Auszeit | | von Deutsche Presse-Agentur

"Carpe diem": Googles Finanzchef ordnet sein Leben neu

Google-Finanzchef Patrick Pichette gibt seinen Job auf und will stattdessen mit seiner Frau die Welt bereisen. Pichette werde noch bei der Suche nach einem Nachfolger helfen, der binnen sechs Monaten gefunden werden solle, teilte Google mit. Der 52-Jährige war seit August 2008 Finanzchef bei dem Internet-Konzern.

Pichette selbst schrieb in einer ungewöhnlich persönlichen Notiz beim Online-Netzwerk Google+, Auslöser für die Entscheidung sei ein Gespräch mit seiner Frau im September auf der Spitze des Berg Kilimandscharo in Afrika gewesen. Sie habe gefragt, ob sie nicht einfach weiterreisen könnten, durch Afrika, nach Indien, eventuell in die Antarktis. Er habe damals geantwortet, die Zeit dafür sei noch nicht gekommen. In den folgenden Monaten sei jedoch sein Entschluss gereift, auszusteigen. Er habe keinen guten Grund gefunden, noch länger damit zu warten, "sich die Rucksäcke zu schnappen". Stattdessen listet er drei Gründe auf, warum es Zeit ist, sich mehr seinen eigenen Interessen und seiner Partnerin zu widmen: Die Kinder sind außer Haus, Ohrenentzündungen und Hockey-Spiele vorbei. Pichette schreibt, er habe 25 bis 30 Jahre non stop gearbeitet. Er bezeichnet sich selbst als Mitglied der FWIO, "der noblen Bruderschaft der weltweiten unsicheren Übererfüller" (Fraternity of Worldwide Insecure Over-achievers). Und zum dritten sei er 25 Jahre mit Tamar verheiratet und "sie verdient mehr, viel mehr". 

Dank seines Vorstandsjobs und zahlreicher Google-Aktien kann sich Pichette den frühen Ruhestand aus Sicht gewöhnlicher Arbeitnehmer problemlos leisten. Laut jüngsten Mitteilungen an die SEC liegen bei ihm rund 150.000 Aktien und Optionen, die allein zum aktuellen Kurs über 80 Millionen Dollar wert sind. Das "Wall Street Journal" überschlug, dass Pichette in den vergangenen Jahren Aktien für 55 Millionen Dollar verkaufte. Sein Grundgehalt lag bei 650.000 Dollar, für das Jahr 2013 gab es nach letzten verfügbaren Angaben einen Bonus von drei Millionen Dollar.

Pichette kam zu Google vom kanadischen Telekom-Konzern Bell. Er spielte in den vergangenen Jahren eine wichtige Rolle als Vermittler zwischen dem Internet-Konzern und Wall-Street-Investoren. Unter anderem musste er sie überzeugen, dass Google nicht zu viel Geld für Zukunftsprojekte mit ungewissem Ausgang wie selbstfahrende Autos oder Ballons mit Antennen zur Internet-Versorgung ausgebe. Der Konzern setze das Geld dafür genauso diszipliniert ein, wie einst etwa für das mobile System Android, sagte Pichette in der Telefonkonferenz zu den jüngsten Quartalszahlen.

Zuletzt entpuppte sich unter den neuen Projekten die Datenbrille Google Glass als Problemfall: Statt des seit Jahren erwarteten breiten Marktstarts wurde die erste Version eingestellt. Ein neues Modell sei in Arbeit, hieß es. Sein Geld verdient Google unterdessen nach wie vor zu rund 90 Prozent mit Werbung im Umfeld von Suchanfragen und auf Partner-Websites.

Wenn Manager sich zurückziehen, "um mehr Zeit mit ihrer Familie zu verbringen" ist es oft nur das Feigenblatt für einen erzwungenen Abgang. Vor zwei Jahren spielte darauf der Mitgründer des Rabatt-Portals Groupon, Andrew Mason, an. Seine Abschied-E-Mail an die Mitarbeiter begann mit den Worten: "Ich habe beschlossen, mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Ist nur ein Scherz - ich wurde heute gefeuert."

Zugleich gibt es auch immer wieder Fälle, wenn Top-Manager wirklich ihre Karriere für das Privatleben zurückstellten. So beschränkte der aktuelle Chef des Pharmariesen Bayer, Marjin Dekkers, aus persönlichen Gründen seine Zeit an der Spitze des Konzerns. Der 57-Jährige bat im vergangenen Sommer darum, den Vertrag Ende 2016 auslaufen zu lassen.

Ebenfalls im vergangenen Jahr gab der Chef des Datenbank-Entwicklers MongoDB, Max Schireson, seinen Job auf, um mehr Zeit mit seinen drei Kindern im Alter zwischen 9 und 14 Jahren zu verbringen. Ihm sei klar, dass er sich mit diesem Schritt möglicherweise für spätere Chefposten disqualifiziere, schrieb Schireson damals in einem Blogeintrag. "Wird mich das eines Tages Dutzende Millionen Dollar kosten? Vielleicht."

Der in der Finanzwelt hoch angesehene Chef des US-Vermögensverwalters Pimco, Mohammed El-Erian, erklärte, er habe seinen Job aufgegeben, nachdem seine damals zehnjährige Tochter ihm eine Liste mit wichtigen Ereignissen aus ihrem Leben präsentierte, die er wegen seiner Arbeit verpasst habe. Darunter seien ihr erster Schultag und ihr erstes Fußballspiel gewesen. Der Rückzug von El-Erian Anfang 2014 hatte für Turbulenzen an der Börse gesorgt, es gab auch Spekulationen über einen Streit mit dem einflussreichen Gründer Bill Gross. El-Erian hatte bei Pimco ein Jahreseinkommen von rund 100 Millionen Dollar.

Andrej Sokolow, dpa

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