Etwas Abstand, bitte: Alex Krapp, Soulsurf, über das Miteinander in der Agentur.
Etwas Abstand, bitte: Alex Krapp, Soulsurf, über das Miteinander in der Agentur. © Foto:Soulsurf

Alexander Krapp | | von Alexander Krapp

Bollegen: Wie gelingt der Spagat zwischen Boss und Kollegen?

Alle sind per Du, alle haben den gleichen Dresscode und alle trinken zusammen das Feierabendbier. Und nicht selten sind alle etwa im gleichen Alter. Wer Chef ist und wer Mitarbeiter lässt sich in Agenturen – vor allem in den Hotshops – kaum mehr auf den ersten Blick erkennen. Häufig noch nicht mal auf den zweiten.

Frollegen – also Kollegen, die auch privat befreundet sind; das ist in der Praxis schon schwer genug. Doch "Bollegen" – also der Boss, der – wie man so schön sagt- auf Augenhöhe mit den Kollegen operativ die Projekte und Kampagnen schultert und gleichzeitig als unumstrittene Führungspersönlichkeit den Weg vorgibt ; das ist nochmal eine ganz andere Nummer. Dabei kommt es auf den richtigen Mix zwischen Freundschaft, Kollegialität mit dem Team und Autorität an.

1.    Weg mit alten Statussymbolen: Die eigene Assistentin – das ist in Agenturen schon lange verpönt. Doch jetzt müssen die Chefbüros dran glauben. Weg damit. Wer agil in flachen Teams unterwegs ist, darf sich nicht im eigenen repräsentativen Office verschanzen. Erst recht nicht, wenn alle sonst zusammengepfercht in winzigen Butzen sitzen. Rückzugsmöglichkeiten für Telkos, Mitarbeitergespräche und Brainstormings bietet ein separater Meetingraum, ansonsten sitzt der Chef bei seinem Team

2.    Rechtzeitig "tschüss" sagen: Work hard, play hard, heißt es, richtig? Also feiern – neudeutsch Teambuilding – gehört einfach dazu. Sei es nach einem gewonnenen Pitch, einem gelungenen Projekt oder eben nur einfach so. Und klar, dass da häufig auch Alkohol fließt – und so manches mal eben auch zuviel. Und genau da ist der Punkt, wo sich der Chef zurückziehen sollte. Schließlich wollen die Kollegen doch auch mal in entspannter Atmosphäre ihre Themen bereden und ebenso genüsslich und ausführlich über den Vorgesetzten herziehen. Was eignet sich besser als ein Abend bei einer Kiste Astra. Also: Nach dem ersten Bier heißt es für Cheffe: Abpfiff.

3.    Intimes bleibt tabu: Es bleibt nicht aus: Wer in kleinen Teams eng zusammen sitzt, bekommt über kurz oder lang auch privates mit. Hobbys, das vergangene Wochenende, Familie/Kinder etc. Smalltalk gehört dazu – man lotet so Gemeinsamkeiten aus. Das macht das Arbeiten leichter. Doch häufig ist das auch ein schmaler Grat. Von seinem Partner bzw. seiner Partnerin zu erzählen ist völlig okay. Doch Beziehungsprobleme dem Chef anvertrauen geht genau so wenig wie der Chef als Seelentröster.

4.    Die Entscheidung trifft nur einer: Wie sagte Jochen Schweizer doch neulich?  "Meine Stärke ist die, dass ich Leute finde, die auf ihrem Gebiet besser sind als ich." Wohl für kaum eine Branche gilt das mehr als die digitale: Wissen hat immer kürzere Halbwertzeiten, wir brauchen junge Leute, die ihr Ohr am Puls der Zeit haben. Von ihnen können wir lernen. Deshalb sollte jeder Chef für Tipps aus dem Team dankbar sein - sie sind ein Zeichen von Engagement und Identifikation mit dem Unternehmen. Allerdings gibt es auch hier einen schmalen Grat: Ratschläge ja – doch sämtliche strategisch-unternehmensrelevanten Entscheidungen – sei es für oder gegen ein Projekt, für oder gegen eine Personalie oder auch für oder gegen eine Investition – trifft die Geschäftsführung. Allein und nicht im Team.

5.   Ärmel hochkrempeln, wenn's eng wird: Geregelte Arbeitszeiten in Agenturen? Das klappt nicht immer … Schön für den Chef, wenn er alles fein säuberlich delegiert hat und  um 18 Uhr die Biege macht, während das Team noch schuftet. Aber eben ganz schlecht fürs Betriebsklima. Deshalb: Selbst mit anpacken, wenn's eng wird: Websites designen, Texte kloppen, Social-Media-Konzepte ausbrüten – was auch immer. Hauptsache das Team fühlt sich nicht sträflich allein gelassen.

6.    Facebook: Schwierige Sache und muss nicht sein. Denn wer soll die Freundschaftsanfrage senden? Kommt sie vom Chef, fühlt der Mitarbeiter sich gezwungen, sie anzunehmen, und wenn nicht, der Chef sich auf den Schlips getreten. Andersherum überwindet sich auch nicht jeder Mitarbeiter, seinem Chef eine Freundschaftsanfrage zu senden. Fazit: Beim Thema Social Media lieber einen Gang zurückschalten. Definitiv zu intim.

Alexander Krapp ist Gründer und Geschäftsführer von Soulsurf. Das digitale Beratungsunternehmen mit Sitz in München entwickelt und implementiert seit 2009 digitale Geschäftsmodelle für Unternehmen wie Deloitte, Moët & Chandon und die NFON. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

 

 

Bollegen: Wie gelingt der Spagat zwischen Boss und Kollegen?

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

Leserkommentar

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht