Gastkommentar | | von einem Gastautor

Das Ende der Nerds und der Aufstieg der "Brogrammer"

Der nerdige Programmierer, der nächtelang  an Websites schraubt, gerät zum Auslaufmodell. Gefragt ist jetzt der "Brogrammer". Ihm leistet der Yuccie, der Young Urban Creative, Gesellschaft. Warum diese Typen so gefragt sind, erläutert Alexander Krapp, Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Soulsurf.

Der eine Buchstabe macht den Unterschied. Das "B" verdrängt das "P". Aus dem Programmer wird der Brogrammer. Was phonetisch ein Klacks ist, steht für eine kleine Revolution in der Online-Branche.  Der nerdige Programmierer, der nächtelang  an Websites schraubt, in seiner Freizeit bevorzugt an der Konsole daddelt und aussieht, als würde er sich als Roadie bei Metallica bewerben wollen, gerät zum Auslaufmodell. Also genau jener Typ, der über all die Jahre die Stütze der vielen Online-Agenturen und Digital-Abteilungen in den Unternehmen war. Die fleißige, wenn auch kommunikativ etwas verkümmerte Arbeitsbiene. Der Stromberg-Ernie.

An seine Stelle tritt der Brogrammer: eine Mischung aus Bro – also dem typischen männlichen Twen interessiert an Party, Sport und coolen Klamotten – und dem Programmer. Kennzeichnend für den  eher machohaften "Party-Programmierer"  ist seine recht pragmatische  Haltung zum Job. Klar müssen die Programme laufen, aber das Gehalt am Monatsende ist mindestens genauso wichtig. Also: Sozial kompatibel, kommunikativ und gleichzeitig Programmierer – bisher war das für viele immer ein Widerspruch in sich. Aber das raue Stromberg-Leben hat uns gezeigt: Ulf macht eben schneller Karriere als Ernie.

Jede Zeit hat ihre Typen: Genauso wie der Brogrammer den Programmierer verdrängt, macht der Yuccie – also der "Young Urban Creative" – gerade dem Hipster den Garaus. Kurzum: Der Mainstream spült die Freaks davon.  Alt-68er Typen wie der Apple-Mitgründer Steve Wozinak metamorphosieren  zu  Unternehmenslenkern a la Tom Lehman und Ilan Zechory. Die rhetorisch talentierten Genius-Macher – für das New York Magazine sind sie die typischen Brogrammer. Tschüss Flanellhemd, willkommen Poloshirt.

Der neue Lifestyle ist ein sichtbares Zeichen für den Wandel der Branche selbst. Und der vollzieht sich aus meiner Sicht aktuell auf zwei Ebenen: Zum einen auf der ganz operativen im Tagesgeschäft, zum anderen aber auch grundsätzlich. Der Reihe nach:

Je schneller das Innovationstempo voranschreitet, desto stärker werden die Interdependenzen und komplizierter die Wirkungsketten. Beispiel Social Media: In der Steinzeit – also vor etwa sechs Jahren – gab es Twitter und Facebook. Ja, und alle haben wir uns über Gewinnspiele und ein bisschen Interaktion gefreut. Heute sind Pinterest, Instagram, Snapchat, Blogger-Relations und Influencer-Marketing und, und, und hinzugekommen. Jede Abteilung des Kunden pocht auf ihre individuellen KPIs. Es geht also nicht mehr darum, am schnellsten die Facebook-App zu programmieren, sondern im ersten Schritt die beste Beratungsleistung zu liefern. Wer berät, muss kommunizieren können. Und das kann Ulf eben besser als Ernie. Und mit den Work-Life-Balance-Ulfs verändern sich in den Agenturen die Strukturen und damit auch die Geschäftsmodelle. Noch fahren die meisten zweigleisig – bieten Beratung und Umsetzung. Doch die Margen in der Umsetzung werden weiter sinken. Das heißt: der Markt differenziert sich in beide Richtungen weiter aus.

Schlecht für alle, die als reine Programmier-Butze enden. Ihr Geschäft wird künftig noch schwieriger. Gut für alle mit hoher Beratungskompetenz. Noch besser für alle, die ihre  Beratungskompetenz auch im Tagesgeschäft ausspielen können, die also dem Kunden digitale Prozesse verständlich verklickern können.

Und noch etwas wesentliches:  Unsere  Branche ist erwachsen geworden. Es gibt in jedem Segment die Platzhirsche – egal, ob nun in Search, Social Media, Online-Video  oder E-Commerce. Auch, wenn uns die (Fach-)Medien häufig etwas anderes suggerieren: Wir sind inzwischen ein gutes Stück weit Establishment. Und das zieht zweifellos andere Leute an.  Denn egal ob früher in den Verlagen, später im Privatfernsehen oder dann in der Digitalbranche: es waren ideologisch getriebene Pioniere, im positiven wie negativen Sinne Verrückte die eine Branche aufgebaut hatten, sie aber selten bzw. nie im zweiten Schritt auch gemanagt hatten. Das soll kein wehmütig-verklärter Blick zurück sein.

Auch mit den Brogrammern und Yuccies werden wir in den kommenden Jahren ebenso viel Spaß wie Erfolg haben. Kritisch wird’s erst wenn die antiseptischen Controller anrücken. Aber darüber dann mehr an dieser Stelle im Jahr 2022.

Alexander Krapp ist Gründer und CEO der Münchner Beratungsagentur für das digitale Business Soulsurf. Seine Verantwortungsfelder sind Sales, Beratung und Strategien für digitale Geschäftsmodelle. 

Das Ende der Nerds und der Aufstieg der "Brogrammer"

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