. Diese Menschen sollten Ihnen auf Basis vergangener Erfahrungen Feedback geben. Welche Stärken kamen aus Sicht dieser Personen in Ihrem beobachteten Handeln zum Ausdruck? Idealerweise sollten Ihnen die Feedbackgeber auch gleich passende Beispiele an die Hand geben, z.B.: "Vor drei Wochen, in der Präsentation vor den Abteilungsleitern, da habe ich Dich als sehr kraftvoll und überzeugend erlebt."

Für meinen persönlichen Zweck habe ich das Ganze etwas verändert und gezielt einen Aufruf unter meinen Xing-Kontakten und Facebook-Freunden gestartet (viele enge Kontakte, aber auch  Menschen, die mich vielleicht nur einmal gesehen oder etwas von mir gelesen haben; ich habe rund 40 Antworten erhalten). Es ging mir also vor allem um die Stärken meiner öffentlichen Persona:

 

2) Aggregieren

Im nächsten Schritt gilt es, die Daten zu verarbeiten. Hierfür bin ich alle mir zugesandten Texte intensiv durchgegangen und habe mich bemüht, die latenten Stärken herauszuarbeiten. Zum Zwecke der Verallgemeinerung habe ich alle relevanten Daten in Substantive umgewandelt und ähnliche Konzepte auf einen einheitlichen Nenner gebracht. Beispiel: "Du kannst gut zuhören" oder "Du wirkst empathisch" wurde zu "Empathie". 

3) Kondensieren

Im nächsten Schritt empfiehlt das ursprüngliche Konzept, auf Basis der zuvor erhaltenen Ergebnisse einen kurzen Aufsatz über sich selbst zu verfassen, also das positive Feedback der anderen nochmal kondensiert in eigene, griffige Worte zu fassen. An diesem Punkt hat bei mir die Faulheit gesiegt. Stattdessen habe ich einfach die Wortliste aus Schritt 2 genommen und sie mittels www.wordle.net weiterverarbeitet. Im Ergebnis entstand diese Stärken-Wolke (wie üblich stehen große Wörter für mehr Nennungen):

 

4) Implementieren

Wenn man nicht auf der Ebene der Erkenntnis stehenbleiben möchte (obwohl das schon ein großer Mehrwert ist), gilt es zu überlegen, ob dieses Stärkenbündel im derzeitigen Lebensmodell bestmöglich genutzt wird. Beispielsweise: liefert Ihnen Ihre aktuelle berufliche Position ausreichend Möglichkeiten, Ihre Stärken auszuspielen? Und wenn dies nicht der Fall ist: Wie können Sie Ihre Rolle so anpassen, dass Ihre Stärken in Zukunft besser genutzt werden? Die Technik des Job Crafting (kostenfreier Podcast) ist hier ein gutes Stichwort.

Fazit

Es war sehr aufschlussreich – und zugegeben – anrührend, all diese positiven Beschreibungen meiner selbst zu lesen. Ich hatte eigentlich erwartet, viele ironische Erwiderungen und liebgemeinten Blödsinn als Antwort zu erhalten. Aber die Menschen haben meine Bitte ernstgenommen und wertschätzenden Input geliefert. Dies ist ein im wahrsten Sinne des Wortes außergewöhnliches Erlebnis. Gewöhnlich, wenn wir in einer gesunden Organisation arbeiten und eine/n gute/n Vorgesetzte/n haben, erhalten wir regelmäßiges Feedback. Doch ist es selten ungetrübt. Neben Lob ernten wir zumeist auch Kritik, erhalten Hinweise auf "Verbesserungspotenziale". Und damit wir uns nicht falsch verstehen: das ist auch gut so. Es nützt wenig, wenn wir immer ausschließlich in Watte gepackt werden.

Und trotzdem: andere Menschen zu bitten, ausnahmsweise einmal nur auf unsere guten Seiten zu schauen, bietet den Raum für eine besondere Lernerfahrung. Eine der englischen Übersetzungen für Wertschätzung ist "appreciation" – wir schauen dann dezidiert "mit dem guten Auge" auf etwas oder jemanden. Interessanterweise stand dieses Wort ursprünglich auch für eine positive Form von Entwicklung: Wen wir wertschätzen, dem führen wir Energie zu, dem wird Wachstum zuteil.

Meine Stärken im Lichte anderer Menschen zu erfahren, das war wie ein Blick in diesen Spiegel in meinem früheren Badezimmer, in dem ich immer so gut aussehe. Mir ist klar, dass es ein idealisiertes, schöngefärbtes Bild ist, dem ich nicht jeden Tag 24 Stunden lang gerecht werde. Aber es ist gut zu wissen, dass ich diese Qualitäten in mir habe – und dass ich auf sie zurückgreifen kann, wenn mich das Leben danach fragt.

Sie sind auch bereit zu fragen?

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.  

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