Martin Ramsin, CareerFoundry.
Martin Ramsin, CareerFoundry. © Foto:CareerFoundry.com

Kommentar | | von einem Gastautor

Das Versagen bei der Weiterbildung

Vor wenigen Tagen erschien der Deutsche Weiterbildungsatlas, herausgegeben von der Bertelsmann Stiftung. Er untersucht die Weiterbildungsangebote und deren Nutzung in Kreisen und kreisfreien Städten und bietet Einblicke in die regionalen Unterschiede diesbezüglich. Es geht um Volkshochschulkurse und ähnliche, öffentlich geförderte Weiterbildungsmöglichkeiten. Die Kernaussagen, die die Studie aus den nicht mehr ganz frischen Zahlen von 2013 zieht: Insgesamt nur jeder Achte bildet sich fort. Und die Tendenz sei sogar noch rückläufig.

Weiterbildung findet online statt

Alarmierende Zahlen, möchte man meinen. Denn ist Weiterbildung nicht gerade in Zeiten der Digitalisierung mit ihren allerorts spürbaren Auswirkungen auf unser Leben und unsere Arbeit immens wichtig? Dies sehen auch die Herausgeber der Studie so und ziehen deshalb folgenden Schluss: Die Angebote sollten besser auf die lokalen Bedürfnisse zugeschnitten und könnten in Kooperation mit regionalen Partnern umgesetzt werden.

Wirklich zeitgemäß hört sich das für mich nicht an. In der gesamten Studie tauchen Begriffe wie E-Learning und Online-Kurse überhaupt nicht auf. Das mag daran liegen, dass der Weiterbildungsatlas eben die Angebote vor Ort untersucht. Aber nur, weil die Teilnehmerzahlen hier sinken, heißt das noch lange nicht, dass sich die Menschen allgemein weniger weiterbilden und deshalb noch mehr VHS-Kurse benötigen. Vielmehr nutzen sie zunehmend flexible Online-Möglichkeiten.

Wie beispielsweise Bitkom Research, die Meinungsforschungsabteilung des deutschen Digitalverbandes, in einer repräsentativen Umfrage herausfand, setzen beinahe zwei Drittel der Unternehmen bereits digitale Lernmöglichkeiten für ihre Mitarbeiter ein: Online-Kurse, web- oder PC-basierte Lernprogramme und ähnliche Angebote werden von Weiterbildungswilligen längst als Alternative wahrgenommen und genutzt.

Das Richtige lernen

Doch auch Bitkom sieht Verbesserungspotenzial. Im Juni veröffentlichte der Verband die Ergebnisse einer weiteren Umfrage unter 500 Unternehmen mit mehr als 10 Mitarbeitern zum Thema Digitalisierung. Die Befragten schätzten die Aussichten für digital gut ausgebildete Arbeitskräfte als freundlich ein: Mehr als die Hälfte der Unternehmen sieht neue Arbeitsplätze entstehen; ganze 97 Prozent messen der Weiterbildung in Digitalthemen eine große Bedeutung bei. Bei der Umsetzung allerdings hapert es. So gaben fast zwei Drittel der Unternehmen an, ihre eigenen Mitarbeiter nicht hinsichtlich digitaler Kompetenzen weiterzubilden. Nur ein Drittel der Befragten habe diesbezüglich überhaupt eine Strategie, und noch weniger (27 Prozent) planten dafür Budget ein.

Zieht man die Ergebnisse beider Bitkom-Umfragen zusammen, ergibt sich ein kontroverses Bild: Zwar haben anscheinend viele Unternehmen bereits E-Learning für ihre Mitarbeiter entdeckt, aber oft scheinen die Inhalte die klassischen Präsenz-Kurse gewissermaßen zu ersetzen. Das ist zu wenig und schöpft die Möglichkeiten noch lange nicht aus. Denn das Lernen hat sich insgesamt verändert. Und zwar sowohl die Art, wie wir lernen, als auch was.

Flexible Lern- und Lehrmodelle

Wie sieht also die Weiterbildung der Zukunft aus? Im Selbststudium, online, allein und verzettelt zu Hause am Rechner? Sicher nicht. Zwar ist das Internet eine unerschöpfliche Fundgrube an Tutorials für praktisch alles, was man lernen möchte. Doch für eine hochwertige und zielgerichtete berufliche Weiterbildung ist das nicht genug. Zudem zeigen die Erfahrungen mit E-Learning und Massive Open Online Courses (MOOCs), an denen hunderte Lernwillige quasi ohne echte Chance auf individuelle Fragen teilnehmen, dass sowohl Motivation als auch Verständnis sehr schnell nachlassen. Die anleitende Funktion des Präsenz-Kursleiters macht hingegen einen Vorteil dieser Art der Weiterbildung aus. Die Kombination aus beidem kann den Unterschied machen: online, flexibel, mit relevantem, zeitgemäßem Thema und begleitet von einem persönlichen Mentor, der Fragen beantwortet und während des gesamten Kurses unterstützt.

Das oft beschworene "lebenslange Lernen" darf nicht mehr nur ein "reicher an Erfahrung werden" meinen. Unternehmen brauchen eine Strategie, um ihre Mitarbeiter fit zu machen für das digitale Zeitalter. Jeder Einzelne ist gefragt, rege zu bleiben und die vielen Online-Möglichkeiten für sich zu nutzen, und gleichzeitig eben auch anzuerkennen, was andere sich abseits konventioneller Bildungspfade beigebracht haben – vielleicht auch ohne ein Zertifikat dafür zu haben. Und wir brauchen mehr Angebote, die state of the art sind und das vermitteln, was heute wirklich gefragt ist. Ob VHS-Kurse in dieser Entwicklung noch eine Rolle spielen, bleibt offen.

Martin Ramsin, Co-Founder von CareerFoundry, wuchs in Stockholm auf und entwickelte bereits früh eine Leidenschaft für Computer. Sein erster Job zog ihn direkt nach San Francisco, und das kurz vor dem Platzen der Internetblase. Zurück in Berlin entwickelte er bald eine Vorliebe für digitales Produktmanagement. Erst 2013 nahm er das Programmieren von Webseiten wieder auf, belegte Codecademy Kurse und brachte sich Ruby on Rails mit Hilfe von Online-Tutorials bei. Zusammen mit Raffaela Rein gründete er CareerFoundry, um viel mehr Menschen dabei zu helfen, ihr Potenzial zu entfalten. Heute arbeitet Ramsin in seinem Traumjob als Web Developer, COO und Gründer von CareerFoundry.

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