André Gebel, Geschäftsführer von Coma.
André Gebel, Geschäftsführer von Coma. © Foto:Coma

André Gebel | | von Annette Mattgey

Der digitale Projekt-Burnout oder wie ich lernte, wieder Spaß zu haben

Was ist nur aus der guten alten Werbewelt geworden? Wo sind all die Partys, schrägen Vögel und aufgeblasenen Filmdrehs hin? Man wird das Gefühl nicht los, dass sich alles nur noch um Conversion, Timings und Budgetdruck dreht. Wo zum Teufel ist der Spaß geblieben?

Hin und wieder blitzt noch so etwas wie Freude und kindliche Begeisterung in den Augen von Konzepter und Art Director auf. Doch die Halbwertzeit geht kaum mehr über die Pitchphase hinaus.

Spätestens nach dem Sieg, kehrt dann so etwas wie Katerstimmung ein. Der Kunde erscheint zum nüchternen Auftaktgipfel und bestellt zunächst ein "all-in-one" zum Preis von einem "half-of-brief". Die neue, sagen wir mal, Website, muss demnach alles enthalten, was sowohl in den gesammelten Köpfen des Marketing-Teams, als auch im Best-Case-Szenario der Agentur (gern auch als "Blick in die Zukunft" präsentiert) enthalten ist.

Erste Kostendiskussionen nehmen bereits einen Großteil des Meetings ein und dämpfen weiter das Stimmungsbarometer. Dann beginnt der harte Anstieg mit den Überarbeitungen in Konzept und Design. Runde um Runde dreht sich das Rad des Unverständnis auf beiden Seiten. Endlose Mails, kollektives Kopfschütteln bei Telefonkonferenzen und die mentale Ablehnung, für Form und Inhalt nicht mehr gerade stehen zu wollen. Wer glaubt, danach wird es besser, der irrt. Denn nun folgt im digitalen Business die Königsdisziplin. Die Programmierung. Erst jetzt fällt auf, was denn überhaupt so geht. Und was auf immer eine Wunschvorstellung, zumindest zum abgestimmten Preis, bleiben wird. Auch wird dem Projektmanager bewusst, wie knifflig es ist, ein Team von hochkomplexen Menschen (Webentwickler) auf ein gemeinsames Event (Launch-Termin vom Kunden) einzuschwören. Die immer komplexer werdende Webwelt aus neuen Devices und Browser-Updates tut ihr übriges. Das Bugfixing am Ende kommt einem kumulierten Fliegenklatschen gleich.

Eins vorweg: Geschafft haben wir es noch immer, doch haben wir dabei Spaß gehabt? Der Kunde vielleicht? Hat es eine ordentliche Rendite erbracht? Hat der Kunde was eingespart und ist auf ewig dankbar? 4-mal "Nein" ist eine deutliche Antwort.

Wie kann man also zukünftig Projekte effizient abwickeln, inhaltliche Anforderungen von Agentur, Kunde und Zielgruppe gleichermaßen berücksichtigen und dabei auch noch Spaß haben? Drei Sachen auf einmal! Das schafft eigentlich nur… lassen wir das.

Unsere Lösung war im Grunde genommen ganz einfach. Wir setzen uns gemeinsam mit dem Kunden an einen Tisch und planen und realisieren das gesamte Projekt an 5 Werktagen. Der da oben hat dafür deutlich länger gebraucht. Doch das funktioniert natürlich nicht an 5 Einzeltagen, das funktioniert nicht im eigenen Büro und mit Smartphone in Reichweite schon mal gar nicht. Raus aus dem Alltag, weit weg von externen wie privaten Faktoren. Ausgesetzt in der Wildnis von … Valencia. Natürlich passen hier viele Namen hin. Für uns war es die spanische Metropole, da sie neben der fantastischen Lage am Meer, gleich mehrere Businesslösungen für uns bereithielt.

Wir gründeten also eine Agentur als Schaltzentrale für sogenannte Innovation Sprints. Und so fackeln wir in kürzester Zeit mit verdichteter Intensität das ganze Programm aus Briefing, Grobkonzept, Design bis hin zum Klickdummy in einer Woche ab. Der 5. Tag ist dann sogar für ein Testing innerhalb der Zielgruppe reserviert. Unser Ziel ist es, von Anfang an mit dem richtigen digitalen Produkt online zu gehen. Der Kunde fährt anschließend nicht nur mit einem Lächeln, sondern auch mit einem fertigen Produkt nach Hause, was bereits nach 5 Tagen auf Herz, Nieren und Bugs getestet wurde. Und kam der Spaß auch nicht zu kurz?

Wer einmal in Valencia war, wird das sicherlich nicht bezweifeln. Denn in der Zeit, wo gestaltet und am Prototyp gebastelt wird, bleibt Gelegenheit für die ein oder andere Auszeit. Ist das jetzt wirklich neu? Nein, denn wir wissen selbst, dass wir effizienter arbeiten, wenn wir ohne äußere Einflüsse konzentriert am Stück produzieren. Und trotzdem setzen wir uns Tag für Tag dem Projekt-Burnout aus. Ich jetzt übrigens nicht mehr.

André Gebel, Geschäftsführer der Münchner Digitalagentur Coma, ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Der digitale Projekt-Burnout oder wie ich lernte, wieder Spaß zu haben

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