Matthias Horx ist einer der renommiertesten deutschen Zukunftsforscher.
Matthias Horx ist einer der renommiertesten deutschen Zukunftsforscher. © Foto:Screenshot Youtube

Interview mit Zukunftsforscher | | von W&V Redaktion

"Der Trend Digitalisierung wird überschätzt"

Tröstende Worte an die Kreativen zum Jahresabschied: Der Frankfurter Zukunftsforscher und Soziologe Matthias Horx findet, dass der Trend zur Digitalisierung überschätzt wird. "Ein alter Hut", sagt der Gründer des Zukunftsinstituts im Interview mit der dpa. Gerade im kreativen Bereich spiele der Mensch die Hauptrolle. Horx plädiert für einen achtsameren Umgang mit den Medien.

Herr Horx, Sie sind Zukunftsforscher und befassen sich mit den Trends von morgen. Welche gesellschaftlichen Phänomene werden die Menschen in Deutschland 2017 beschäftigen?

Der Hass-Populismus, das "Postfaktische Zeitalter" wird uns im nächsten Jahr verfolgen. Es ist ein typischer Zeitgeist-Wandel, wie er etwa alle 25 Jahre vorkommt, zum Beispiel 1968 und 1989. Alte Paradigmen und Denkweisen werden infrage gestellt. Plötzlich wirkt die Welt chaotisch unsicher, unberechenbar, nichts scheint mehr voraussagbar - auch keine Wahlergebnisse.

Der Begriff "postfaktisch" wurde zum Wort des Jahres gewählt. Er beschreibt das Phänomen, wenn die öffentliche Meinung weniger von Tatsachen als von Gefühlen und Ressentiments beeinflusst wird. Sie sprechen gleich von einem "postfaktischen Zeitalter"?

Das "postfaktische Zeitalter" bedeutet, dass eine Grundlage der Fortschritts-Idee - Verbesserung durch Kritik, Vernunft und Debatte - infrage gestellt wird. Gefühle überschwemmen die Gesellschaft und die Politik. Eine Art Angst-Hysterie bricht aus. Dabei spielen negative und übertriebene Angst-Bilder eine Rolle, die sich durch Sensations-Medien ausgebreitet haben.

Und positive Errungenschaften werden schnell ausgeblendet.

Ja, viele Daten der globalen Entwicklung sind ja positiv, Bildung, Lebenserwartung, Gesundheitszustand - hier hat es enorme globale Erfolge gegeben, auch in armen Ländern. Aber über Positives redet man nie. Gleichzeitig entwickeln sich im Internet die Filterblasen, in denen Menschen alles Mögliche glauben, aber nichts mehr verifizierbar ist. Immer mehr Menschen sind überfordert mit komplexen Themen und glauben dann eben, was im Netz verbreitet wird. Eine Art mentales Rudelverhalten.

Welcher Trend wird künftig viel stärker als wir denken?

Der Trend zur Achtsamkeit. Achtsamkeit ist einerseits ein neuer Innerlichkeits-Trend, der bedeutet, sich achtsam dem Kleinen, Nahen, Persönlichen zuzuwenden. Also durchaus ein bewusster Rückzug vom Gelärme der Welt, von den hysterischen Übertreibungen. Wir wollen mehr im Leben sein, wir wollen Gefühle und Zwischenmenschlichkeit spüren. Hier formiert sich eine geistige Gegenbewegung zu all dem Schreien und Brüllen und Hassen, das derzeit die Gesellschaft prägt.

Gelingt dies auch über einen achtsameren Umgang mit Medien?

Es geht darum, die Selbstbestimmung über den eigenen Geist wiederzugewinnen, besonders auch in der Kontrolle über den Mediengebrauch. Wir sehen, dass immer mehr Menschen das Gewüte, Gejammer und Geschreie in Medien und im Internet einfach abschalten.

Was ist ein überschätzter Trend, der aber in aller Munde ist?

Digitalisierung. Sie wird falsch und übertrieben eingeschätzt, wie auch aus unserem Zukunftsreport 2017 hervorgeht. Eigentlich ist Digitalisierung ein alter Hut, Computer und Rationalisierung verändern seit zwanzig, dreißig Jahren die Arbeitswelt. Aber heute wird Digitalisierung immer mit gigantischen Disruptionen gleichgesetzt, mit dem Zusammenbruch ganzer Märkte. Das ist übertrieben, Digitalität ist einfach nur ein gutes Instrument, das man nicht nur zur Rationalisierung, sondern auch zur Ermächtigung von Kunden und Mitarbeitern einsetzen kann. Die Horrorgeschichte, dass demnächst alle Jobs durch Roboter ersetzt werden, ist Blödsinn. Gerade in den Dienstleistungssektoren, im kreativen Bereich spielt der Mensch auch künftig die Hauptrolle.

Um dem Geschrei in sozialen Netzwerken und einigen Medien zu entgehen, lohnt sich die digitale Diät? Auch mal offline gehen?

In Amerika gibt es längst eine Bewegung der "digitalen Diät". Unsere Kommunikations- und Informationskanäle sind entzündet. Wir leben in einer Hyper-Erregungs-Welt - das macht auf Dauer krank. (dpa)

"Der Trend Digitalisierung wird überschätzt"

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