Cannes Lions 2014 | | von Uli Busch

Cannes: Was das Festival Digitalexperten bringt

Die jungen Digitalexperten Laura Brandt und Christoph Roman Schroeder von der Agentur hmmh waren eine Woche lang in Cannes und haben von dort für LEAD Digital gebloggt. Jetzt ziehen sie ihr ganz persönliches Cannes-Fazit und geben Tipps: Was hat sich gelohnt, was sollte man lassen und was bringt das Festival jungen Kreativen aus der Digitalbranche?

Eine Woche Cannes Lions – was bleibt im Kopf?

Eine Woche nach den Cannes Lions hat uns der Arbeitsalltag wieder voll erwischt. Immer noch überwältigt von der Fülle an Informationen und Impressionen, die wir mitgebracht haben, bleibt nur kurz Zeit, diesen Raum zu geben und sich zu fragen: Was bleibt wirklich langfristig im Kopf, was können wir nachhaltig einbringen und was bringt das Festival für junge Kreative aus der Digitalbranche?

Über 250 Speaker teilten an sechs Tagen ihr Wissen in Präsentationen, Seminaren, Workshops und Foren mit 13.000 Besuchern aus aller Welt. Es fanden immer ca. fünf Veranstaltungen parallel statt – man konnte weder alles besuchen, noch alles behalten. Wenn man sich keine Notizen macht, hat man am Abend oft schon vergessen, welche Vorträge man besucht hat. Insgesamt kann man sagen, dass das Festival sehr gut organisiert und strukturiert war. Es gab kaum Verspätungen, Ausfälle oder technisches Versagen. Die Bild- und Tonqualität war durchweg gut und es gab immer einen Platz, von dem aus man gut sehen konnte – bei den hohen Ticketpreisen allerdings irgendwie auch selbstverständlich.

In jedem Fall kehren wir mit einem Koffer voll Inspiration zurück und würden am liebsten sofort selbst loslegen und eigene „Goldideen“ spinnen. So viele herausragende Arbeiten zu sehen spornt in jedem Fall an, sich für die eigenen Kunden etwas auszudenken und richtig loszulegen – leider bleibt dafür im Arbeitsalltag oft wenig Zeit oder es wird von den Kunden nicht gewünscht oder honoriert. Aber nach dieser einen Woche haben wir in jedem Fall einen sehr guten Eindruck von der gesamten internationalen Werbebranche erhalten. Wir haben gesehen, wie große Agenturnetzwerke und Unternehmen sich und ihre Ideen präsentieren und erkannt, dass im Prinzip doch alle ähnlich ticken und das gleiche Ziel verfolgen – egal ob aus Fernost oder Wild West, ob klassisch oder digital, Kunde oder Agentur.

Am meisten im Kopf geblieben sind gute Vorträge mit relevanten Themen, echten Insights und Anwendungsbeispielen, die kurzweilig, charmant oder humorvoll vorgetragen wurden. Beispielsweise der Storytelling-Workshop mit Tyler Crowley, von dem wir lernten, wie man Investoren von einer Startup-Idee begeistert. Oder Intel, die uns zeigten, wie 3D-Drucker Kriegsopfern im Sudan helfen, ihre Prothesen selbst herzustellen. Von Hakuhodo aus Japan lernen wir, wie die Agentur der Zukunft aussehen wird.

Ebenso beeindruckend: der farbenblinde Neil Harbisson als echter „Cyborg“, der Farben über eine Antenne in seinem Kopf in Töne umwandelt. Auch das Thema „Big Data“ wird dank guter Vorträge von Richard Frankel (Rocket Fuel) oder Andy Lippman (MIT Media Lab) endlich greifbar. Große Marken wie Coca Cola, Beats by Dre und Procter & Gamble beeindrucken uns durch relevanten Content, mutige Kampagnen und großartige, emotionale Werbespots. McDonalds hingegen nur durch die kostenlosen Getränke in der „Young Lions Zone“... ;)

Die groß angekündigten und meist-gehypten Vorträge von und mit Stars wie Schauspielerin Sarah Jessica Parker, Jonathan Ive (Apple), Marissa Mayer (Yahoo) oder Regisseur Spike Jonze lohnen dagegen eher nicht. Aus unserer Sicht waren sie eher langweilig, schlecht vorbereitet und oft nur eine Werbeveranstaltung für Ego oder Charity-Projekte.

Auch wenn wir in diesem Jahr das erste Mal dabei sind, stellen wir fest, dass Cannes schon lange kein Werbefilm-Festival mehr ist, sondern dass sich das Programm und die Sponsoren stark am Nachwuchs und der digitalen Generation orientieren. Es geht um Wissenstransfer, Networking und Inspiration weit über die klassische Werbung hinaus. In kaum einem Vortrag ging es um Design oder klassische Werbung, oft waren es übergreifende Themen wie vor allem der Blick in die Zukunft der Kommunikation, Zusammenarbeit, Technologie oder relevanter Inhalte. Es waren enorm viele junge Kollegen dort, man kommt sehr schnell mit Menschen aus aller Welt in Kontakt und wenn man gut im Networking ist, kann man sicherlich auch viel für das eigene Geschäft rausholen.

Mittlerweile präsentieren sich in Cannes auch große Internetunternehmen wie Google, Microsoft, Spotify, Adobe, WeTransfer, Yahoo oder Samsung – und sie wissen sehr gut, womit sie die Besucher beeindrucken können. Besonders imposant: Google kommt nicht einfach nur mit einem Messestand daher, sondern mit einem eigens angemieteten Strandabschnitt samt Pier, der „Google Creative Sandbox“. Hier gibt es natürlich auch Talks und Vorträge, vor allem aber Entertainment und Bespaßung für all die großen Kinder. Bei Fotoaktionen, Lego-Bastelecke, T-Shirt-Druck, Tretboote, Massage, Hängematten, Buffett und Livemusik lässt sich ein Nachmittag bei 30° am Strand sehr gut aushalten – sofern man Zeit dazu findet. An der „Bar Code“ kann man sich sogar seine eigenen (kostenlosen) Drinks programmieren. Auch wir waren angetan und haben unsere Pause zwischen den Vorträgen gern im Google-Sandkasten verbracht.

Mein Fazit: Wir haben den Trubel genossen und es war aufregend, eine Woche lang Teil dieses bunten Zirkus´ zu sein, auf die Awardshows und Galas zu gehen, tolle Arbeiten zu sehen und einfach mitreden zu können. Auch wenn sich das Festival in den letzten Jahren sicherlich verändert und einer jungen, digitalen Generation immer mehr angepasst hat – viele Klischees der alten Werber-Welt stimmen noch immer. Auf der einen Seite die Welt mit genialen Ideen retten wollen, auf der anderen Seite spielt Geld hier keine Rolle, es wird ausgelassen gefeiert und die Realität für eine Weile vergessen. Obdachlose neben einer Reihe von Ferraris und Lamborghinis – in Cannes prallen Welten aufeinander. So wichtig Cannes für die internationale Werbebranche auch sein mag, als ich vor dem Palais in einer riesigen Schlange anstehe und von (französischen) Touristen gefragt werde, was denn hier los sei, antworte ich: „Um die Preisverleihung für die besten Werbespots der Welt zu sehen“ – und komme mir dabei plötzlich doch wieder sehr unwichtig und banal vor.

Unsere Tipps, um das Beste aus einer Woche Cannes Lions mitzunehmen:

  1. Vorbereitung
    Programm (zumindest für die ersten zwei Tage) im Vorfeld Zuhause studieren und Favoriten in der Cannes Lions App markieren. Favoriten für die Awards auf YouTube anschauen.
  2. Anreise & Unterkunft
    Hotel in der Nähe des Festivals (früh!) buchen, damit man Pausen überbrücken kann und die Abendgarderobe nicht mitnehmen muss. Mit dem Bus 210 kommt man in 50min. für 30€ vom Flughafen Nizza nach Cannes und zurück.
  3. Programm
    Nicht zuviel vornehmen: maximal 3-5 Termine pro Tag – gerade dann, wenn man noch Blog- oder Presseartikel verfassen möchte.
  4. Dokumentieren
    Während der Vorträge Notizen verfassen. Am besten danach gezielt Pausen zum Bloggen, Twittern und Facebooken einlegen, statt ständig auf alle möglichen Geräte zu achten.
  5. Networking
    Visitenkarten einpacken! Leute treffen, Kontakte knüpfen, Parties feiern – sofern Energie bleibt.
  6. Pause
    Ab und zu eine Pause in der „Google Creative Sandbox“ oder im McCafé gönnen: Gratis Drinks!
  7. Red Carpet
    Awardshows besuchen, Opening und Closing Gala mitnehmen.
  8. Equipment
    Nicht zuviel Equipment mitnehmen. Ein gutes Smartphone und Notizblock reicht eigentlich aus. An Ladekabel denken! Spiegelreflexkamera nur, wenn man Interviews oder Videos machen möchte. Ladestationen für Smartphones sind an einigen Messeständen vorhanden.
  9. Essen & Trinken
    Genügend Wasser und Verpflegung einpacken! Zwar gibt es kostenlose Getränke im McCafé, aber leider kein Wasser. Ein halber Liter Wasser kostet im Palais 3,10 Euro. Essen gibt es dort keins, dafür sehr teure und weniger gute Restaurants in der Stadt direkt gegenüber.
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